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Weißenhorn

17.02.2019

Ärztesprecher: Entscheidung über AKW-Müll ist „Schwachsinn“

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Ein Blick in das Technologiezentrum des Kernkraftwerks Gundremmingen. Dort lagert Material, das durch eine sogenannte Freimessung in den gewöhnlichen Abfallkreislauf eingespeist werden kann. Jetzt gab es in Weißenhorn einen Informations- und Diskussionsabend zum Thema AKW-Müll.
Bild: Bernhard Weizenegger

Beim Infoabend zu radioaktiv belastetem Abfall wird Kritik laut, doch die Diskussion bleibt sachlich. Die Weißenhorner Bürgerinitiative gegen Müllverbrennung stellt Forderungen auf.

Gundremminger AKW-Müll in Weißenhorn – diese Nachricht schreckte zuletzt viele Bürger im Landkreis Neu-Ulm auf. So waren die 120 Plätze beim eigens angesetzten Infoabend der Weißenhorner Bürgerinitiative gegen Müllverbrennung voll besetzt. Die Diskussion blieb sachlich.

„Jede zusätzliche radioaktive Belastung bedeutet eine Gesundheitsgefährdung“, sagte SPD-Kreisrat Herbert Richter, der die Diskussion mit seiner Nachfrage im Neu-Ulmer Kreistag im Januar erst losgetreten hatte. In der Folge zeigte sich, dass seit 2016 bereits 46 Tonnen Müll aus Gundremmingen in Weißenhorn verbrannt worden sind. Material, das nur gering belastet war, nachdem es entsprechend vorbehandelt, im Fachjargon „freigemessen“ wurde. Offenbar aber geschah das alles ohne Wissen von Kreistag und Landrat.

Landrat Thorsten Freudenberger: Bitte nicht von "Atommüll" sprechen

„Wir hätten tatsächlich früher darüber reden müssen“, erklärte Landrat Thorsten Freudenberger den Zuhörern. Er forderte aber, nicht weiterhin von „Atommüll“ zu sprechen, denn das schüre nur Ängste. Der angelieferte Müll sei freigemessen und werde daher wie normaler Hausmüll behandelt. Der Landkreis sorge nun für die nötige Transparenz und arbeite mit dem Ökoinstitut Mannheim zusammen, um alle Werte engmaschig zu kontrollieren. Aus den Anlieferungs-Verträgen mit dem Landkreis Günzburg, die noch bis 2025 laufen, komme man vorzeitig aber wohl nicht heraus, antwortete Freudenberger auf die Nachfrage eines Zuhörers.

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Bürgermeister Wolfgang Fendt: Wir wurden letztendlich verkauft

Eine Aussicht, die Weißenhorns Bürgermeister Wolfgang Fendt nicht amüsiert. „Wenn ich da noch lange zuhöre, kriege ich ein Magengeschwür!“, ärgerte er sich. „Wir wurden letztendlich verkauft“, sagte Fendt. Das zuständige Gremium sei nicht informiert gewesen und am Ende werde man sich wohl auf vertragliche Verpflichtungen herausreden. Dass eventuell noch eine Reduktion der bislang angepeilten Müllmengen erreicht wird, glaubt Fendt nicht: „Das wird nie kommen.“

Allgemeinmediziner Reinhold Thiel, Sprecher der Ulmer Ärzteinitiative, die sich für die Abschaffung von Atomenergie stark macht, sah die jüngste Entscheidung des Umweltausschusses im Kreistag, die Gundremminger Lieferungen ab März weiterlaufen zu lassen, äußerst kritisch. „Ich bedauere die Entscheidung und halte sie für Schwachsinn“, sagte er dazu. Positiv sei an der Diskussion allein, dass die Sensibilität für dieses brisante Thema gestiegen sei. Die Definition des „freigemessenen“ Mülls ist für ihn ohnehin Makulatur. Die Praxis, strahlenbelasteten Abfall zu behandeln, also etwa abzuwischen, bis er nur noch die maximal zulässige Strahlung von 10 Mikrosievert aufweist, löse das Problem in keiner Weise. So würde die Belastung zwar anders verteilt, aber eben nicht geringer. Grundsätzlich, so der Standpunkt der Initiative, müsse auch für freigemessenes Material die Atomaufsicht zuständig bleiben und es abgeschirmt gelagert werden. Die Verbrennung des Mülls sei keine Alternative, sondern erhöhe nur das Risiko für Strahlenschäden.

Mehrere Kreisräte betonten in der Diskussion: Die Müll-Belastung sei im Vergleich zu Flugreisen oder der in der Umgebung stetig vorhandenen Hintergrundstrahlung gering. Sie falle „kaum ins Gewicht“, so Franz-Josef Niebling (CSU). Weitere Redner schlossen sich der Ansicht an. Die Strahlenbelastung etwa bei medizinischen Untersuchungen seien um ein Vielfaches höher. Andere Redner äußerten ihre Bedenken, denn auch kleine Belastungen summierten sich auf, und die Auswirkungen könne niemand abschätzen. „Wir sollten nicht nur mit Emotionen kochen, sondern brauchen Zahlen. Wir wollen ja wissen, wie viel Strahlung am Ende auf unseren Spielplätzen landet“, forderte ein Diskussionsteilnehmer.

Das fordert die Bürgerinitiative gegen Müllverbrennung

Mehr Offenheit verlangt die Bürgerinitiative jetzt vom Abfallwirtschaftsbetrieb AWB: Diese Informationen mit vier Jahren Verspätung zu liefern, gehe nicht, kritisierte Ulrich Hoffmann, Sprecher der Bürgerinitiative gegen Müllverbrennung. Eine weitere Zusammenarbeit mit dem AWB könnten sich die Bürger daher nur vorstellen, „wenn die Vertrauensbasis wiederhergestellt ist, wir erwarten Ehrlichkeit von der anderen Seite“. Zu den Forderungen der Bürgerinitiative gehört eine lückenlose Eingangskontrolle am Weißenhorner Kraftwerk und die Anzeige aktueller Messwerte zu Radioaktivität, Feinstaub und Schadstoffen an einem zentralen Ort in der Stadt, etwa am Hauptplatz.

Lesen Sie hier einen Kommentar von Ronald Hinzpeter zu dem Thema: AKW- Müll: Die Gemüter können sich wieder beruhigen

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