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Bad Wörishofen

26.04.2015

Jede mögliche Thermik genutzt

Simon Schröder absolvierte vergangene Woche einen Segelflug von über 1000 Kilometern Länge.
Bild: Johannes Böckler

Simon Schröder gelingt ein Rekordflug mit einer Länge von über 1000 Kilometern. Er überfliegt den Titisee und Regensburg, den Thüringer und Bayerischen Wald. Trotzdem kann er weder Wetter noch Aussicht genießen

Von Bad Wörishofen aus Richtung Schwarzwald, von dort weiter in den Thüringer Wald und über den Bayerischen Wald wieder zurück nach Bad Wörishofen – wer diese Route mit dem Auto abfahren wollte, braucht rund 18 Stunden und fährt dabei etwa 1500 Kilometer. Simon Schröder hat den Luftweg gewählt und ist diese 1005 Kilometer lange Strecke mit dem Segelflugzeug geflogen. Es war ein echter Rekordflug: Von den 2300 gemeldeten Segelflügen weltweit war dies am vergangenen Wochenende der zweitlängste. Zehneinhalb Stunden saß der 18-jährige Bad Wörishofer im Cockpit. Mit uns sprach er über seinen Rekordflug, die Vorbereitung dazu und einen kleinen Trick.

Herr Schröder, wie kommt man auf die Idee, sich mit einem Segelflugzeug auf eine 1000-Kilometer-Reise zu machen?

Simon Schröder: Schon seit meiner Kindheit bin ich geflogen. Mein Opa war Fluglehrer, mein Vater ist Pilot und auch meine Mutter hat den Segelflugschein. Ebenso meine zwei älteren Schwestern. Ich war noch kein Jahr alt, da bin ich schon mal bei meiner Mutter auf dem Schoß im Doppelsitzer mitgeflogen.

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Und wann durften Sie selbst ans Steuer?

Schröder: Man darf mit 14 Jahren anfangen und die Ausbildung dauert zwei Jahre. An meinem 16. Geburtstag hatte ich den Schein.

Zwei Jahre später fliegen Sie in einem Stück von Bad Wörishofen aus in den Schwarzwald, von dort bis an die tschechische Grenze und wieder zurück ins Unterallgäu.

Schröder: Ich wollte letztes Jahr schon einen langen Flug machen, das hat aber nicht geklappt. Da hatte ich die Wendepunkte nicht richtig gelegt. Über den Winter habe ich dann daran gearbeitet.

Wie genau?

Schröder: Ich habe mir ähnliche Flüge angeschaut, etwa den des viermaligen Weltmeisters Michael Sommer. Mit ihm habe ich auch telefoniert. Er hat mir schon den einen oder anderen Tipp geben können, etwa: Warum er die Wendepunkte hier und nicht da legen würde.

Dennoch hängt letztlich alles von äußeren Faktoren ab. Wie verlässlich ist etwa der Wetterbericht?

Schröder: Ich beobachte immer drei Wetterberichte. Man vertraut in gewisser Weise darauf. Außerdem verlasse ich mich im Cockpit dann auch auf meine Wahrnehmung.

Und wie hält man sich während eines Zehn-Stunden-Fluges über das Wetter auf dem Laufenden. Da kann sich doch schnell etwas ändern?

Schröder: Während des Fluges hat man eigentlich keine Möglichkeit. Es gibt aber eine Ausnahme: Es gibt eine Funkfrequenz der Flughäfen, wo laufend das aktuelle Flugwetter durchgegeben wird. Die habe ich schon genutzt, um Wetterdaten abzuhören.

Wie planbar ist letztlich so ein Rekordflug?

Schröder: Die Organisation ist das Wichtigste. Wenn man zu früh startet, bekommt man Probleme mit der Thermik, wenn man zu spät startet, reicht die Zeit für die Thermik nicht mehr aus. Der Hilfsmotor im Flugzeug ist zu schwach, um eine Fehlplanung zu kompensieren. Im Endeffekt hat man ein Zehn-Minuten-Zeitfenster für den Start.

Dabei hatten Sie offensichtlich das richtige Timing. Gibt es sonst Tricks, wie man sprichwörtlich „über die Runde kommt“?

Schröder: Gleich am Anfang bin ich über Gundremmingen geflogen. Dort geben die Kühltürme des Kernkraftwerks quasi eine künstliche Thermik ab. Dieser Druck von unten ist besser als die normale Thermik. Dafür braucht man keine Sonne, die den Boden aufwärmt.

Wir haben die Theorie und die äußeren Einflüsse – wie bereitet man sich körperlich auf so einen Flug vor? Stichworte: Pinkelpause und Brotzeit.

Schröder: Ich habe Vier-Liter-Plastikbeutel dabei, die ich mir dann eben zwischen die Beine klemme. An Verpflegung nimmt man halt etwas mit, das möglichst nicht bröselt. Landjäger und so.

Konnten Sie Ihren Flug eigentlich auch genießen?

Schröder: Das größte Problem war, dass ich bis zum Schluss konzentriert bleiben musste. Manchmal, wenn ich wusste, da unten kommt etwa Heilbronn, dann habe ich schon aus dem Fenster geschaut. Aber so richtig kann man die Aussicht nicht genießen, wenn man leistungsorientiert fliegt. Dafür habe ich kürzlich mit meiner Freundin Linda einen Rundflug Richtung Augsburg gemacht. Das war entspannter.

Trotzdem wird Ihr Flug in der Bundesligawertung der Segelflugvereins Bad Wörishofen nicht aufgeführt. Warum?

Schröder: Das hängt mit einer Regel zusammen: Die besagt, dass der Start eines Segelflugs in einem Umkreis von 15 Kilometern vom Startflugplatz sein muss. Das ist für uns ein Problem, da die Thermik erst gegen Mittag dafür da ist. So musste ich mit dem Hilfsmotor starten und bin erst hinter Thannhausen in den reinen Segelflug gestartet.

Was jenseits der 15-Kilometer-Grenze war.

Schröder: Richtig. Deswegen floss der Flug nicht in die Wertung ein. Ich muss mich also immer entscheiden: Entweder fliege ich kürzere, schnelle Strecken für die Bundesliga, oder eben Langstrecken.

Demnächst geht es wieder um Schnelligkeit. In Ulm starten Sie zusammen mit ihrem Vater und mit Vereinskollege Kilian Biechele bei der deutschen Meisterschaft in Ulm. Wie sind hier die sportlichen Aussichten?

Schröder: Ich denke, dass wir zu den Favoriten in der Standardklasse zählen. In der Qualifikation haben Kilian und ich letztes Jahr sogar den Weltmeister geschlagen. Außerdem fliege ich ein Flugzeug, das wohl das Nonplusultra in dieser Klasse ist.

Nicht Ihr eigenes?

Schröder: Nein, das habe ich für diese Meisterschaft „eingetauscht“. Meines ist das Nonplusultra für eine andere Klasse. Das fliegt nun der dreifache Vizeweltmeister Mario Kießling. Und ich fliege mit seinem Flugzeug eben in der Standardklasse.

Sie sind jetzt 18 Jahre alt und stehen vor dem Abitur. Kommt nach der Schule irgendwas mit Flugzeugen?

Schröder: So ähnlich: Ab Januar 2016 bin ich bei der Bundeswehr in der Segelfluggruppe, einer Sportfördergruppe. Und danach hoffe ich, dass der Einstellungsstopp bei der Lufthansa beendet ist und ich Pilot werden kann, wie mein Vater.

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