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Mindelheim

30.12.2020

Wie unser jüngstes Redaktionsmitglied über das Altern denkt

Man kann und darf auch als Erwachsener Spaß im Streichelzoo haben, findet unsere Autorin Melanie Lippl.
Bild: Karl Hofmann

Plus Zum Jahreswechsel denken das älteste und das jüngste Redaktionsmitglied der MZ übers Altern nach: "Auf das Geburtsjahr auf dem Ausweis kommt es nicht an", findet unsere Autorin.

Meist mache ich mir keine allzu großen Gedanken über mein Alter – es ist wie es ist, und weder ärgere ich noch freue ich mich allzu sehr darüber. Am 2. Januar 1992 war das allerdings anders. Ich war eingeladen bei meiner Kindergartenfreundin Martina. Sie feierte gerade Geburtstag und gemeinsam mit ihrer Freundin Franziska wollten wir „Fang den Hut“ spielen. Von „6 bis 99“ stand auf der Schachtel des Brettspiels geschrieben – und wie wir so zu dritt am Boden saßen, stand für Martina und Franziska schnell fest: Die fünfjährige Melanie darf nicht mitspielen. So sind schließlich die Regeln.

Dass sie beide die Spielregeln gar nicht lesen konnten, ich jedoch schon, hat die beiden „Großen“ herzlich wenig interessiert. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, ob ich sie irgendwann doch noch davon überzeugen konnte, mich mitspielen zu lassen, oder ob wir dann einfach auf Puppen umgestiegen sind, aber diese Szene hatte sich in mir eingebrannt: Ich wurde plötzlich nicht danach beurteilt, was ich kann, sondern nur danach, dass ich zu jung für etwas war.

Liebe zur Sprache als roter Faden

Die früh entdeckte Liebe zur Sprache ist mir geblieben, ich habe sie inzwischen zum Beruf gemacht. Und noch etwas hat mich seither begleitet: Stets war ich eine der Jüngsten – ob in der Schule, im Studium, im Volontariat oder im Freundeskreis. Viele Jahre waren unsere Auszubildenden in der Redaktion älter als ich als gelernte Redakteurin. Auf Terminen wurde ich ständig gefragt: „Wie lange sind Sie denn schon in dem Beruf?“ oder – noch besser: „Und Sie machen gerade ein Praktikum bei der Zeitung?“

Vielleicht finde ich es deshalb gar nicht so schlimm, älter zu werden. Zugegebenermaßen: Die 30 war schon eine kleine Hürde, aber seit mir klar wurde, dass eine Zahl nichts darüber aussagen muss, wie ich mich zu benehmen habe, ist vieles leichter. Wenn ich Freunde besuche, die der Kinder wegen ein Trampolin besitzen, stelle ich mich drauf und hüpfe herum. Wenn auf einer Feier niemand tanzt und ich trotzdem Lust darauf habe, fange ich an. Wenn es neben dem Biergarten einen Streichelzoo gibt, bin ich die Erste, die drinsteht und die Ziegen krault. Das Leben ist zu kurz, um am Ende eines Tages zu bereuen, dass man etwas nicht getan hat, nur weil es vielleicht nicht „altersgerecht“ war. Ich mache, was ich will – und so lange ich damit niemandem schade, hat sich auch keiner einzumischen. Man wird gelassener mit dem Alter: meine Erkenntnis mit Mitte 30.

Googeln Sie mal Baddie Winkle. Sie ist 92, Model und Internetstar – weil sie zeigt, dass man auch im Alter noch alles tragen kann, und sei es noch so grell und bunt. Sie ist mein Vorbild – nicht unbedingt, was die Outfits betrifft ... aber in Bezug auf die innere Einstellung. Auf das Geburtsjahr auf dem Ausweis kommt es nämlich nicht an.

Neues ausprobieren: Wer rastet, der rostet

Zipperlein und Krankheiten werden mehr (ja, bereits mit 34!), aber ich will ihnen nur so viel Platz einräumen wie nötig. Stattdessen ist es mir wichtig, jeden Tag etwas zu tun, das mir oder anderen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Neues ausprobieren. Den Alltag durchbrechen. Heuer stand ich zum ersten Mal auf einem Stand-Up-Paddle-Board. Ich bin spontan nach Augsburg geradelt, ohne jemandem davon zu erzählen. Ich habe das Zeichnen wiederentdeckt, ein Insektenhotel gebaut, neue Gipfel bestiegen und mehr. Dass man immer dazulernen kann, beweist mir mein 82-jähriger Opa, der sich vor einem Jahr das neueste Smartphone zugelegt hat und mir mitten im Lockdown zum Geburtstag ein Video von sich und Oma geschickt hat.

Corona hat uns gezeigt, wie schnell sich das Leben ändern kann, wie schnell es vorbei sein kann. Nicht dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben geben, ist die Devise. Auf viele Tage hoffe ich trotzdem. Schon als ich als Fünfjährige bei Martina zum Geburtstag eingeladen war, war ich mir sicher: Ich will einmal 100 werden. Das Ziel verfolge ich auch heute noch, drücken Sie mir die Daumen!

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