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13.03.2009

"Wir sind alle in erster Linie Menschen"

Türkheim (emf) - "Juden in Deutschland? Wieso, ich hab gedacht, die leben alle in Israel?" Die Aussage stammt von einem Jugendlichen, aber auch viele Erwachsene, die wenig über das Thema nachdenken, sitzen ähnlichen Vorurteilen auf.

Vorurteile entlarven, nachdenken und seriöse Informationen sammeln - das stand hinter einer ungewöhnlichen Unterrichtsstunde der Klasse 9c des Joseph-Bernhart-Gymnasiums. Religionspädagogin Thea Schulze-Nicolai hatte Dr. Michael Heinzmann von der Ludwig-Maximilians-Universität München eingeladen.

Dr. Heinzmann ist Dozent für jüdische Geschichte und Kultur

Heinzmann hat dort Philosophie studiert und ist später als Dozent ans Historische Seminar der Uni zurückgekommen. Er baute 1998 den Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur mit auf, war als wissenschaftlicher Begleiter am Bau der Münchner Synagoge beteiligt und ist Mitglied im Referentenpool für Synagogengespräche.

"Wir sind alle in erster Linie Menschen"

Dort lernte ihn Thea Schulze-Nicolai im vergangenen Jahr kennen und auch schätzen, als sie mit einer anderen Klasse die Synagoge besichtigte.

Sie lud Heinzmann nach Türkheim ein, denn sie ist der Ansicht, dass eine Begegnung mehr bewirkt als hundert theoriebefrachtete Schulstunden. In der Tat wirkten die Neuntklässler beeindruckt und interessiert.

Im Unterricht wurde das Thema intensiv vorbereitet

Im Unterricht hatten sie sich bereits intensiv mit dem Thema Judentum befasst. Sichtbares Zeichen dafür waren selbst gestaltete Plakate zum Thema Holocaust. Die Jugendlichen waren aber nicht nur gut vorbereitet, sondern äußerten auch konstruktiv-kritische, eigenständige Gedanken.

Als Diskussionsgrundlage diente der Film "Ein ganz gewöhnlicher Jude". Es ist ein Film, der hohe Aufmerksamkeit und Empathie einfordert; einziger Darsteller ist Ben Becker, der in einem anderthalbstündigen Monolog seine Situation als 1959 in Deutschland geborener und aufgewachsener Jude reflektiert - mal zornig und bitter, mal aggressiv oder zynisch, gegen Ende hinzunehmend ratlos, hilflos und von innerer Qual zerrissen.

Der Film dokumentiert die Suche nach Identität und die Unmöglichkeit, im heutigen Deutschland als Jude ein "ganz normaler Mensch" sein zu können.

"Die Antisemiten würgen mich, die Philosemiten umarmen mich. Bei beiden bleibt mir die Luft weg", heißt es da etwa. Oder: "Unsere Geschichte - die jüdische Krankheit - wir können sie nicht loslassen, man schleppt sie mit sich herum wie einen Buckel."

Das Verbindende wiegt schwerer als das Trennende

Was Heinzmann den Schülern vor allem anderen vermitteln wollte, war das Bewusstsein dafür, dass "wir alle in allererster Linie Menschen sind", dass wir alle Hände, ein Gesicht, einen Namen und unsere Menschenwürde haben. Dass dies das Entscheidende und Verbindende ist und schwerer wiegt als alles vermeintlich Trennende. "Judentum", so Heinzmann, "ist nichts Museales. Wir dürfen es nicht allein durch das Prisma der Shoa sehen."

Mehr darüber werden die Schüler in der kommenden Woche erfahren, wenn Heinzmann ein weiteres Gespräch mit ihnen führt: vor Ort in der Synagoge am Münchner Jakobsplatz.

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