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Unterallgäu

31.10.2019

Wie ein Türkheimer Fußballer zum Lebensretter wurde

Eugen Peil kurz nach der Operation, bei der ihm Anfang Oktober Stammzellen entnommen wurden.
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Eugen Peil kurz nach der Operation, bei der ihm Anfang Oktober Stammzellen entnommen wurden.
Bild: Peil

Plus Eugen Peil spielt beim SVS Türkheim. Was viel wichtiger ist: Er hat Knochenmark gespendet – und damit einem kleinen Mädchen im Kampf gegen Krebs geholfen.

Rund ein Prozent. So niedrig lag die Wahrscheinlichkeit, dass es ihn tatsächlich treffen würde. Aber nun war diese Mail da. „Es war komisch. Mich hat gefreut, dass ich helfen konnte. Aber ich hatte auf einmal so ein Verantwortungsgefühl für jemanden, den ich gar nicht kannte“, sagt Eugen Peil, als er an jenen Tag im August denkt. An den Tag, an dem er erfuhr, dass er Knochenmarksspender werden sollte. An den Tag, der sein Leben veränderte und wohl ein anderes rettete.

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Vor sechs Jahren verschlug es Peil, seit vielen Jahren für den SVS Türkheim am Ball, berufsbedingt nach Augsburg. Um dort neben der Arbeit einen Ausgleich zu finden, beschloss er nach einiger Zeit, als Trainer im Jugendbereich zu arbeiten. Zuletzt, vor seiner Rückkehr ins Allgäu, betreute er in Augsburg eine E-Jugend selbst und eine A-Jugend als Co-Trainer. „Die Arbeit dort war wirklich toll“, erinnert sich Peil. „Aber dann hatten wir diesen Fall, einen Spieler, gerade einmal 17 Jahre alt. Mit Leukämie.“ Der 30-Jährige schüttelt den Kopf. „Es kann wirklich jeden treffen.“

Knochenmarkspender Eugen Peil spielt beim SVS Türkheim Fußball

Nur wenige Monate später bekommt Eugen Peil die Möglichkeit, einem Menschen in genau derselben Situation das Leben zu retten. Die Mail, die ihn damals im August erreicht, stammt von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS). Die gemeinnützige Organisation vermittelt Stammzellspenden an Patienten, die an Blutkrebs erkrankt sind – so wie der „genetische Zwilling“ von Eugen Peil. Es muss jetzt schnell gehen, im Kampf gegen den Tod zählt jede Sekunde. Also geht Peil zum Hausarzt und schickt zur Absicherung eine Blutprobe an die DKMS. Kurz darauf die Nachricht: Alles in Ordnung, Herr Peil, Sie sind ein geeigneter Spender.

Wie ein Türkheimer Fußballer zum Lebensretter wurde

„Dann beginnt die Phase, in der du nervös bist, definitiv“, sagt Peil. „Ich bin eher ein introvertierter Typ, der viel grübelt. Da habe ich schon unruhig geschlafen.“ Die Stammzellen können auf zwei Arten gewonnen werden. Entweder werden sie dem Spender in einer Operation unter Vollnarkose aus dem Beckenkamm entnommen. Oder der Spender durchläuft eine spezielle Prozedur, in der sein Blut in einem Kreislauf aus der Armvene in einen sogenannten Zellseparator geleitet wird und anschließend zurück in den Körper fließt. „Das hätte ich sofort zugesagt. Aber man hat mir schnell gesagt, dass nur die Operation mit Vollnarkose infrage kommt. Da habe ich mir schon Gedanken gemacht, ein gewisses Risiko ist ja schon da“, sagt Peil, der erst seit Anfang April eigenständig die Filiale einer großen Versicherung in Kaufbeuren leitet.

