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Eishockey

04.03.2018

„Wir haben Großes geleistet“

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Patrick Reimer (Mitte) erfüllte sich mit der Silbermedaille einen Traum.
Bild: imago sportfotodienst

Eishockeyprofi Patrick Reimer bringt erstmals eine olympische Medaille nach Mindelheim.

Sechs Tage ist es nun her, dass Patrick Reimer mit der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen die Silbermedaille gewonnen hat. Im Interview mit der Mindelheimer Zeitung erzählt der 35-jährige Mindelheimer von den zwei aufregendsten Wochen seines Sportlerlebens.

Patrick Reimer, selbst nach einigen Tagen: Haben Sie schon realisiert, was in Südkorea passiert ist?

Patrick Reimer: Überhaupt noch nicht. Ich habe so viele Glückwünsche bekommen. Ich glaube, wir hatten noch nie eine solche Aufmerksamkeit erfahren, wie in den letzten Tagen. Und dann kam ja auch schon der Alltag wieder.

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Am Montag sind Sie in Deutschland gelandet, dann ging es gleich weiter nach Nürnberg, wo Sie am Mittwoch schon wieder für die Ice Tiger in der DEL auf dem Eis standen. Selbst für einen Eishockey-Profi ist das ein knackiges Programm.

Reimer: Ja, vor allem, wenn dann auch noch die verschiedenen Zeitzonen mitspielen. Aber zum Glück haben wir in der nächsten Woche keine Pre-Play-offs, sodass ich da dann etwas ausspannen kann.

Was ist dann geplant? Ein Kurzurlaub fernab jeglicher Eishallen oder einfach nur zu Hause die Beine hochlegen?

Reimer: Ich werde wohl nur die Füße hochlegen. Und vielleicht meinen Eltern in Mindelheim einen Besuch abstatten. Der Mama muss ich die Medaille ja noch zeigen. Mein Vater war ja in Südkorea dabei und hat sie schon gesehen.

Außer Ihrem Vater waren ja noch Ihre Frau und Ihr Trauzeuge in Pyeongchang dabei. Mussten die ihren Aufenthalt verlängern?

Reimer: Es war tatsächlich so, dass sie eigentlich schon nach dem Viertelfinale heimgeflogen wären. Aber dann haben sie doch noch ihre Flüge umgebucht.

Es gab ja im Deutschen Haus in Pyeongchang dann doch noch eine große Party mit der Mannschaft und anderen Athleten. Auch Skistar Lindsey Vonn war dabei – und hat sich am Ende Ihr Trikot geschnappt. Wie kam es denn dazu?

Reimer: Geschnappt ist das richtige Wort. Eigentlich war das Trikot unserem Pressesprecher versprochen. Es lag dann im Deutschen Haus auf einem Tisch und plötzlich hat es Lindsey einkassiert. Unser Pressesprecher hat es ihr dann auch generös überlassen.

Hatten Sie denn während der Spiele auch Zeit, um sich andere Sportarten anzusehen oder andere Athleten zu treffen?

Reimer: In der ersten Woche schon. Da hat unser Trainer Marco Sturm auch gesagt: „Genießt die Zeit, saugt dieses olympische Flair auf.“ Denn sobald das Eishockeyturnier losging, lag der Fokus eben voll auf Eishockey. Das war auch gut so und gehört auch so, aber für andere Sachen waren dann keine Zeit mehr. Aber davor haben wir beim Biathlon und Skispringen vorbeigeschaut, einige Jungs waren auch beim Eisschnelllauf.

Und im Olympischen Dorf? Läuft man sich da über den Weg und kommt mit anderen ins Gespräch?

Reimer: Das muss man sich vorstellen wie ein Schullandheim. Da gibt es eine Mensa oder ein Verpflegungszelt, das 24 Stunden geöffnet hat. Da trifft man sich natürlich. Es gab auch einen Spieleraum mit Tischtennisplatten, Sessel zum Chillen und so weiter. Der Kontakt zu anderen Sportlern war schon da.

Haben Sie dann mitbekommen, ob die auch mit der deutschen Eishockeymannschaft mitgefiebert haben?

Reimer: Man hat im Lauf des Turniers schon gemerkt, dass immer mehr mitfiebern. Die deutsche Fankurve, in der ja auch viele deutsche Sportler waren, ist von Spiel zu Spiel größer geworden. Das ist toll zu sehen, wenn Olympiasieger wie Natalie Geisenberger (deutsche Rennrodlerin, Anm. d. Red.) uns die Daumen drückt.

Dabei sah es anfangs ja nicht sonderlich gut aus. Man startete mit einer 2:5-Niederlage gegen Finnland ins Turnier, verlor dann auch trotz guter Leistung gegen Schweden. Wann war der Moment, als die Mannschaft gemerkt hat, dass es vielleicht doch zu einer Medaille reicht?

Reimer: Es ist richtig, das Finnland-Spiel war nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten. Da waren schon noch ein großer Batzen Nervosität und eine gewisse Ehrfurcht vor diesem Turnier da. Wir haben ja auch viele junge Spieler im Kader gehabt, die so etwas noch nicht erlebt hatten. Nach dem Schweden-Spiel, als wir sehr gut gespielt hatten, hat es Klick gemacht. Wir haben gesehen, dass wir mit den Top-Nationen mithalten können.

