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Unterallgäu

19.07.2020

Wie wird ein Garten zum Hortus?

Steinpyramiden sind nicht nur ein Hingucker im Hortus, sondern auch wichtig als Lebensraum für Tiere. Sie nutzen die Schlupflöcher, welche so eine Pyramide zahlreich bietet.
Bild: Markus Gastl

Plus Auch drei Gärten aus dem Unterallgäu gehören dem sogenannten Hortus-Netzwerk an. Was es damit auf sich hat, erklärt dessen Gründer Markus Gastl.

Hortus ist lateinisch und heißt übersetzt Garten. Was macht einen Garten zum Hortus?

Markus Gastl: Das sind sechs Punkte, nämlich Vielfalt, Schönheit, Nutzen, Kreislauf, Nachhaltigkeit und Kreativität.

Was verstehen Sie unter Vielfalt?

Gastl: Vielfalt bedeutet, dass in einem Garten unterschiedliche Pflanzen vorkommen. Wenn einer eine Hecke hat mit 50 Hainbuchen, dann kann er nicht sagen, dass das Vielfalt ist. Er könnte diese 50 Hainbuchen aber auch durch 50 einheimische Sträucher ersetzen. Dann hat man automatisch auch mehrere unterschiedliche Insekten und damit auch in diesem Bereich Vielfalt, da hängt viel dran: Habe ich viele verschieden Insekten, habe ich auch die Tiere da, die diese Insekten fressen – Vögel, Reptilien, Amphibien.

Als zweiten Punkt haben Sie die Schönheit genannt. Liegt die nicht im Auge des Betrachters?

Gastl: Genau, da kann man natürlich drüber diskutieren. Ich bediene mich da aber gerne eines Vergleichs: Wenn ich jetzt mal annehme, der liebe Gott hat alles geschaffen und ich sitze auf einem Aussichtspunkt und schaue mir das Alpenpanorama an: Wenn der liebe Gott ordentlich wäre, hätte er dieses Panorama gleich hoch gemacht und alle Berggipfel mit einem rechten Winkel. Er ist aber nicht ordentlich, sondern die Schöpfung ist schön und deswegen haben wir da eine sehr unterschiedliche Linie. Wäre es ordentlich, wäre es nicht schön. Schönheit ist, meine ich, nur die Natur, die Schöpfung. Der heutige Mensch verwechselt Schönheit aber oft mit Ordnung.

Hortus heißt auch Nutzgarten – aber nur in einer der Zonen, in welche so ein Hortus unterteilt werden sollte.
Bild: Markus Gastl

Der Nutzen erschließt sich: Man baut Obst und Gemüse an. Was ist mit Kreislauf gemeint?

Gastl: Es sollte uns gelingen, den Garten in ein geschlossenes System zu verwandeln. Dieser Kreislauf ist nachhaltig. Mich fragen die Leute oft: Wie konnten Sie diesen Garten finanzieren? Und ich sage dann, schauen’s her: Die meisten Leute machen’s so: Die haben einen Garten, 800 Quadratmeter, die fahren ständig Zeug weg auf die Grüngutdeponie. Da müssen’s zahlen. Dann fahren sie weiter ins Gartencenter oder den Baumarkt und kaufen die Ressourcen, die sie brauchen, da haben sie also das zweite Mal den Geldbeutel aufgemacht und weil sie den ganzen Tag nicht im Garten sind, sondern draußen spazierenfahren, müssen’s an die Tankstelle und machen das dritte Mal den Geldbeutel auf. Ich aber fahre nichts weg, ich fahre nichts her, ich verbringe die Zeit in meinem Garten und für das Geld, das ich mir spare, kaufe ich mir einheimische Pflanzen, die auch ohne großen Aufwand wunderbar wachsen.

In einem Hortus gibt es immer etwas zu entdecken.
Bild: Markus Gastl

Aber wenn Sie Pflanzen kaufen, holen Sie ja auch was her.

