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31.07.2010

Abschied vom Schatzkästlein

Am Sonntag macht das Pfarrersehepaar Borchardt die Kirchentür von St. Ulrich in Pfuhl hinter sich zu. Dann geht es nach Augsburg. Foto: Schuster
Bild: Schuster

Pfuhl Als er das Bild über dem Chorbogen in der Pfuhler Ulrichskirche bei seinem ersten Besuch erblickte, wusste Pfarrer Hans Borchardt: Ich bin gekommen, um zu bleiben. Dort ist Christus als Weltenrichter auf einem Regenbogen zu sehen, neben ihm die Apostel. Doch die Darstellung ist eine ganz besondere: Normalerweise ragt dem Heiland links ein Schwert aus dem Mund, das den Verdammten den Weg in die Hölle weist; rechts ist es eine Lilie, die zusammen mit einer segnenden Hand bedeutet: Ihr kommt in den Himmel. Auf dem Pfuhler Bild gibt es auf jeder Seite ein Schwert. "Das heißt, dass es in jedem Leben etwas gibt, das vor dem göttlichen Urteil nicht Bestand hat", sagt Hans Borchardt. Für ihn ein Signal, allen gegenüber offen zu sein und sich nicht auf eine Seite zu schlagen. "Das war eine Art Berufung", sagt der 51-Jährige heute, 18 Jahre später.

Doch die Pfarrstelle in Pfuhl hat der gebürtige Münchner nicht alleine angetreten. Von Anfang an hat er sie sich mit seiner Frau, Pfarrerin Sabine Troitzsch-Borchardt, geteilt. Die 52-Jährige ist nahe der Elbmündung geboren und zwischen Hamburg und Bremen aufgewachsen. Kennengelernt hat sich das Paar beim Studium in Tübingen. Später führte sie ihr gemeinsamer Weg - zusammen mit ihren beiden Söhnen - nach Pfuhl.

Dort gab es nicht nur die Geschäftsstelle der Kirchengemeinde Pfuhl/Burlafingen zu betreuen. Auch die Verantwortung für zwei Kindergärten, eine Kinderkrippe und die Diakoniestation lag fortan bei den Borchardts. Arbeitsteilung war deshalb angesagt. Sie betreute die Kindergottesdienste und konzipierte die Kinderbibelwoche neu, übernahm den Vorsitz im Kirchenvorstand und kümmerte sich um die Finanzen. Er war für Personalfragen zuständig und machte den Konfirmationsunterricht. Das Modell "Konfi3" für Drittklässler führte Hans Borchardt sogar neu ein. "Und wir sind immer noch die Ersten in der Region, die das machen."

Sorge um ihre "Babys", die sie nach ihrem Wechsel in die Augsburger Pfarrei St. Lukas zurücklassen müssen, haben die beiden dennoch nicht: Die Religionspädagogen und viele ehrenamtliche Helfer werden die Arbeit weiterführen. "Die Leute haben das ja nicht nur für uns, sondern auch aus Eigeninteresse gemacht." Und trotzdem ist dem Ehepaar klar: Das alles wäre ohne die haupt-, neben- und ehrenamtlichen Mitarbeiter nicht möglich gewesen. "Das ist einfach eine geballte Kompetenz. Unser Nachfolger kann sich alle zehn Finger schlecken", sagt Sabine Troitzsch-Borchardt. Leider hat sich bisher keiner gefunden.

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Ein reines Zuckerschlecken war die Seelsorgertätigkeit in Pfuhl aber auch nicht. Eine erste große Herausforderung war es für die Borchardts, die beiden Gemeindeteile Pfuhl und Burlafingen zusammenzuführen. Dass mittlerweile regelmäßig Pfuhler in den Gottesdienst nach Burlafingen kommen und andersherum, spricht für den Erfolg der "Friedensverhandlungen".

Ein Highlight - und gleichzeitig auch Mammutprojekt - während ihres Wirkens in Pfuhl war zweifelsohne die Restaurierung der Ulrichskirche, die mit 950 000 Euro zu Buche schlug und in den Jahren 2001 bis 2004 in die heiße Phase ging. Die archäologischen Grabungen brachten damals sogar Tonscherben aus dem zehnten oder elften Jahrhundert zutage. "Damit haben wir Pfuhl noch mal 200 Jahre älter gemacht", sagt Hans Borchardt schmunzelnd. Neben der 650-Jahrfeier der Kirche 1994 war für Sabine Troitzsch-Borchardt vor allem das erste Abendmahl in der frisch restaurierten Kirche ein Höhepunkt ihrer Zeit in Pfuhl.

Der Jesus am Kreuz war immer ein guter Zuhörer

Für Archäologie und Geschichtliches konnten sich die Borchardts im Übrigen schon immer begeistern. Was es mit der Kirche St. Ulrich, dem "Schatzkästlein", auf sich hat, ist deshalb auch in einem gleichnamigen Buch, an dem Hans Borchardt mitschrieb, nachzulesen. Und noch etwas hat es dem Ehepaar in der Kirche angetan: das Kruzifix. Mit der Jesusfigur haben beide in vielen Zwiegesprächen Freud und Leid geteilt - wie in "Don Camillo und Peppone". Am liebsten würde Hans Borchardt "seine" Kirche deshalb mit nach Augsburg nehmen. Letztendlich werden die Borchardts aber nur die vielen schönen Erinnerungen in ihre neue Pfarrei begleiten. Vor allem an die Menschen, "die uns hier sehr herzlich empfangen haben". Und dennoch: Nach 18 Jahren ist es auch Zeit für einen Wechsel, Zeit für Neues: "Wir gehen deshalb mit einem lachenden und einem weinenden Auge."

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