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Interview

27.01.2020

Adel Tawil: "Die deutsche Sprache hat für mich alles verändert"

Oben, da ist dieser Mann längst: Adel Tawil. Als Mitglied des Erfolgsduos „Ich + Ich“ wurde er bekannt, jetzt feiert er auch solo Erfolge. Am Donnerstag tritt er in der Ratiopharm Arena auf.
Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Plus Vor seinem Auftritt in Neu-Ulm spricht Sänger Adel Tawil darüber, wie er die richtige Sprache für seine Texte fand, einen Atombombenalarm erlebte und wie er das schwäbische Publikum erlebt.

Herr Tawil, Sie singen fast ausschließlich deutsche Texte – eine ganz simple Frage: warum?

Adel Tawil: Ganz am Anfang meiner Laufbahn habe ich nur auf Englisch gesungen, in meiner Jugendzeit und auch mit meiner ersten Band, Ende der 1990er-Jahre. Aber erst ab dem Moment, als ich schließlich auf Deutsch gesungen und getextet habe, habe ich mir selbst auf der Bühne geglaubt. Auf einmal fand ich gut, was ich da mache, zuvor hatte ich immer Zweifel. Die deutsche Sprache hat für mich alles verändert. Plötzlich habe ich mit jeder Faser meines Körpers gefühlt, was ich da singe.

In der Zeit, in der sie in Berlin aufgewachsen sind, waren deutsche Texte nicht gerade in den Charts zu finden. Die Neue Deutsche Welle war schon abgeklungen. Wo haben Sie da trotzdem Inspiration und Vorbilder gefunden?

Tawil: Es gab natürlich immer gute deutsche Musik, auch in der Zeit, als sie in den 90ern nicht so oft in den Radios gespielt wurde. Rio Reiser ist jemand, an dem ich mir ein Beispiel genommen habe: Diese Emotion in seiner Stimme hat mich vollkommen begeistert. Es gibt ganz viele tolle deutsche Musiker und Bands. Aber wie’s so ist: Wenn man mit der Musik beginnt, fängt man meistens mit englischsprachigen Songs an, weil die doch häufiger im Radio zu hören sind – auch wenn sich das inzwischen langsam geändert hat.

In Ihren deutschen Texten fanden sich schon immer gesellschaftskritische Anklänge – niemals mit der Brechstange, aber Kritik war hier und da immer zu spüren. Das ist auch in Ihrem neuen Album so. Da geht es mal um Kapitalismuskritik, mal um einen Appell für Frieden. Sind für Sie solche Themen inzwischen noch wichtiger geworden?

Tawil: Das war für mich schon immer bedeutend. Schon bei "Ich + Ich", mit meiner Kollegin Annette Humpe, haben wir den Kapitalismus kritisch kommentiert. Und ja, ich bin zwar nicht dafür bekannt, dass ich irgendein Thema mit der Brechstange behandle. Aber ich mache das auf meine eigene Weise und ich stelle mich ja auch selbst infrage. Ich bin genauso ein Konsumopfer wie viele andere Menschen, wenn ich mich beim Einkauf im Kaufhaus dann doch dabei erwische, wie ich mit Dingen nach Hause gehe, die ich eigentlich gar nicht brauche. Da lass ich mich manchmal genauso verführen von Werbung und Trends. Somit bin ich mit dieser Kritik auch immer selbst gemeint.

Ihr Song "Atombombe" beschreibt auch eine sehr persönliche Erfahrung.

Tawil: Die Geschichte, die hinter diesem Song steckt, hat mein Denken verändert. Ich war gerade auf Hawaii, als es dort einen Fehlalarm, eine Atomwarnung gab. Da hieß es, ein Raketenangriff auf die Hawaiianischen Inseln steht bevor. Wir waren auf der Insel, um Songs zu Schreiben und 38 Minuten lang wussten wir nicht, ob wirklich Raketen aus Nordkorea auf Hawaii einschlagen. Das hat mir gezeigt: Wenn wir zuhause auf der Couch sitzen und Nachrichten oder Talkshows sehen, sind wir immer sehr weit weg vom Geschehen, wenn da irgendwo Bomben fallen. Und plötzlich war für mich die Gefahr auf einmal ganz nah. Wir sollten es nicht für selbstverständlich nehmen, dass wir in Frieden leben, sondern jeden Tag dafür kämpfen. Solche Botschaften waren immer schon Bestandteil meiner Musik, bei "Ich + Ich" und als Solokünstler. Natürlich geht es auf meinen Alben auch um Zwischenmenschliches, um Liebe, um Themen, die uns jeden Tag beschäftigen. Ich bin auch kein politischer Künstler. Aber die Dinge, die mich beschäftigen, von denen erzähle ich auch.

Sie singen da von einer sehr persönlichen Erfahrung und einem schweren Thema. Wie gehen Sie denn mit Kritikern um, die sagen: Solche Themen lassen sich doch nicht mit Popmusik vereinbaren?

Tawil: Für mich schließt das eine das andere überhaupt nicht aus. Jazz, Pop, Klassik, Reggae, das sind für mich nur Sparten der Musik. Am Ende ist alles Musik. Es gibt eine Botschaft und wenn die gut rübergebracht wird und ein Song die Menschen erreicht, dann habe ich alles richtig gemacht. Ich hab mich von solchen dogmatischen Regeln schon immer losgesagt. Ich mache das, was mir mein Gefühl sagt. Entweder man mag das oder man mag es nicht.

Sie sind mit Ihrer Tour unterwegs durch ganz Deutschland und kommen jetzt nach Neu-Ulm. Bemerken Sie denn Unterschiede von Publikum zu Publikum? Wie tickt zum Beispiel das schwäbische Publikum?

Tawil: Wir waren gerade in Stuttgart, in der Porsche-Arena, und da kann ich nicht meckern (lacht). Dort herrschte von Anfang an eine Riesenstimmung, mit dem schwäbischen Publikum läuft es also super. Aber es müssen viele Faktoren zusammenkommen, damit der Funke beim Konzert überspringt. Manchmal hat es etwas mit dem Spielort, der jeweiligen Location zu tun, manchmal auch mit dem Wochentag, es kommt immer drauf an. Ich habe aber noch nicht festgestellt, dass es ein Nord-Süd oder West-Ost-Gefälle gäbe. Wenn die Stimmung gut ist, wird auch das Konzert gut. Man weiß vorher nie, was einen erwartet – das macht es ja so spannend.

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