Gastl: Stimmt, man kann sich’s ja nicht unbedingt selber züchten. Aber den Leuten soll bewusst werden, was sie tun. Die meisten machen ja Dinge, weil man es halt schon immer so macht oder weil es uns die Werbung oder die Gesellschaft so vorgibt. Das ist ein großer gesellschaftlicher Zwang, dem die Leute in allen Bereichen ihres Lebens ausgeliefert sind und auch bei der Anlage ihres Gartens. Wenn in einem Neubaugebiet jeder Garten einen Rasen und eine Thujahecke hat, gehört schon Mut dazu, auf heimische Natur zu setzen.

Rührt das vielleicht auch daher, weil viele irrtümlich denken: „Thujahecke und Rasen sind irre pflegeleicht.“?

Gastl: Ja, da gibt es eine falsche Wahrnehmung. Das liegt auch an der Werbung, die den Leuten vermittelt: Wenn du einen Rasen hast und einen automatischen Rasenmäher, dann wirst du keine Arbeit mehr haben. Aber das ist natürlich verkehrt. Da ist ganz viel Unwissenheit im Spiel. Und woher sollen es die Leute auch erfahren? Wenn sie zu einen Gartenmarkt fahren und sagen: „Ich will eine Blumenwiese“, erfahren sie nicht, wie man eine richtige Blumenwiese anlegt. Sondern sie bekommen einjährige, fremdländische Mischungen, die toll ausschauen, aber nächstes Jahr wieder frisch ausgesät werden müssen. Da stecken große wirtschaftliche Interessen dahinter. Wenn mich die Leute fragen, welche Pflanzen sie kaufen sollen, sage ich: Fragen Sie die Verkäuferin, zu welchen Pflanzen es Zusatzprodukte gibt. Und dann wird sie sagen: „Für Rasen haben wir was, für Rosen, Rhododendron, Hortensien, Petunien und Geranien.“ Ja da ist doch vollkommen klar, welche Sachen ich mir nicht anschauen werde.

Wer ein Sandarium baut, hat vielleicht bald den Bienenwolf zu Gast.
Bild: Markus Gastl

Die pflegeleichte Alternative wäre also der Hortus.

Gastl: Ja. In einem Hortus wird nie gegossen, nie – außer in der Ertragszone, wo ich Gemüse anbaue. Der Rest wird nicht gegossen, weil er aus einheimischer Vegetation besteht und die kann tatsächlich diese Klimaschwankungen aushalten. Die Pflanzen werden bei Trockenheit vielleicht braun und unansehnlich, aber wenn’s im Winter wieder regnet, wachsen die wieder, das ist überhaupt kein Problem. Der Hortus ist ein extrem pflegeleichter Garten, weil er sich die Natur zum Vorbild nimmt. In ein Staudenbeet muss die Gärtnerin viel Arbeit investieren, sie muss hacken und gießen und rupfen und zupfen und düngen, da ist die das ganze Jahr dran. Und draußen am trockenen Hang, am Naturschutzgebiet blüht im Juni alles in schönsten Farben. Dort sehen wir nie jemanden, der dort hackt und gießt und vertikutiert und irgendeine Arbeit macht. Und das sind die wertvollsten und schönsten Flächen, die wir haben.

Markus Gastl setzt sich für mehr Natürlichkeit in der Natur ein.
Bild: Markus Gastl

Wir haben noch nicht über den sechsten Punkt gesprochen, die Kreativität.

Gastl: Das bedeutet, dass ich meinen eigenen Kopf anstrenge und Dinge gestalte. Jeder Mensch kann gestalten. Wenn ich im Baumarkt etwas kaufe, ist es Massenware und die ist immer Kitsch und keine Kunst. Im Hortus wird nicht gekauft, sondern kreativ gestaltet. Das was ich da gestaltet habe mit meinen zwei linken Händen ist Kunst, das ist einzigartig und viel, viel mehr wert als der Gartenzwerg, der in China millionenfach produziert wurde.

Heißt dass, das auch jeder seinen Garten in einen Hortus verwandeln kann? Oder braucht es da eine gewisse Quadratmeterzahl oder Fachkenntnis?

