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Mindelheim

30.12.2020

Wie unser ältestes Redaktionsmitglied über das Altern denkt

Der MZ-Leserskitag konnte im Februar zur Freude von Autor Johann Stoll noch stattfinden. Die Ruhe danach hatte aber auch ihre guten Seiten.
Bild: Jakob Stoll

Plus Zum Jahreswechsel denken das älteste und das jüngste Redaktionsmitglied der MZ übers Altern nach: "Jedes Lebensalter hat seinen ganz besonderen Zauber", findet unser Autor.

Seit drei, vier Jahren fällt mir eine Verhaltensänderung an mir selbst auf: Morgens, wenn ich die druckfrische Mindelheimer Zeitung zur Hand nehme, suche ich als erstes die Todesanzeigen. Das habe ich vielleicht früher auch schon gemacht aus einem gewissen beruflichem Interesse heraus. Schließlich ist es für einen Lokalredakteur wichtig zu wissen, wer verstorben ist. Aber inzwischen stelle ich fest: Es kommt immer häufiger vor, dass ich jemanden persönlich näher kenne, der da von uns gegangen ist. Das muss mit dem Alter zu tun haben, mit meinem Alter.

Wie unbeschwert war das Leben in der Kindheit. Was waren das für endlos lange Sommerferien in meiner Grundschulzeit! Sechs Wochen kamen mir damals vor wie heute ein halbes Jahr. Oft fischten wir Kinder tagelang mit den Fingern Krebse aus einem Bach, nur um sie dann wieder im Wasser auszusetzen. War das spannend! Heute würden Kinder in dem Bach bei Kirchheim wohl leer ausgehen. Die Krebse dort sind längst ausgestorben.

Die Zeiten werden mit jedem Jahr schnelllebiger. Nur Corona hat wie eine Bremse gewirkt. Immerhin: Der MZ-Leserskitag im Februar konnte noch stattfinden. Danach war Distanz geboten. Das lässt auch die Zeit wieder langsamer vergehen. Ist bei mir jedenfalls so.

Über Leben und Tod

Ich bin nun in einem Alter angekommen, in dem ich einem Klassenkameraden die letzte Ehre erweisen durfte. Er war ein guter Freund und nur ein paar Monate älter als ich. An diesem Tag Ende September, als der Sarg in die Erde gelassen wurde, ist mir bewusst geworden, auf welch zerbrechlichem Grund unsere Lebensgewissheiten stehen. Weitreichende Zukunftspläne, immerwährende Gesundheit, ausfüllende Arbeit – das kann von jetzt auf gleich vorbei sein.

Es gab heuer noch ein einschneidendes Erlebnis. Ein anderer guter Freund hatte einen schweren Radunfall. Wochen und Monate wurde er in Kliniken und Reha-Einrichtungen gut versorgt, und doch ist er noch lange nicht wieder der Alte. Belastend ist für alle: Wegen Corona sind Besuche praktisch nur noch für enge Familienangehörige möglich. Auch hier lagen alle Gewissheiten plötzlich in Trümmern vor mir ausgebreitet, aber auch ein Gefühl der Dankbarkeit dafür, dass wir so ein gutes Gesundheitssystem haben.

Was war das doch für ein unbeschwertes Leben, damals in meinen 20ern. Abitur, Bundeswehr, Studium. Die Welt stand uns allen offen. Übers Älterwerden verschwendeten meine Freunde und ich keinen Gedanken. Warum auch? Nur einer fand es furchtbar, als er 20 wurde. Er war sicher, er werde seinen 30. Geburtstag nicht erleben, weil er ja dann unerträglich alt wäre. Gottlob lebt er heute noch und ist wohlauf. Bei der Beerdigung im September haben wir uns wieder gesehen. Ich habe mich gefreut, dass er sich so getäuscht hat.

Mit dem Alter kommen die körperlichen und seelischen Signale

Beruf, Familie, Kinder – das Leben galoppiert rasend schnell dahin. Das ist schon so. Jetzt mit Ende 50 ahne ich mehr, als dass ich es mir eingestehe, dass die körperlichen und seelischen Signale des Älterwerdens mehr werden. Wirklich Rücksicht nimmt man aber nicht und glaubt, einfach weitermachen zu können wie mit Mitte 20.

Wenn ich an die Zukunft denke, dann sind das mehr grundsätzliche Wünsche. Sie gelten weniger mir als meinen Kindern, unseren Kindern generell auf unserem kranken Globus, der dringend Hilfe braucht. Sie sollen ein Leben führen können, das sie erfüllt und das in Einklang mit der Natur steht. Dazu zählt nicht nur eine gute Schulbildung als Grundlage für einen Beruf. Bildung ist viel mehr – Freude an Literatur, an Musik, an Pflanzen und Tieren und schönen Begegnungen mit Menschen, die es gut meinen. Dass wir uns über die täglichen Dinge des Lebens wenig Sorgen machen müssen, ist ein Glück für uns alle. Aber ein glückliches Leben besteht weniger darin, materielle Reichtümer anzuhäufen. Schon sehr bald bricht ein neues Jahr an. Wir wissen alle nicht, was es bringen wird. Aber es bleibt spannend.

Lesen Sie auch: Wie unser jüngstes Redaktionsmitglied über das Altern denkt

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