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Memmingen

06.07.2020

Zwei Frauen sind durch eine Stammzellenspende für immer verbunden

Sie stoßen gemeinsam darauf an, dass die Stammzellenspende erfolgreich war: Anna Hatke (links) und ihre Stammzellspenderin Ulrike Großmann (rechts). Im Oktober 2019 trafen sich die beiden das erste Mal persönlich. Seitdem ist eine tiefe Freundschaft entstanden.

Plus Als die Memmingerin Ulrike Großmann vor fünf Jahren Stammzellen spendet, weiß sie nicht, wem sie damit ein neues Leben schenkt. Bis sie an Weihnachten einen Brief erhält.

An den 24. Februar 2015 kann sich Anna Hatke noch gut erinnern. Es war der Tag, an dem ihr die Ärzte sagten, dass sie vielleicht bald sterbe. Die Diagnose: akute lymphatische Leukämie. Der Schock sitzt bis heute tief. „Das vergisst man so schnell nicht“, sagt die 27-Jährige.

Zuerst fühlte sie sich nur erkältet

Eigentlich habe sie sich nur erkältet gefühlt, erzählt Hatke, die aus dem kleinen Ort Hörstel in Nordrhein-Westfalen stammt. „Im Februar war ja auch Erkältungszeit.“ Sorgen habe sie sich deshalb zunächst nicht gemacht. Doch dann bemerkt sie viele blaue Flecken und Einblutungen am Körper, bekommt Schwindelanfälle, muss sich übergeben. Ihr Hausarzt vermutet Pfeiffersches Drüsenfieber. Er schickt Hatke zur Abklärung ins Krankenhaus. „Ich dachte, ich bleibe da eine Nacht“, sagt die junge Frau, die mittlerweile in Münster wohnt. Doch aus der einen Nacht werden schließlich viele Monate.

Schnell ist klar: Anna Hatke ist auf eine Stammzellspende angewiesen. „Bei manchen reicht auch eine Chemo-Therapie“, erklärt sie. „Aber bei mir war das Restrisiko zu groß, dass bösartige Zellen im Blut verbleiben und die Leukämie wiederkommt.“

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Die Suche nach Hatkes „genetischem Zwilling“ beginnt sofort. Sie gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Laut DKMS (ehemals Deutsche Knochenmarkspenderdatei) findet jeder zehnte Blutkrebs-Patient in Deutschland keinen passenden Stammzellspender. Doch Hatke hat Glück: Es wird eine Spenderin gefunden, deren Gewebemerkmale zu 100 Prozent mit ihren übereinstimmen. Es ist Ulrike Großmann aus Memmingen.

Die Stammzellenspende aus Memmingen kommt nach nur vier Monaten

Von da an geht alles ganz schnell. Am 23. Juni 2015, nur knapp vier Monate nach ihrer Diagnose, erhält Hatke Stammzellen von Großmann. Zuvor unterzieht sie sich zusätzlich einer Chemo-Therapie, um die Leukämiezellen abzutöten. Als der Tag der Spende kommt, ist Hatke nervös: „Ich dachte mir: Das ist jetzt also das Blut der Spenderin.“ Die Spende an sich ist allerdings „relativ unspektakulär“, sagt Hatke: Über einen Venenkatheter erhält sie die Bluttransfusion.

Danach beginnt die Zeit des Wartens, Hoffens, Bangens. Nach zehn langen Tagen kommt endlich die erlösende Nachricht: Die Zellen haben sich vermehrt, Anna Hatkes Körper hat die Spende angenommen. Sie wird leben.

Schnell kommt bei ihr Neugier auf, wer ihre Spenderin ist. „Ich hab’ mich immer gefragt: Wer hatte diese guten Zellen?“, sagt Hatke und lacht. Die deutschen Richtlinien sehen allerdings vor, dass sich Spender und Patient erst zwei Jahre nach der Spende persönlich kennenlernen dürfen. Nach Ablauf dieser Frist erfragt Hatke bei der DKMS die Kontaktdaten. An Weihnachten 2017 schreibt sie Ulrike Großmann einen Brief.

Vom Brief war die Memmingerin überwältigt

Die 48-jährige Memmingerin ist überwältigt, als sie die Zeilen liest. „Von jemandem zu hören, der durch eine kleine Spende eine zweite Lebenschance bekommen hat, war sehr berührend“, sagt Großmann. Die beiden Frauen halten von da an Kontakt miteinander. Bald kommt der Wunsch auf, sich auch persönlich zu treffen. 2019 ist es dann soweit: Anna Hatke macht sich mit ihren Eltern und ihrem Freund auf den Weg nach Memmingen. „Ich war tierisch nervös“, erzählt sie. Als sie dann auf ihre Lebensretterin trifft, kann sie es gar nicht richtig glauben. Der Moment ist für die zwei Frauen sehr emotional. „Aber wir hatten gar keine Scheu. Wir waren beide sehr neugierig und haben uns direkt gut verstanden“, erzählt Hatke. Auch Großmann erinnert sich: „Es war, als würden wir uns schon ewig kennen.“ Gleichen sich die „genetischen Zwillinge“ also auch im echten Leben? „Ich würde schon sagen, dass wir uns ein bisschen ähnlich sind“, sagt Hatke lachend.

Ende Juni feierte die junge Frau heuer ihren „fünften Geburtstag“. Denn dann sind genau fünf Jahre seit der lebensrettenden Stammzellspende vergangen. Ein Grund zum Feiern: Nach fünf Jahren ohne Rückfall ist das Risiko, wieder an Leukämie zu erkranken, so gering wie vorher. Gerne hätte sie diesen bedeutenden Tag mit Ulrike Großmann verbracht. Doch aufgrund der Corona-Pandemie ist dieses Vorhaben erst einmal auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Die beiden Frauen stehen aber nach wie vor in regelmäßigem Kontakt. Zwischen ihnen ist eine enge Freundschaft entstanden. „Annas Mutter hat gesagt, ich gehöre zur Familie“, erzählt Großmann gerührt. Sie würde sich wünschen, dass sich noch mehr Menschen in der Spenderdatei aufnehmen lassen. „Es ist so eine Kleinigkeit für einen selber und so ein großes Geschenk für jemand anders.“


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