Startseite
Icon Pfeil nach unten
Mindelheim
Icon Pfeil nach unten
Bad Wörishofen
Icon Pfeil nach unten

Vergessene Blütezeit: Bad Wörishofens Gartenstadt war einst das Herz von Handel und Handwerk

Bad Wörishofen

Vergessene Blütezeit: Bad Wörishofens Gartenstadt war einst das Herz von Handel und Handwerk

  • |
  • |
  • |
  • |
    In Bad Wörishofens Gartenstadt leben etwa 3500 Menschen. Das Thema Nahversorgung war zuletzt ein Dauerthema.
    In Bad Wörishofens Gartenstadt leben etwa 3500 Menschen. Das Thema Nahversorgung war zuletzt ein Dauerthema. Foto: Bernd Feil

    Dass der größte Kneippstädter Ortsteil, die Gartenstadt mit ca. 3500 Einwohnern mehr oder weniger zur einer Schlaf- und Wohnstadt ohne eigene Identität geworden ist, dürfte bekannt sein. Eine geringe Hoffnung auf mehr Leben und vor allem Einkaufsmöglichkeiten bestand (oder besteht vielleicht durch die Aussage von Daniel Pflügl im Wahlkampf) wohl durch die Diskussion um einen zumindest kleinen Supermarkt hier. Pflügl hatte bei der Podiumsdiskussion unserer Redaktion einen potenziellen Investor ins Spiel gebracht. Manche hatten wohl auch gedacht, dass auf dem ehemaligen Schwermer-Gelände etwas entstehen könnte, doch da wurden Wohnungen und Häuser gebaut. Erich Zuber, das historische Gewissen der Gartenstadt, weiß, dass die Situation in den frühen Jahren der „Siedlung“, wie der Stadtteil damals meist etwas abwertend genannt wurde, noch ganz anders war.

    In einem Ordner mit Bildern und Plänen hat er festgehalten, was in den 40er-, 50er- und 60er-Jahren an großen Firmen, Handwerksbetrieben und der Grundversorgung mit Lebensmitteln bis hin sogar zu einer Arztpraxis alles zu finden war und für entsprechend mehr Leben sorgte. Die Anfänge der Gartenstadt finden sich ja bereits unmittelbar nach Kriegsende, nicht zuletzt durch die Ansiedlung vieler Heimatvertriebenen, die sich oft mit eigener Hände Arbeit hier eine neue Existenz aufbauten. Wenn man dazu das Jahr 1946 nimmt, dann könnte man heuer sogar das 80. Jahr des Bestehens der Gartenstadt verorten.

    In der Alpenstraße gab es früher einen „Konsum“, ein Lebensmittelgeschäft.
    In der Alpenstraße gab es früher einen „Konsum“, ein Lebensmittelgeschäft. Foto: Sammlung Zuber/Repro Bader

    Zum Einkaufen länger fahren musste man früher in der Gartenstadt nicht. Um die Grundversorgung kümmerten sich zahlreiche kleine Geschäfte. Bei Erna Berchtold, wo heute die Bäckerei Ried als einziges Geschäft dieser Art besteht, konnte man sich ebenso für den täglichen Bedarf eindecken, wie im Konsum oder später bei Hafner in der Alpenstraße. Auch bei Ott an der Ecke der Franzensbaderstraße/Hagenmahd gab es noch Lebensmittel zu kaufen. Eine kleine Bäckerei, so weiß es wohl nur noch Erich Zuber, gab es sogar in der heutigen Brauerstraße neben dem Raumausstattergeschäft Martinscheck. Der Namen der Straße dürfte wohl darauf zurückzuführen sein, dass sich daneben eine Niederlassung der Mickhauser Brauerei befand, die lange von der Familie Köhler betrieben wurde. Nicht nur die Gartenstadt, sondern teilweise auch die Stadt versorgte die bekannte Bäckerei Engelmann an der Ecke Hochgratstraße/Stuibenweg

