Da ist der Schwimmlehrer, der dem Teenager-Mädchen plötzlich in die Bikinihose greift. Da ist der Onkel, der die Nichte in den Kaninchenstall führt, um sie an sich zu drücken und ihr an die Brust zu fassen. Da ist der Arzt, der sich an einem Mädchen vergreift, dem er ein Attest ausstellen soll. Da ist die Frau, deren Partner ein Handtuch gegen ihr Bein peitscht. Aus Spaß, wie er sagt. „Gewalt hat viele Gesichter. Gewalt gegen Frauen vor allem eines: ein männliches.“ Das schreibt die aus Mindelheim stammende Herausgeberin Tina Schlegel im Vorwort ihres neuen Buches „Ausgesprochen – Frauen sprechen über Gewalt an Frauen“. Es ist ausgerechnet jetzt erschienen, in einer Zeit, in der tausende Menschen auf die Straße gehen, um gegen Gewalt an Frauen zu protestieren.
Wie vielfältig diese Gewalt ist, zeigt Schlegels Buch anhand von 25 Gedichten und Geschichten. Sie alle sind in ihren Schreibkursen entstanden – und zwar schneller als gedacht. „Ich weiß, dass das Thema schwelt, aber dass es auf einen Schlag so viele Texte waren, die sich mit der eigenen Biografie auseinandersetzen“, das hat auch Tina Schlegel überrascht. „Einerseits hat mich das berührt, andererseits schockiert und es haben sich etliche bedankt, dass es gutgetan hat, das loszuwerden.“
Viele Frauen haben Gewalt auf unterschiedlichste Weise erlebt
Die Autorinnen der Texte sind zwischen 17 und 83 Jahren alt, alle haben ganz unterschiedliche Leben vor und hinter sich. „Aber alle eint, dass sie Erfahrungen gemacht haben.“ Die meisten von ihnen haben eigene Erlebnisse geschildert, nicht immer unter ihrem echten Namen. „Manche haben das in der Gruppe vorgelesen, das war doch eine Hausnummer. Es gab viele Tränen“, sagt Tina Schlegel. Und dann gab es auch andere Fälle. „Ich bin so glücklich, ich habe keine Erfahrungen mit Gewalt“, habe etwa eine über 70-Jährige zunächst gesagt. Beim Nachdenken fielen ihr dann aber zahlreiche Männer in ihrem Umfeld ein, von denen sie mitbekommen hatte, dass sie ihre Partnerinnen schlugen. „Warum hören wir nicht besser hin? Warum verschließen wir so oft die Augen?“, fragt sie sich heute.
„Manche Rollenmuster, in die man hineinwächst, werden einem erst später bewusst“, sagt Schlegel, die das auch bei sich selbst erlebt hat. „Früher wurde oft getatscht: die Hand auf dem Oberschenkel, mal in den Arm genommen, die Wange gestreichelt.“ Es sei ihr unangenehm gewesen, aber eher egal. Doch die Berührungen summierten sich, immer wieder wurde die Distanz nicht gewahrt. Heute sagt sie: „Ich hätte mich früher positionieren sollen. Aber mir fehlte dieses Aufbäumen, um direkt zu sagen: bis hierher und nicht weiter.“
Überhaupt spiele Sprachlosigkeit eine riesige Rolle: Nur ein Bruchteil der Sexualdelikte werde angezeigt, auch, weil sich Betroffene dafür schämten, was ihnen widerfahren ist. „Man muss sich nicht schämen. Man ist nicht mitschuldig“, stellt Schlegel klar und freut sich, dass der Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“ nun wieder vermehrt zu hören ist. Sie plädiert dafür, Täter zu benennen und eine Sprache für das Geschehene zu finden – und so zu merken, dass man gar nicht allein ist. Die Frau etwa, die die Geschichte vom Onkel im Hasenstall geschrieben hatte, erfuhr erst dadurch, dass der Onkel dasselbe mit ihrer Cousine gemacht hatte.
Die Demos nach dem Fall Collien Fernandes stimmen sie zuversichtlich
Sprache und Worte für dieses Thema zu finden, darin sieht Tina Schlegel ihre Aufgabe. „Ich finde, die Kunst muss sich positionieren, weil die Kunst ein Kampffeld geworden ist. Dieser Wunsch, Kunst zu beschränken, kommt aus derselben Richtung wie der Wunsch, die Freiheit der Frauen beschränken zu wollen“, so ihr Eindruck. Laut Soziologie klaffe die Schere immer weiter auseinander. „Die Frauen sind immer mehr auf die Freiheit bedacht und die Jungs machen eine Rolle rückwärts. Das ist eine riesige Herausforderung.“ Die Demonstrationen nach dem Fall Collien Fernandes würden sie optimistisch stimmen, so Schlegel. Andererseits sei sie auch realistisch: Alle paar Minuten bekomme ein Kind, wenn es sich auf Tiktok anmeldet, einen frauenfeindlichen Inhalt. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen wird weltweit alle zehn Minuten eine Frau in der Familie getötet.
In ihrer jüngsten Lesung hat Tina Schlegel diese Anzahl ganz bildlich verdeutlicht: Jeder Gast bekam einen Umschlag, in manchen davon waren orangefarbene Zettel, die jeweils für ein Opfer standen. Sie ist sich sicher: „Auch im Publikum werden Menschen gewesen sein, die so eine Geschichte erlebt haben.“
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