Gastl: Nein, man muss sich nur klarmachen, was diese sechs Dinge bedeuten, sich auf einen neuen Weg begeben und sich ändern. Damit tut sich der Mensch schwer. Aber das Normalste, was es in der Natur gibt, ist der Wandel. Und den kann man begleiten und mitgestalten.

Ein klassischer Hortus gliedert sich in eine Puffer-, eine Ertrags- und eine Hotspot-Zone. Muss man alle drei Zonen haben?

Gastl: Nein, das ist nicht zwingend notwendig. Wichtig ist nur, dass man versteht, dass man die Komplexität eines Hortus nur erreichen kann, wenn man tatsächlich bemüht ist, diese drei Zonen zu haben. Die Pufferzone, also die Hecke, schützt mich nach außen. Denn alle Systeme brauchen einen Schutz nach draußen. Die Hotspot-Zone sind die mageren Bereiche. Nur dort wächst die Vielfalt der einheimischen Pflanzen. Dort sind die meisten Insekten. Und das Mähgut von dort ist wieder Teil der Düngung der Ertragszone. Die Zonen arbeiten in sich so zusammen, dass sie ein perfektes System bilden.

Aktuell gibt es mehr als 600 Hortus-Gärten. Was ist das Ziel des Hortus-Netzwerks?

Gastl: Das große Ziel ist so ein dichtes Netzwerk, dass jeder in Deutschland jemanden in seiner Umgebung findet, der nach diesem Modell gärtnert und mit dem er sich austauschen kann. Es geht darum, die Leute zusammenzubringen. Ein weiteres Ziel ist die Vernetzung auch innerhalb der Landschaft, damit – das ist auch der Beiname des Hortus-Netzwerks – Oasen des Lebens entstehen, von wo aus sich die Tiere und Pflanzen neu verbreiten können.

Kann sich zum Hortus-Netzwerk jeder anmelden?

Gastl: Ja. Wichtig ist nur, dass derjenige verstanden hat, worum es geht. Und er muss sich an die Vorgaben halten: keine Chemie verwenden, sich für die einheimischen Tiere einsetzen und einheimischen Pflanzen den Vorzug geben. Diese Grundbedingungen sind nicht schwierig, aber sie sind ernst zu nehmen. Eine Prüfung gibt es aber nicht.

Haben Sie einen Tipp für Leute, die jetzt nicht gleich ihren ganzen Garten umgestalten, aber im Kleinen etwas bewirken wollen?

Gastl: Man kann zum Beispiel eine Steinpyramide bauen. Da sind viele Schlupflöcher für Tiere drin und sie sieht gut aus. Und danach bauen die Leute vielleicht einen Käferkeller oder ein Sandarium und kommen so zu einer vielfältigen Gestaltung. Oder man kann in seinem Staudenbeet die Gartencenterpflanzen mit der Zeit durch einheimische Pflanzen ersetzen, die einheimische Insekten anziehen. Und so kommen sie Schritt für Schritt zum eigenen Hortus.

Interview: Sandra Baumberger

Markus Gastl aus Mittelfranken ist Gründer des Hortus-Netzwerks. Der 52-Jährige hat Geographie studiert und arbeitet als Krankenpfleger. Er hält Vorträge über den von ihm entwickelten Drei-Zonen-Garten, hat dazu auch mehrere Bücher geschrieben und bietet Führungen durch seine beiden Gärten Hortus Insectorum und Hortus Felix an. Insgesamt kümmert er sich um rund 10.000 Quadratmeter Garten. Im Unterallgäu sind der Hortus Malus von Almut Siebig in Apfeltrach, der Hortus Frische Kiste Garten von Heike und Stefan Hartwich in Bedernau und der Hortus Kunterbunt vom Familie Lotterbach aus Mindelheim offiziell registriert. Mehr über das Netzwerk und den Garten von Markus Gastl erfährt man unter www.hortus-netzwerk.de und www.hortus-insectorum.de.

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