Trotzdem dauert es nicht lange, bis Peil die bislang wohl persönlichste Entscheidung seines Lebens endgültig getroffen hat: Er will sein Knochenmark spenden. Also fährt er Anfang Oktober mit seinem besten Freund Fabi zur Entnahmestation. Nach einer Nacht im Gästehaus der Klinik betritt er um sechs Uhr morgens die Station. Kurz umziehen, OP-Hemd an, dann geht es los. Narkose an, Lichter aus. 45 Minuten später ist alles vorbei, Peil hat etwa einen halben Liter gespendet. „Angeblich sind bei meinem Eingriff zwei Nadeln abgebrochen, weil meine Knochen zu hart sind“, sagt Peil und lacht. „Aber davon habe ich nichts gespürt, ich hatte auch nach dem Eingriff quasi keine Beschwerden.“

Nach der OP erfährt der Türkheimer Fußballer, an wen die Spende geht

Die Stunden nach der Operation verbringt der frischgebackene Stammzellenspender im Krankenhaus. „Da kannst du ja nicht viel machen – also haben Fabi und ich einige Runden „Mensch ärgere Dich nicht“ gespielt. Er ist normalerweise ein ganz schlechter Verlierer, aber da hat er mich gewinnen lassen“, erinnert sich Peil mit einem Grinsen. Und damit der außergewöhnlichen Begebenheiten nicht genug: „Warum auch immer, ich habe auf einmal überragend gewürfelt. Da kam ein Sechser nach dem anderen. Das war Karma, wahrscheinlich …“ Noch am selben Abend kann er das Krankenhaus verlassen.

Am Tag danach erfährt Peil, an wen seine Spende gegangen ist: Es ist ein Mädchen, aus Deutschland, zwischen sechs und zwölf Jahre alt – ein ganz besonderer Umstand für den 30-Jährigen. „Ich habe zwei Nichten, sechs und neun Jahre alt. Mein Patenkind ist zwölf. Das ist genau die Spanne, in der auch sie liegen muss.“ Umso wichtiger sei es ihm, die Empfängerin seiner Spende eines Tages kennenzulernen. In den kommenden beiden Jahren dürfen sich beide zunächst nur anonym schreiben. Peil möchte sich aber zunächst zurückhalten. „Die Eltern machen momentan schon genug durch, die brauchen Ruhe und Zeit für ihren Kampf. Sollte sie mir aber schreiben, würde es mich sehr, sehr freuen.“ Wenn beide es wollen, wäre nach den zwei Jahren auch ein persönliches Treffen möglich.

Eugen Peil über seinen "genetischen Zwilling": "Wir sind Kämpfer"

So oder so: Die Anerkennung aus seinem Umfeld ist Peil sicher. Besonders beeindruckt hat ihn die Reaktion seiner Mannschaftskollegen beim SVS Türkheim. Als er in einer Spielersitzung erklärte, warum er in den kommenden Trainingseinheiten und Spielen nicht dabei sein könne, applaudierten seine Mitspieler. „Alle haben sich dafür ausgesprochen und mich beglückwünscht“, sagt Peil. Er sei seitdem sogar als Vorbild oder Held angesprochen worden. „Das sehe ich aber nicht so. Ich habe nur eineinhalb Tage geopfert, mich hingelegt und wurde dann umgedreht. Das war’s. Die richtige Arbeit haben die DKMS und die Ärzte geleistet.“ Auch ohne seinen besten Freund Fabi und seine Mitarbeiterin Tanja hätte er die Spende nicht so problemlos meistern können.

Ihm sei es wichtig, weiterhin auf das Thema Knochenmarksspende aufmerksam zu machen – egal, wo: „Auch auf dem Sportplatz haben mich die Leute schon gefragt, warum ich nicht gespielt habe. Dann erkläre ich das offensiv – in der Hoffnung, die Leute dazu zu animieren, sich auch registrieren zu lassen.“ Trotzdem wolle er zeitnah wieder auf dem Platz stehen und für die zweite Mannschaft des SVS in der A-Klasse gegen den Abstieg kämpfen.

In knapp einem halben Jahr erfährt Eugen Peil von der Entnahmestation, wie es dem kleinen Mädchen geht, für das er Stammzellen gespendet hat – ob es Fortschritte gibt oder gar nichts passiert ist. Letzteres glaubt Peil freilich nicht. „Ich gehe davon aus, dass alles klappt“, sagt der 30-Jährige und klingt überzeugt. „Sie ist mein genetischer Zwilling, wir sind Kämpfer. Die packt das schon.“

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