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23.07.2010

Alis Welt ist aus den Fugen

Der Arbeitsplatz eines Gebeutelten: Fast jeden Tag sitzt der gehbehinderte Ali Baltaci auf der Ulmer Hirschstraße mit dem Münster im Blick und bessert seine Arbeitsunfähigkeitsrente auf. Fotos: heo
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Der Arbeitsplatz eines Gebeutelten: Fast jeden Tag sitzt der gehbehinderte Ali Baltaci auf der Ulmer Hirschstraße mit dem Münster im Blick und bessert seine Arbeitsunfähigkeitsrente auf. Fotos: heo

Ulm Er sitzt mitten in der Hirschstraße. Tag für Tag am selben Ort direkt vorm Bekleidungshaus Orsay. Stundenlang. Das rechte Bein seltsam unters Gesäß geschoben, das linke gerade ausgestreckt. Der zusammengekauerte Ali Baltaci gehört seit sechs Jahren zum Bild der Ulmer Einkaufsmeile wie die Fischsemmel der Nordsee oder Sport Sohn. Spätestens um 11.30 Uhr will er immer an seinem Fleckchen sein. Sommer wie Winter. Bevor die Mittagspause der Beschäftigten drum herum beginnt, räumt er seinen Rollkoffer aus, stellt Aschenbecher und Thermoskanne neben sich und die selbst gebaute Kasse und seine Waren davor. Heute im Angebot: Bilder von Bart Simpson und dem Pferd von Pippi Langstrumpf. 90 Stunden stickte er für ein 20 Zentimeter breites Bild. 15 bis 20 Euro erhofft er sich als Einnahme. Keine Renner. Die Staubschicht auf der schützenden Plastikfolie ist dick.

Alle zwei bis zweieinhalb Stunden hält er es nicht mehr aus. Die Schmerzen werden zu groß. Dann steht er schwerfällig auf und schlurft in eine Nebenstraße und schluckt Valoron, ein starkes Schmerzmittel. "Wenn ich das nicht nehmen würde, müsste ich anfangen zu schreien", sagt der 41-Jährige, der weiß, was Leiden bedeutet. Die Leidensgeschichte, die er uns erzählt, beginnt im Alter von sechs Monaten: "Ich flog wie ein Geschoss durch die Windschutzscheibe auf den Asphalt."

Der gebürtige Heilbronner besuchte mit seinen Eltern eigentlich nur die türkische Verwandtschaft. Durch den Unfall wurden vier Jahre daraus. Eine echte ärztliche Behandlung habe er im Heimatland seiner Eltern nie erfahren. Erst nach vier Jahren in Deutschland. Sein rechtes Bein war zu diesem Zeitpunkt zwölf Zentimeter kürzer, ein Spitzfuß hatte sich gebildet. Auch eine Hirnblutung blieb unbehandelt.

Unzählige Operationen, später fehlen dem Bein noch zweieinhalb Zentimeter und chronische Entzündungen im ganzen Körper bleiben. In Deutschland zwischen Krankenhaus, Heimen und einem offenbar gewalttätigen Elternhaus findet er keinen Halt. Er versuchte mehrfach, sich das Leben zu nehmen. Eine von seinen "sogenannten Eltern", wie er sagt, arrangierte Hochzeit führt ihn dann 2004 nach Ulm. Die Ehe endet in einem Fiasko und gegenseitiger Anzeigen. "Manchmal würde ich mich am Liebsten verbrennen."

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Er hat Kinder, aber kein Glück

Das Glück ist selten auf der Seite von Ali Baltaci, der offiziell staatenlos ist, früher mal Türke war und den Deutschen Pass beantragt hat. Wenn es überhaupt schon mal da war.

Sechs Jahre sitzt er jetzt schon auf der Hirschstraße. Manchmal läuft eines seiner drei Kinder im Teenie-Alter vorbei. "Mehr als Geld wollen sie nicht von ihrem Vater." Geld ist auch nicht das Hauptproblem von Ali, der offiziell ein staatenloser Bürger ist. Er bekommt 490 Euro Schwerbeschädigtenrente im Monat. Dazu kommen die zehn bis 30 Euro, die täglich die Bummelnden auf Ulms Shoppingmeile in seine Plastikkasse werfen. Nur rund um Weihnachten seien es deutlich mehr. "Da habe ich schon mal einen 100 Euro Schein bekommen."

"Ich will nicht betteln", sagt er. Er sitze Tag für Tag auf der Hirschstraße, um zu beweisen, dass er arbeiten würde, wenn er arbeiten könnte. Wenn er seine Schmerzen nicht mit einem Opiat betäuben müsste.

Außerdem bekommt sein Leben so Struktur. Die Ulmer seien lieb zu ihm. Ganz ganz selten nur werde er angepöbelt. Sogar Polizisten in Uniform würden ihm ab und an eine Spende zukommen lassen.

Einmal fanden sogar seine Stickereien echte Anerkennung: Das Ulmer Stadttheater orderte 80 gestickte Schriftzüge. Als er dann erfuhr, dass sie übergroß bei einer Aufführung auf die Bühne projiziert wurden, machte ihn das ein kleines bisschen stolz.

Aus dem Ruder bringt seine Finanzen derzeit aber eine Geldstrafe des Ulmer Amtsgerichts über 513 Euro. Es gab Ärger wegen seiner Rente, der Grundsicherung und gleichzeitiger Unterstützung seiner Frau in der Türkei. Über 300 Euro habe er aber schon bezahlen können.

Was Ali richtig Angst macht, ist seine zunehmende Hilflosigkeit. Manchmal stürzt er, wenn er zum Bus geht und kann nicht aufstehen. Alleine baden kann er nicht, einkaufen ist auch schwer für ihn.

Ein- bis zweimal die Woche hilft ihm eine Frau aus Neu-Ulm. Im September fährt sie in den Urlaub. Ali Baltaci hat jetzt schon Angst davor. So gesehen ist seine kaputte Welt vergleichsweise in Ordnung, solange er auf der Hirschstraße sitzt und noch sticken kann.

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