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Dirlewang

17.06.2020

Wie ein Oberriedener im Zweiten Weltkrieg Kopf und Kragen riskierte

Alfons Müller mit einem Foto seiner Großeltern. Er selbst war bei Kriegsende zwar erst zwei Jahre alt, aber seine Mutter erzählte ihm einmal eine rührende Geschichte von seinen Großeltern, die ihm in bester Erinnerung blieb.
Bild: müsa

Plus Der Großvater von Alfons Müller aus Oberrieden hat im Zweiten Weltkrieg Herz gezeigt und sich selbst in Gefahr gebracht.

Wie schwer die Zeiten während des Zweiten Weltkriegs für die Menschen waren, wird heute nur noch durch Erzählungen greifbar. Als der Krieg endete, war Alfons Müller aus Loppenhausen zwar erst zwei Jahre alt, doch eine Geschichte seines Großvaters Xaver Waigel, die ihm seine Mutter einmal erzählte, blieb in Erinnerung.

Alfons Müller lebte bis zu seinem fünften Lebensjahr auf dem Hof der Großeltern in Oberrieden und neben seiner Mutter waren auch immer wieder abwechselnd viele Cousins und Cousinen da. „Wir hatten immer genug zum Essen, im Gegensatz zu den Leuten in der Stadt. Auf einem Bauernhof konnte man einigermaßen durchkommen. Jedenfalls musste niemand wirklich Hunger leiden“, erzählt der Rentner heute. Da sein Großvater etwa 20 Bienenvölker hatte, bekam er für die Bienenfütterung im Winter immer eine ziemlich große Zuckerration. Zucker galt damals oft als Mangelware. „Von diesen Vorräten gab es manchmal auch einen Kuchen, obwohl dies streng verboten war. Wir durften es halt nicht an die große Glocke hängen“, schmunzelt Alfons Müller heute.

Tägliche Versorgung mit Milch und Brot

Sein Großvater, den er als eher wortkargen Mann in Erinnerung hat, zeigte damals ein großes Herz: Noch während des Zweiten Weltkriegs weckte eines Nachts der Hund durch lautes Gebell die Bewohner und Xaver Waigel schaute nach dem Rechten. Nach einiger Zeit kam er zurück und meinte, dass nichts Besonderes gewesen sei. „Niemand ahnte oder wusste zu dieser Zeit, dass auf dem Hof ein französischer Gefangener aus einem Gefangenenlager war, nicht einmal meine Großmutter“, berichtet Alfons Müller. „Der Fremde ist zu Fuß geflohen und war auf dem Heimweg nach Frankreich, was wir aber erst zwei Jahre später genau erfuhren.“ Sein Großvater habe den Fremden im hinteren Teil des Stadels versteckt.

Wie ein Oberriedener im Zweiten Weltkrieg Kopf und Kragen riskierte

Ohne dass jemand davon wusste, versorgte er ihn täglich mit Milch und Brot. „Manchmal hat er ihm auch die Reste vom Mittagessen in einer Schüssel hingestellt.“ Jeden Morgen stand die leere Schüssel da und so ging es einige Wochen. „Wenn das damals herausgekommen wäre, dann hätte es meinem Großvater den Kopf gekostet“, sagt Alfons Müller. Eines Morgens jedoch, sei das bereitgestellte Essen unberührt gewesen. So auch am darauffolgenden Tag. Da war klar, dass der heimliche Gast sein Lager in Oberrieden verlassen hat. „Der Strohstock, wo das geerntete Getreide zum Dreschen aufbewahrt wurde, war leer.“

Menschlichkeit während des zweiten Weltkriegs

Zwei Jahre nach Kriegsende kam ein fremder Mann auf den Hof und nur sein Großvater wusste, um wen es sich handelte. „Ich kann mich noch genau an das Spielzeug erinnern, dass der Fremde uns Kindern mitgebracht hat. Ein Pferdchen mit einem kleinen Einachswägelchen, das man mit einem Federwerk aufziehen und in Bewegung setzen konnte. Ich weiß noch zu gut, wie es in dem kleinen Esszimmer hin und her und von Wand zu Wand sauste“, erinnert sich Alfons Müller.

Genau dieses Geschenk war es, dass dem Loppenhauser vor etlichen Jahren in die Hände fiel. Er besuchte den alten Hof in Oberrieden, der mittlerweile abgerissen wurde. Damals wurde ein neuer Stall mit Jauchegrube gebaut und in dem Aushub fand Alfons Müller zufällig eine Hälfte des kleinen Blechpferdchens wieder. „Ich empfinde großen Respekt und bin sehr stolz auf meinen Großvater, da er Menschlichkeit zeigte und dem Fremden ein Versteck bot und ihm zu essen gab“, sagt er.

Der russischen Gefangenschaft entgangen

Sein Opa ist 1957 gestorben. Wie viel Leid seine Großeltern während des Zweiten Weltkriegs ertragen mussten, lässt sich kaum erahnen. Drei ihrer Söhne ließen innerhalb von zwei Jahren ihr Leben in Russland und Südfrankreich. „Einer davon stand in Südfrankreich an der Front und hätte eigentlich mein Taufpate werden sollen. Er bekam auch tatsächlich Fronturlaub und war auf der Heimreise nach Deutschland mit der Eisenbahn unterwegs. Bei Dole jedoch sprengten die Partisanen den Zug in die Luft und dort starb er in den Trümmern und wurde auf dem Friedhof in Dole begraben“, erzählt Alfons Müller.

Sein Vater entging der russischen Gefangenschaft. „1943 war mein Vater bei der paramilitärischen Bautruppe mit Bagger, Lastwagen und Tieflager samt Schmiermaxe in Lettland. Noch vor Kriegsende musste der Bagger wegen einem gravierenden Schaden an der Seilwinde zur Reparatur zurück nach Memmingen gebracht werden. Diese Heimfahrt ersparte ihm wahrscheinlich die Gefangenschaft.“ Bei Kriegsende war er wieder daheim.

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