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Wintersport

06.09.2019

Eine Olympionikin wohnt nun in Türkheim

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4 Bilder
Bobpilotin Susi Erdmann und Nicole Herschmann fuhren bei den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin knapp an den Medaillenrängen vorbei. Dennoch holte Erdmann in ihrer Karriere drei Olympia-Medaillen.
Bild: dpa

Plus Die ehemalige Bobpilotin und Rennrodlerin Susi Erdmann wohnt seit Kurzem in Türkheim. Ein Gespräch über das neue Umfeld, ihre Karriere – und Schutzengel.

Frau Erdmann, mit sieben WM-Titeln und drei Olympia-Medaillen sind Sie eine der erfolgreichsten Wintersportlerinnen, die Deutschland jemals hervorgebracht hat. Ende Juni zogen Sie nun von München nach Türkheim. Werden Sie hier noch erkannt?

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Susi Erdmann: Wenn ich mich vorstelle, höre ich oft: ’Hab’ ich’s mir doch gedacht!’ (lacht) Man muss aber ehrlich sein: Das waren Sportarten, in denen ich meistens einen Helm aufhatte – da sehen die Leute nicht so das Gesicht dahinter. Es hält sich also in Grenzen, aber das ist auch ganz angenehm.

Was hat Sie nach Türkheim verschlagen?

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Erdmann: Ich mochte die Ecke schon immer, spätestens seit einer Kur in der Nähe. Seit vier Jahren habe ich gesagt, hier könnte ich mich wohlfühlen. Wörishofen wäre auch schön gewesen, aber dieses Ländliche in Türkheim hat mich einfach angesprochen.

Haben sich Ihre Hoffnungen erfüllt?

Erdmann: Die ersten zwei Wochen waren schon eine Umstellung, ehrlich gesagt auch mit ein bisschen Heimweh. Als ich dann wieder Termine in München hatte, habe ich mich danach jedes Mal richtig gefreut, wieder zurück ins Grüne zu kommen und die frische Luft, Entschleunigung und Ruhe zu haben. Da wusste ich: Ich habe alles richtig gemacht. Gerade auch, weil die Türkheimer sehr nett und offen sind. Das ist ganz wichtig, wenn man wie ich von außen kommt.

Sie wohnen unweit vom Türkheimer Golfplatz und können damit nun häufiger Ihrem Hobby nachgehen. Haben Sie Ihr Spiel schon verbessert?

Erdmann: Ich bin fast jeden zweiten Tag auf der Anlage und damit deutlich öfter als zuvor. Die Trainingsstunden, die ich nehme, zahlen sich schon aus. Bis man aber wirklich besser wird, dauert es auch. Ich bin dran.

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Haben Sie Ihrer alten Liebe, dem Wintersport, also abgeschworen?

Erdmann: Auf keinen Fall, ich bin auch jetzt noch regelmäßig mit meinen Bob-Events im Eiskanal. Ich habe den Sport über 30 Jahre lange gemacht, bis zu meinem 40. Lebensjahr. Jetzt freue ich mich aber auf das „normale“ Leben. (lacht) In den ersten Monaten hier war ich mit meinem Partner (Thomas Bruns, d. Red.) viel auf dem Fahrrad unterwegs. Ich mag aber nach wie vor die Kälte: Warm anziehen, Mütze auf, frische Luft um die Nase. Ich freue mich schon auf den Winter hier.

Wo lässt es sich leichter sporteln: hier oder in München?

Erdmann: Hier. In München ist es oft zu überfüllt. Hier bin ich freier.

Wie häufig schwelgen Sie in Erinnerungen an Ihre große Karriere?

Erdmann: Ich bin kein Mensch, der in der Vergangenheit lebt. Bei Events oder Vorträgen kommt aber natürlich schon immer wieder etwas hoch. Ich überlege derzeit, meine Erlebnisse auch schriftlich festzuhalten. Ich habe seit Kurzem ein Diktiergerät, auf das ich spreche, wenn Erinnerungen kommen. Mal schauen, was draus wird.

Bei Olympia 1994 in Lillehammer holten Sie als Rennrodlerin Silber, 2002 in Salt Lake City als Bobpilotin Bronze. In welcher Sportart haben Sie sich wohler gefühlt?

Erdmann: Im Bob, definitiv. Das entspricht auch ein bisschen meinem Naturell, denn da war ich mein eigener Chef. Als ich umstieg, war der Damen-Bobsport noch in den Anfängen. Wir mussten versuchen, uns selbst zu organisieren. Das ist das, was ich kann. Ich war da in vielen Dingen Vorreiterin.

Apropos Vorreiterin: Sie waren 1992 die erste Sport-Soldatin im Sanitätsdienst – einem Beispiel, dem bis heute viele gefolgt sind.

