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Pfuhl

10.09.2018

Als Milchwagen und Gänse die Straßen säumten

Die Pfuhler Gänse sind inzwischen rar geworden.
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Die Pfuhler Gänse sind inzwischen rar geworden.
Bild: Inge Pflüger

Eine Ausstellung im Pfuhler Heimatmuseum zeigt, was einst das Dorf Pfuhl mit der Stadt Neu-Ulm verband.

Wenn im kommenden Jahr das Stadtjubiläum „150 Jahre Neu-Ulm“ gefeiert wird, werden auch die Pfuhler Museumsfreunde ihr Scherflein dazu beitragen. Parallel zu den zahlreichen Veranstaltungen von April bis September zeigen sie im Heimatmuseum in Wort und Bild, was einst das Dorf mit Neu-Ulm und der großen Schwesterstadt Ulm verbunden hat. Dies macht zugleich deutlich, welch tragende Rolle Pfuhl in Neu-Ulms (Vor-)Geschichte spielte. Bereits nach der Sommerpause (ab 16. September) werden die Aufzeichnungen der Öffentlichkeit im Pfuhler Heimatmuseum präsentiert. Geöffnet ist sonntags von 14 bis 17 Uhr, der Eintritt ist frei.

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Auf großen Stellwänden im historischen Museumsstadel hat Vereinsmitglied Reinhard Raats, unterstützt von etlichen Museumsfreunden, Papierrollen aufgezogen, die teils mit kuriosen Geschichten, Bildern und Erzählungen aus der Vergangenheit gespickt sind. In aufwendigen Recherchen hat er etwa Details um die „Pfuhler Artillerie“, die „Pfuhler Milchweiber“, die „Pfuhler Gänse“„ oder das „Pfuhlerle“ auf Papier verewigt. Als 1869 Neu-Ulm das Stadtrecht erhielt, pflegten die Pfuhler Bürger schon lange Jahre eine gute Zusammenarbeit mit den Städtern. Diese praktizierten auch die Landwirte mit ihrer „Pfuhler Artillerie“, die seit dem 19. Jahrhundert und bis in die 1930er-Jahre regelmäßig in Neu-Ulm und Ulm im Einsatz war. Zwei oder drei Pferdefuhrwerke hatten jeweils ein gewaltiges hölzernes Fass geladen und einen Pumpen- samt Schlauchwagen angehängt. So „bewaffnet“, rückten die Pfuhler aus, um die Sickergruben der „Städter“ zu leeren. Nicht ohne Hintergedanken – zum einen konnten sie ihre Felder düngen und zum anderen verdienten sie noch etwas dazu. Belegt ist zudem, dass sämtliche Fenster geschlossen wurden, wenn die „Artillerie“ unterwegs war – denn der Inhalt der Güllefässer verbreitete einen überaus üblen Gestank.

Ein super Draht zu den „Stadtleit“ bestand dagegen wegen der kuhfrischen Milch aus Pfuhl. Jahrelang fuhren meist die Bauerntöchter täglich frühmorgens in ihren eigens konstruierten Holzkarren mit Holzrädern oder Kufen (im Winter), die Milch in die Stadt, um sie zu verkaufen – die „Milchweiber“ waren geboren. Ein gutes Zubrot, das sich die jungen Frauen in schlechten Zeiten hinzuverdienten. Nicht nur mühsam war die Arbeit, auch oft lustig. So soll es vorgekommen sein, dass aus dem kleinen „Vesperbierle“ nach getaner Arbeit auch mal einige „Halbe“ wurden, hält der Pfuhler Chronist Hans Erne im Heimatbuch fest. Und: „Dann war es gut, dass man sich auf dem Heimweg an der Schiebedeichsel festhalten konnte.“ Natürlich durfte auch der lustige Vierzeiler nicht fehlen, den die Mädchen dann singender Weise zum Besten gaben: „Wann i ond mei Karra ond mei Millwagel net wär, wo nähmet dia Stadtleit da Rahm zom Kaffee her?“ Mitte des 20. Jahrhunderts wichen die Milchwagen den Pferdefuhrwerken und zuletzt den Lastwagen, die dann die Milch zur Sammelstelle karrten. Heute gibt es nicht mal eine Handvoll Haupterwerbslandwirte in Pfuhl, sie sind ebenso rar geworden wie die Pfuhler Gänse, die bis Mitte des vorigen Jahrhunderts auch eine große Rolle im Zusammenleben mit den Stadtbewohnern spielten. Die gefiederten Tiere wurden gemeinsam gemästet, und zwar verbrachten sie bis zum Schlachten vor Weihnachten ihre Tage auf der Gänsewiese oder der nahe gelegenen Pfuhler Rosswette (eine ehemalige Kiesgrube, heute steht daneben das Schützenheim). Eingesammelt wurde das Federvieh von der Gänsemagd oder dem Gänsehüter. Dann ging’s im Gänsemarsch zur Weide oder Rosswette. Dort tummelten sich und schnatterten die Gänse wohlbehütet. Abends machten sie sich unter Begleitung folgsam auf den Heimweg zur Hofstelle. Jede Gans wusste nämlich haargenau, wann sie von der Herde Richtung Heimat ausscheren musste. Natürlich gab’s auch die „Extravaganten“ – sie watschelten beim Heimtrieb mit Geschnatter los, liefen etliche Meter und schwangen sich dann lauthals in die Lüfte. Gelandet sind sie aber immer wieder – wie kann es anders sein – schnatternd im heimatlichen Betrieb.

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