Dann kamen die spannenden Turnier-Momente: Penaltyschießen, Verlängerungen.

Reimer: Gegen Norwegen war es hart, aber letztlich haben wir gewonnen und damit den ersten Sieg bei Olympia seit 16 Jahren gefeiert. Dann ging es für uns erst richtig los. Gegen die Schweiz war es auch so ein emotionales Spiel mit dem Sieg in der Verlängerung. Und dann kam wieder Schweden.

Wo Ihre Stunde schlug. Auch wenn nach dem Siegtor in der Verlängerung erst noch gezittert werden musste, ob der Videoschiedsrichter das Tor gibt.

Reimer: Ich habe aber gleich gewusst, dass es eigentlich überhaupt keinen Grund geben kann, das Tor nicht zu geben. So war es dann ja auch. Letztlich hat man dann gesagt: „Ist doch toll, so konntest du zwei Mal jubeln.“

Was ist Ihnen in dem Moment, der ja zweifelsohne historisch war, durch den Kopf gegangen?

Reimer: Im ersten Moment habe ich einfach gedacht: „Wow, wir haben Schweden geschlagen.“

Von da an lief es noch besser. Was hat denn letztlich den Ausschlag dafür gegeben, dass man ins Finale ging?

Reimer: Der Zusammenhalt des Teams. Das habe ich in der Form noch nie so gespürt. Wir haben dann wirklich daran geglaubt, dass wir es schaffen können und eine Medaille holen können.

Als dann Kanada besiegt wurde, stand ja bereits zumindest die Silbermedaille fest. Geht man da lockerer in eine Finale gegen Russland?

Reimer: Definitiv lockerer als die Russen. Bei denen hätte ja Staatstrauer geherrscht, wenn sie gegen uns verloren hätten. Außerdem hatten wir ja eine Medaille schon sicher. Aber trotzdem wollten wir natürlich auch gewinnen. Diese Chance hast du nur einmal im Leben. Im ersten Drittel haben wir dann noch etwas verhalten gespielt, aber als wir im zweiten Drittel den Ausgleich geschossen haben, sind wir immer besser geworden. Wir haben gewusst, dass die Russen jetzt wirklich nervös werden.

Und dann fehlte letztlich nicht einmal eine Minute zur Goldmedaille. Ganz ehrlich: Ärgern Sie sich darüber, dass es nicht gereicht hat?

Reimer: Es wird sicher immer wieder kommen, dass man denkt: Ach, sch....ade. Wir waren so knapp davor. Aber wenn mir einer vorher gesagt hätte, dass wir Silber gewinnen, weil wir im Finale gegen Russland in der Verlängerung verlieren – ich hätte sofort unterschrieben. Aber klar: Direkt nach dem Spiel ist man enttäuscht. Trotzdem haben wir uns gesagt: Wir haben so Großes erreicht, da wollen wir später keine Bilder von uns sehen, auf denen wir schlecht drauf sind. Das ist uns auch ganz gut gelungen. Wie wir mit der Niederlage umgegangen sind, wurde uns weltweit auch hoch angerechnet, denke ich.

Ähnlich war es auch in der Heimat. Keiner hat einer verpassten Goldmedaille nachgetrauert, sondern sich ehrlich über die Silbermedaille gefreut. Für Sie persönlich gab es ja sogar eine Art Beförderung.

Reimer: Echt?

Beim Mindelheimer Frundsbergfest, bei dem Sie ja seit Jahren als Landsknecht mitwirken, müssen Sie nun auf Beschluss Ihres Hauptmanns nicht mehr einen der langen Spieße tragen.

Reimer: (lacht) Ja, das ist lieb von ihm, aber ich trage den schon gern weiter.

Es dauerte ja auch nicht lange, bis der Deutsche Eishockeybund nach dem Gewinn der Silbermedaille selbstbewusst verlauten ließ, dass man nun auch in Zukunft im Konzert der Großen mitspielen wolle. Was muss, Ihrer Meinung nach, passieren, damit das gelingt?

Reimer: In Deutschland muss auf jeden Fall noch mehr in den Nachwuchs investiert werden. Und der Übertritt von den Jungen zu den Profis muss einfacher werden. Die Jungen sollen ihre Chance erhalten und gleichzeitig eine faire Einschätzung ihres Könnens bekommen. Außerdem sollte man auf die Ausländerlizenzen achten und dort auf Qualität setzen.

Ist es für die DEL schwer, gute deutsche Spieler zu halten?

Reimer: Das Niveau in anderen Ligen ist höher. Und wenn ein deutscher Spieler die Chance hat, sich in der NHL oder einer der europäischen Topligen zu beweisen, dann sollte er die auch nutzen. Wir haben bei Olympia gesehen, dass wir an das Niveau der Topteams herankommen können, aber denen fehlten auch die NHL-Spieler.

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04.03.2018

Das war für uns Senioren eine tolle Zeit ... kein Eishockeyspiel verpasst!! Außerdem prangte der Name MINDELHEIM an der Bande. Da muss man doch stolz sein auf seine Heimatstadt und den Klassespieler Patrick Reimer.
Danke!
Sophie Both, geb. Winner
Bad Honnef

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