Erdmann: Das war damals eine große Ehre und es ist gut, dass viele nachgezogen sind. Auch jetzt, als Sportfeldwebel in der Sanitätsakademie, kann ich viel auf die Beine stellen. Ich habe in der Sportausbildung der Soldaten meine Fußspuren hinterlassen.

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In naher Zukunft endet Ihr Dienst bei der Bundeswehr. Folgt dann Ihr Comeback am Eiskanal, etwa als Trainerin?

Erdmann: Das habe ich nach meinem Karriereende versucht. Ich habe damals vier Monate lang ein Damen-Nachwuchsteam aufgebaut. Da stand ich dann auf der anderen Seite, acht Stunden an der kalten Bahn. Da war für mich klar: Nein, das will ich nicht. Das ist wie eine Blase, ein Zirkus. Wenn man da ständig drin ist, kriegt man das wahre Leben so gar nicht mit. Auf jeden Fall werde ich danach mehr reisen, zum Beispiel zu Verwandten nach Kanada oder einer Freundin in Südafrika – oder mit dem Wohnmobil an alle Golfplätze der Welt. (lacht)

Sie sind Ehrenmitglied im Türkheimer Golfclub. Die Tage nur entspannt am Golfplatz zu verbringen reizt Sie nicht?

Erdmann: Auch, aber nicht nur. (lacht) Ich habe ja noch viele Ideen – ob im Geschäftsleben mit meinen Events oder im Sportbereich: Da wird sich sicher in den nächsten Jahren was zeigen. Zuhause rumzusitzen ist jedenfalls keine Option.

Sie haben sich sehr für Münchens Bewerbung für die Olympischen Spiele 2018 starkgemacht. Letztlich bekam die südkoreanische Stadt Pyeongchang den Zuschlag. Haben Sie den Traum von Olympia vor der eigenen Haustür aufgegeben?

Erdmann: Eigentlich schon. Am Anfang der Bewerbung gab es einige Schwierigkeiten, die so nicht mehr zu korrigieren waren. Das Konzept war aber super. Viele Sportstätten wären von Olympia 1972 ja schon da gewesen. Leider geht es in der Bewerbung aber oft nicht um Nachhaltigkeit oder um das Konzept. Auch wenn es vom IOC immer wieder betont wird: Letztlich dreht sich alles ums Geld. Dieser Gigantismus, der sich rund um die Spiele entwickelt hat, diese Geldmaschinerie – furchtbar. Das ist nicht Olympia.

Eine besondere Beziehung verbindet Sie mit Sandra Kiriasis. Sie waren lange Konkurrentinnen. Bis Sie Ihrer Kollegin 2004 das Leben retteten.

Erdmann: Da hatte ich einen Schutzengel. Wir hatten immer Kontakt und zwischenzeitlich war das Verhältnis auch nicht so toll. Vor einem Trainingslager ließ mich Sandra zwei Nächte bei sich schlafen. Wir sind nach einem schönen Abend und Kaminfeuer ins Bett. Sandra und ihr Mann waren unten, das Gästezimmer befand sich oben. Ich schlief ein. Plötzlich wachte ich dann aber wieder auf, bekam keine Luft, alles war voller Rauch, es stank.

Eine beängstigende Vorstellung.

Erdmann: Ich habe es nur zufällig an das Fenster geschafft. Ich riss das Fenster auf und fing an laut zu brüllen. Sandra wachte auf und kam mit einer Decke hoch. Wir sind dann raus, haben ihren Mann rausgezerrt. Die ganze Wohnzimmerdecke stand schon in Flammen. Das war knapp. Ein Feuerwehrmann sagte: ‚Dass Sie aufgewacht sind, ist eigentlich unfassbar.’ Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Trotzdem gingen Sie kurz darauf beim Weltcup-Rennen an den Start.

Erdmann: Wir dachten: Herumsitzen nützt eh nichts, wir starten. Wir sind das Rennen gefahren und haben Platz eins und zwei gemacht. Sandra Erste, ich Zweite.

Sie leiden unter einer Autoimmunerkrankung und leben mit einem gutartigen Tumor an der Hirnanhangdrüse. Wie geht es Ihnen?

Erdmann: Alles gut. Ich habe immer mal Schwankungen, bin aber regelmäßig in der Kontrolle und muss alle sechs Monate in die Röhre. Der Tumor ist stabil. Falls er größer werden sollte, würde ich erblinden. Dann müsste man operieren. Die Hypophyse steuert komplett den Hormonhaushalt und die Schilddrüse und ist deshalb sehr wichtig. Bis zur richtigen Diagnose dauerte es vier, fünf Jahre. Diese Zeit war nicht ohne. Aber heute bin ich zufrieden.

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