    Für gute Fleischwaren sorgte die Metzgerei Haller in der Alpenstraße, und die Türkheimer Metzgerei Bihler betrieb eine Zweigstelle in der Nähe der Firma Ghönert, womit wir bei den größeren Firmen wären. Über die Grenzen hinaus bekannt waren nicht nur dieser noch bestehende technische Betrieb, der in der Nachkriegszeit Motoren noch selbst reparierte und aus Ersatzteilen ganze Fahrzeuge erstellte, sondern auch die Spulenfabrik Seifert in der Alpenstraße oder die große Firma Kuhne mit ihren Baumaschinen. Nicht vergessen werden sollte der einst größte Arbeitgeber, die Süßwarenfabrik Schwermer.

    Auch das gab es mal: Kuhne-Baumaschinen war eine bedeutende Firma in der früheren Gartensta
    Auch das gab es mal: Kuhne-Baumaschinen war eine bedeutende Firma in der früheren Gartensta Foto: Sammlung Zuber/Repro Bader

    Natürlich konnten die Einwohner der Gartenstadt auch noch gemütlich einkehren. Die ganz zu Anfang noch bestehende Gaststätte Timpel, die wohl nur noch wenige kennen, befand sich ebenfalls in der Brauerstraße. Dazu kam das beliebte Café Vroni, das heute als Pizzeria Da Toni mit Gaststätte firmiert. Beliebter Treff war außerdem der „Spitzhüttl“, wie ihn zusammen mit seinem Lebensmittelgeschäft alle nur nannten und der sogar über eine eigene Hobby-Fußballmannschaft verfügte. Denn trotz der vielen Einwohner entstand in der Gartenstadt nie ein echtes Vereinsleben.

    Mit dem Bau der Kirche von St. Ulrich im Jahre 1967 begann dennoch ein bedeutender neuer Abschnitt in der Historie des Stadtteiles. Kirchliche Verbände wie Frauenbund, Chor, Pfarrgemeinderat, Pfarrzentrum und einiges mehr führten viele Menschen zusammen. Heute ist es fast nur noch die Pfarrgemeinde von St. Ulrich, die öffentliche Veranstaltungen wie Pfarrfest oder Weihnachtsmarkt, ökumenisches Begegnungscafé und die Bücherei betreiben.

    Bestens versorgt war die Gartenstadt jedoch auch mit Handwerksbetrieben. Die Schreinereien Lukasch und Ruf wären hier zu nennen, der Friseur Schwarz zu Beginn und später Riederle in der Säulingstraße im Gebäude zusammen mit der früheren Postfiliale. An das Baugeschäft Schneider, das Schuhgeschäft Berger in der Breitenbergstraße, die Maler Abraham und Sontheimer, die Hähnchenzucht Zillober, die Drogerie Waldheim-Unger, die Schneiderei Augustin oder den Elektriker Henkel erinnern sich wohl nur noch wenige oder eben Erich Zuber.

    Dagegen sind die beiden große Betriebe der Familie Becke östlich der Waldstraße durchaus noch ein Begriff. Die Familie Tinzmann betrieb einst Kindermoden, es gab den Fliesenleger Steckenleiter, mit Lensanft sogar eine eigene Druckerei und mit dem Kneipp-Verlag Kathol war auch dieser Bereich abgedeckt. Doktor Paulusch verlegte damals seine Praxis in die Gartenstadt, wodurch auch für Patienten gesorgt war, und wer selbst nicht fahren wollte oder konnte, dem standen Taxi Ritzert oder Weymann zur Verfügung. Zweigstellen betrieben schon fast selbstverständlich auch die Genobank und die Sparkasse, von denen nur noch der Automat übrig geblieben ist.

    Ob diese Zusammenstellung vollständig ist, lässt sich kaum genau sagen. Dennoch zeugt die große Anzahl von Firmen, Geschäften, Betrieben oder Gaststätten in der damaligen „Siedlung“oder dem „Flugplatz“, dass die Gartenstadt einst noch ein ganz anderes Bild abgab, als dies heutzutage der Fall ist.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren