Seit Kurzem hat die Mindelheimer Polizei einen neuen Chef, den man auch immer mal wieder in der Stadt zu sehen bekommt: Aber wer ist der Mann, der in der blauen Uniform steckt? Im Gespräch mit unserer Redaktion verrät der Erste Polizeihauptkommissar Raphael Krammer nicht nur etwas über seine vielen Stationen bei der Polizei und sein Privatleben; er spricht auch über einen Moment in seinem Leben als Polizist, der ihm bis heute nahegeht.
Bahn oder Polizei? Das war die Frage, die sich am Ende von Raphael Krammers Schullaufbahn stellte. Sein Vater war Lokführer, nahm ihn immer mal wieder mit, der Onkel war bei der Polizei und kam regelmäßig mit dem Polizei-Motorrad vorbei. „Beide haben ihren Einfluss geltend gemacht“, sagt Krammer und lacht. Am Ende entschied sich der junge Mann für die Polizei, auch wegen der besseren Einstiegs- und Aufstiegschancen.
In seiner Freizeit beobachtet der Polizeichef Züge
Der Bahn ist er dennoch treu geblieben. „Ich bin begeisterter Trainspotter“, sagt er. Das heißt: Er unternimmt am Wochenende gerne Ausflüge mit seiner Freundin, um besondere Züge zu sehen und zu fotografieren. Die Technik fasziniert ihn, sei es nun bei einer alten Dampflok oder bei ganz modernen Zügen. Am liebsten würde er mal mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren, schwärmt er, bis ins russische Omsk, und dort einen Kollegen besuchen, den er bei einem seiner Auslandseinsätze kennengelernt hat.
Der 57-Jährige ist im Laufe seines Berufslebens viel herumgekommen. Seine Karriere begann im Oktober 1988 bei der Bereitschaftspolizei in Dachau und führte ihn an zahlreiche Stationen, etwa zur Kripo nach Garmisch-Partenkirchen, Fürstenfeldbruck, Neu-Ulm und Memmingen oder zur Schutzpolizei Memmingen. Er leitete die zivile Einsatzgruppe und gründete eine Rauschgiftgruppe, die sich um Observationen und schwierigere Haftbefehle kümmerte. Zuletzt war der „waschechte Memminger“ in Kempten, wo er die Zentralen Einsatzdienste leitete. Mindelheim kennt Krammer bereits von Ausflügen in seiner Kindheit. Nach einem Besuch der Mindelburg gab es meistens ein Eis, und der Durahansl und die anderen Turmfiguren haben ihn seit jeher fasziniert.
Heute in Mindelheim, in den Jahren zuvor im Ausland unterwegs
Sein erster „Auslandseinsatz“, wie er augenzwinkernd sagt, führte ihn 2000 zur Weltausstellung Expo nach Hannover. Dort habe er erste internationale Kontakte geknüpft und gleichzeitig „die bayerische Polizei zu schätzen gelernt“, wegen ihrer besseren Ausrüstung und Technik. 2001 zog es ihn in den Kosovo, wo er unter anderem für das Innenministerium die Botschaft in Pristina mitorganisierte, ein paar Jahre darauf war er noch einmal in dieser Krisenregion im Einsatz. Im Bundespolizeipräsidium in Potsdam kümmerte er sich außerdem um Auslandsmissionen, etwa in Afghanistan, und kam dann 2016 über Frontex nach Griechenland, dorthin, wo Europas größtes Flüchtlingscamp Moria war.
Hier erlebte er Dinge, die er bis an sein Lebensende nicht vergessen wird, etwa die Abschiebung von Geflüchteten per Schiff von Griechenland in die Türkei. Zwei Stunden lang saß er mit dem ihm zugewiesenen Flüchtling auf der Fähre. „Der junge Mann kam aus Pakistan, er war höflich und intelligent, sehr korrekt und freundlich, obwohl ich der war, der gerade seinen Lebenstraum zerstört“, erinnert sich Krammer. Je näher das Schiff der türkischen Küste kam, umso mehr sei der junge Mann in sich zusammengesackt. Dieses Bild hat der Polizist noch heute vor Augen, und auch das Gefühl des Zwiespalts begleitet ihn bis heute: Er wusste, dass er dienstlich richtig handelte, und gleichzeitig fühlte sich das Ganze aus menschlicher Sicht anders an.
Als Polizist ist man den Menschen ganz nah
Als Polizist schaut man in Abgründe und hat andererseits immer wieder auch mit ganz besonderen Persönlichkeiten zu tun. Dass man das Leben und die Menschen direkt kennenlernt, vom Millionär bis zu Obdachlosen, das habe er bei der Polizei immer geschätzt, sagt Raphael Krammer. „Das ist ein persönlicher Erfahrungsschatz, den einem keiner nehmen kann.“ An welcher seiner vielen Stationen es am schönsten war, kann er nicht sagen. „Ich bin relativ begeisterungsfähig“, sagt er über sich. Er finde es auch toll, dass man bei der Polizei so viele Dinge tun könne: Einsätze, Ermittlungen, Verkehrsthemen, EDV und Logistik, aber auch Tierisches wie Hundeführer oder Reiterstaffel. „Da bleibt kein Wunsch offen.“
Er selbst leitet am liebsten Einsätze, auch wenn er gleichzeitig darauf hofft, dass es nicht dazu kommt – etwa bei Veranstaltungen wie dem anstehenden Frundsbergfest. Bei der Frage, was einen guten Polizisten ausmacht, muss Krammer kurz überlegen. „Eine gewisse Offenheit muss er haben und Empathie“, sagt er, damit man sich auf Neues einlassen und sein Gegenüber verstehen könne. „Und es muss jemand sein, der immer korrekt handelt, auch wenn er nicht unter Beobachtung steht.“
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