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Welt-Alzheimertag im Unterallgäu

21.09.2017

„Wo geht’s denn hin?“

Die Hausschuhe können aus purer Zerstreutheit in der Spülmaschine gelandet sein. Wenn sich solche Vorfälle häufen, können sie aber auch auf eine Demenz hinweisen.
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Die Hausschuhe können aus purer Zerstreutheit in der Spülmaschine gelandet sein. Wenn sich solche Vorfälle häufen, können sie aber auch auf eine Demenz hinweisen.
Bild: ArTo, fotolia

Als Demenzbegleiter ist Norbert Blum Chauffeur, Gesellschafter, Helfer – und Lernender.

Montags und mittwochs wird Norbert Blum aus Dirlewang zum Chauffeur. An den anderen Tagen ist er meist Hausmeister, vor allem aber Gärtner. Dann schneidet er Hecken, mäht Rasen, kümmert sich um umgeknickte Stauden und um alles andere, was in einem Garten eben so anfällt. Und zwar ehrenamtlich. Seit eineinhalb Jahren engagiert er sich bei der Nachbarschaftshilfe, die die Stadt Mindelheim ins Leben gerufen hat und kam so vor einem Jahr auch zu Alois Maier (Name geändert). Der ist Mitte 70, alleinstehend – und dement. Er weiß nicht, welcher Wochentag gerade ist, will an schlechteren Tagen seine Pflegerin nicht ins Haus lassen oder läuft unvermutet weg. Aber jeden Montag und Mittwoch setzt er sich mit großer Freude zu Norbert Blum ins Auto. Freilich nicht, ohne vorher fröhlich zu fragen: „Wo geht’s denn hin?“ „Zum Kaffeetrinken nach Mindelheim“, antwortet Norbert Blum dann und fährt los zur „Blauen Blume“, wo sein Fahrgast singen, spielen, Kaffee trinken, kurz: einen vergnüglichen Nachmittag haben wird.

Anfangs hat Norbert Blum den Senior einfach hingefahren und später wieder heimgebracht. Bis zu diesem einen Tag, als Alois Maier in seiner Jacke nach dem Haustürschlüssel suchte – und Norbert Blum da erst auffiel, dass der Senior gar nicht seine eigene Jacke trug. Das sei ein Schlüsselerlebnis gewesen, das seinen Blick verändert habe. „Ich schaue jetzt genauer und bewusster hin, weil bei Demenzkranken Vieles eben nicht selbstverständlich ist.“ Weil er mehr darüber wissen wollte, wie man mit ihnen umgehen kann und was die Krankheit bedeutet, ließ er sich in 40 Unterrichtseinheiten zum ehrenamtlichen Demenzbegleiter ausbilden. „Seither sehe ich das Thema ganz anders als früher“, sagt Norbert Blum.

Gutes Zureden half nicht

„Wo geht’s denn hin?“

Dabei war es für ihn eigentlich gar nicht neu: Seine Mutter, die vor zehn Jahren gestorben ist, litt ebenfalls unter Demenz. „Aber damals hab ich das alles nicht verstanden“, gibt der 63-Jährige offen zu. Demenzen waren damals längst nicht so bekannt wie heute. Viele nahmen sie nicht als Krankheit wahr, weil sie äußerlich nicht sichtbar sind wie etwa ein gebrochener Fuß. Da hieß es aus dem Umfeld dann oft lapidar: „Mei, die wird halt kindisch.“ Das Verständnis dafür, was das für die Betroffenen, aber auch die Angehörigen bedeutet, fehlte meist.

Heute sei das glücklicherweise anders, findet Norbert Blum. Die Schulung habe seinen Blick auf die Kranken verändert und ihm auch Sicherheit gegeben. „Früher hätte ich nicht gewusst, wie ich mit manchen Situationen umgehen soll, da war ich hilflos“, sagt er und nennt ein Beispiel: Einmal war Alois Maier vor der Fahrt zur „Blauen Blume“ mit seiner Pflegerin spazierengegangen. Als Norbert Blum ihn abholen kam, wollte er sie jedoch partout nicht ins Haus lassen, geschweige denn, ihr oder ihm seinen Hausschlüssel überlassen. Weil gutes Zureden nicht half, brachen Norbert Blum und Alois Maier schließlich zum „Kaffeetrinken“ in die „Blaue Blume“ auf, wo Norbert Blum zu einer kleinen Notlüge griff: Als sie gemeinsam am Tisch saßen, fiel ihm plötzlich ein, dass er die Haustür ja gar nicht abgesperrt habe. „Gib mir doch grad den Schlüssel, dann erledige ich das noch schnell“, bat er Alois Maier, der ihm den Schlüssel nun völlig problemlos aushändigte.

Geduld ist gefragt

So einfach ist es freilich nicht immer. Wenn man mit einem Demenzkranken etwa drei Kilometer von zuhause entfernt ist und dieser plötzlich keinen Schritt mehr laufen will, wie es einer Kollegin von Norbert Blum passiert ist, kann das den Adrenalinspiegel schon nach oben treiben.

Aber auch dafür fand sich eine Lösung: Ein zufällig vorbeikommender Bekannter brachte die beiden im Auto zurück und die Demenzbegleiterin beschränkt die gemeinsamen Ausflüge seither auf Touren rund ums Haus. In den vergangenen Wochen führten sie mit schöner Regelmäßigkeit zu den Apfelbäumen, weil der ehemalige Landwirt immer wieder nachsehen wollte, wie heuer die Ernte ausfällt.

Etwas Geduld sollte man als Demenzbegleiter also schon mitbringen. „Aber ich weiß ja, dass ich nach einer gewissen Zeit wieder gehen kann“, sagt Norbert Blum. Deshalb seien solche Wiederholungen, die er auch mit Alois Maier erlebt, nicht weiter schlimm. Im Gegenteil: Bei der Betreuung lerne er wahnsinnig viel. „Und es kommt so viel zurück. Das ist einfach nett.“ Bereut hat er sein Engagement jedenfalls noch nie. Als freigestellter Betriebsrat war Helfen schon zuvor sein Lebensinhalt, da konnte er jetzt in der passiven Phase der Altersteilzeit doch „nicht hinsitzen und warten bis es Abend ist“.

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