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Volksliedersingen

23.04.2019

„Wo gesungen wird, da lass dich nieder“

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Die Treffen erinnern an die früheren Hoigata, als man in den Dörfern am Abend zusammen saß, spielte und sang.

Ein Virus hat das Unterallgäu erfasst: Die Menschen strömen zu den Singabenden

Zum dritten Mal findet an diesem Abend ein Volksliedersingen im neuen Gemeindehaus in Rammingen statt. Und schon eine halbe Stunde vorher werden die Plätze knapp. Ernst Woisetschläger vom „Dorftreff“ und seine Helfer müssen in den Keller, um weitere Stühle zu besorgen. Ein Virus geht im Landkreis um, er verursacht das Verlangen, gemeinsam singen zu müssen.

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Denn nicht nur in Rammingen, auch in den Nachbargemeinden treffen sich - meist ältere Mitbürger - um alte Volkslieder wie „Im Frühtau zu Berge“ , „Wenn die bunten Fahnen wehen“ , „Am Brunnen vor dem Tore“ oder „Tief im Böhmerwald“ miteinander zu singen. Man kennt und trifft sich wieder, ob in Oberegg oder Markt Wald. Manchmal kommen bis zu 150 Singbegeisterte zusammen.

Ernst Woisetschläger organisiert das Volksliedersingen, das mit ins Veranstaltungsprogramm des neuen Gemeindehauses aufgenommen wurde. Er wirft einen Blick auf die Besucher und meint: „Gut die Hälfte sind aus Rammingen.“ Die anderen kommen an diesem Abend aus Unteregg, Türkheim, Amberg und sogar aus den Landkreisen Ostallgäu und Augsburg.

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Und eine Familie aus Kirchdorf meint: Wer von dem Virus befallen sei, dem sei kein Weg zu weit. Gab es diese Veranstaltungen am Anfang sporadisch mal in Unteregg oder Breitenbrunn, so springen nun immer mehr Orte auf diesen neuen Trend auf. „Wir sind mindestens einmal in der Woche unterwegs“, so die Aussage der begeisterten Sänger aus Amberg.

Die Treffen erinnern an die früheren Hoigata, als man in den Dörfern am Abend zusammen saß, spielte und sang. Damals gab es auch keinen Fernseher, es war die einzige Möglichkeit, den Feierabend zu genießen. Aber es besteht anscheinend eine Ur-Sehnsucht der Menschen, etwas in der Gemeinschaft zu tun. Dies bestätigt auch Dirigent Max Pfluger aus Markt Wald.

Vergangenen Monat organisierte der Dirigent des Kirchenchores ein erstes Singen in seinem Heimatort. Und obwohl der Termin eigentlich kaum bekannt gemacht wurde, sei das Veranstaltungslokal aus allen Nähten geplatzt. Auch hier seien die Besucher bis von Augsburg gekommen.

Damit man auch den richtigen Ton und den richtigen Text findet, dafür sorgt in Rammingen wieder einmal Siegwart Müller aus Mindelheim. Der begeisterte Musiker hat schon in jungen Jahren angefangen, Akkordeon zu spielen. Nun ist er über 80 Jahre, aber die Musik halte ihn jung, und deshalb gebe er bei den verschiedensten Treffen gerne den Ton an. Er spielte übrigens viele Jahre für den Trachtenverein D’Mindeltaler.

Für den Text sorgt Woisetschläger der die Singbücher, gestiftet vom CSU-Landtagsabgeordneten Franz Josef Pschierer, verteilt. In dem dicken Buch sind so ziemlich alle gängigen Volkslieder, auch internationale wie „Das Land Tirol“, enthalten. Die Sänger sind an diesem Abend begeistert dabei und gönnen sich kaum eine Pause.

Und auch der festgesetzte Rahmen, nach zwei Stunden sollte eigentlich Schluss sein, werde selten eingehalten. Meist müsse man ganz „Unersättliche“ kurz vor Mitternacht „rauswerfen“.

Und getreu dem alten Lied „Wo gesungen wird, da lass dich nieder, denn böse Menschen kennen keine Lieder!“ gehe es immer friedvoll zu. Sogar bei der Reihenfolge der Lieder einige man sich schnell, wenn auch jeder so seine Vorlieben hat. Das Schlusswort hat dabei natürlich der Musikant.

Für Organisator Ernst Woisetschläger haben diese Treffen eine große Bedeutung: „Die Menschen sind fröhlich, verbringen nette Stunden in der Gemeinschaft und sorgen zugleich dafür, dass das alte Liedgut weiter lebt“.

Angesichts des großen Zulaufes sei es für ihn unverständlich, dass ein Antrag von Peter Hartmann und ihm an das bayerische Kultusministerium, dass die Volkslieder als „immaterielles Kulturgut“ aufgenommen werden, abgelehnt wurde.

Vielleicht gerade auch wegen der Ablehnung ist Woisetschläger unentwegt unterwegs. Er organisiert nicht nur die Ramminger Veranstaltungen, sondern ist auch noch in Mindelheim aktiv, wo sich der Kulturverein unter anderem im Reichsadler zum Singen trifft.

Diese Abende werden nicht einmal mehr angekündigt, weil die Plätze nicht ausreichen.

Übrigens: Die Treffen enden meist mit dem gleichen Lied: Bajazzo. Und wenn man den Text liest, versteht man auch die Stimmungslage, in der sich die Menschen in der heutigen oft so gefühllosen Zeit befinden, und man versteht den Erfolg dieser Veranstaltungsserie gleich viel besser:

„Warum bist du gekommen,

wenn du schon wieder gehst.

Hast mir mein Herz genommen,

Und wirfst es wieder weg.

Ich bin kein Bajazzo,

Bin auch nur ein Mensch wie Du

Und leise schlägt mein Herz dir zu!“

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