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Weißenhorn

12.08.2014

Als Pastor eine Wucht

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„Ich haue niemanden mit der Bibel platt“: Pastor Alexander Denk steht der Christus-Gemeinde in Weißenhorn vor. Einmal in der Woche feiert er einen Gottesdienst in den Räumen in der Hauptstraße. Für Jugendliche gibt es zudem Kampfsport-Kurse.
Bild: Andreas Brücken

Früher sang Alexander Denk in einer Heavy-Metal-Band – über Partys, Drogen und Exzesse. Dann veränderte ein schwerer Unfall sein Leben. Jetzt leitet er die Christus-Gemeinde in Weißenhorn – teils mit schlagkräftigen Methoden

Von Jens Carsten

Weißenhorn Mit einem Knall prallt die Faust des Hünen gegen den Sandsack: Der Schlag hätte wohl jeden Angreifer zu Boden geschickt – der 1,93 Meter große Mann mit Glatze und Ziegenbart nickt zufrieden. Auch wenn er sich verteidigen kann, so martialisch wie er auf den ersten Blick wirkt, ist Alexander Denk gar nicht. „Ich haue niemanden mit der Bibel platt“, sagt der 42-Jährige, und ein warmherziges Lächeln umspielt seine Lippen. Seit 2010 steht der Pastor der evangelischen Christus-Gemeinde in Weißenhorn vor. Aber nicht immer war Denk in Gottes Auftrag unterwegs: „Mir hatte es eher die Gegenseite angetan.“ Einst sang er in einer Heavy-Metal-Band und feierte wilde Partys. Bis ein Unfall sein Leben ein für alle mal veränderte.

In den Liedtexten der Gruppe ging es um Drogen, Gewalt und Exzesse: „Es war eine Atmosphäre aus Hass“, erinnert sich Denk. Das sei damals seine Welt gewesen, bis diese vor fünf Jahren plötzlich aus den Angeln gehoben wurde. Bei Illertissen prallte er mit seinem Motorrad frontal gegen ein Auto, flog meterweit durch die Luft und blieb schwer verletzt im Graben liegen. Die Schmerzen seien unerträglich gewesen, „aber trotzdem habe ich einen Moment des absolutes Friedens erlebt“. Im Bundeswehrkrankenhaus in Ulm erfolgte die Diagnose: Fuß gebrochen, Kopf und Wirbelsäule unverletzt. „Ich hätte tot sein müssen, aber das war kein Glück“, ist sich Denk heute sicher. „Da hat Gott eingegriffen.“

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Ein weiteres Aha-Erlebnis war der Besuch des umstrittenen US-Predigers Billy Smith vor einigen Jahren. Der selbst ernannte Heiler habe ihn in Dietenheim beeindruckt. „Ich war aus reiner Neugier dort, weil die Leute sagten ,Da wachsen Füße nach’.“ Als der Amerikaner dann Menschen nach vorne bat, die ihren Glauben als schwach einschätzten, stand auch Denk auf. „Es hat sich einfach absolut richtig angefühlt.“

Diese Erlebnisse veränderten den wilden Heavy-Metal-Musiker. „Ich spürte eine Liebe im Herzen und konnte das mit meinem bisherigen Leben nicht mehr vereinbaren“, sagt Denk. Schließlich habe er noch ein letztes Konzert gegeben und die nietenbesetzte Lederjacke dann für immer abgelegt. CDs, Poster und Klamotten seien in den Müll gewandert, sein Freundeskreis zerbrochen: „Viele wollten nichts mehr mit mir zu tun haben.“ Seine Frau hielt zu ihm, und half, die Gemeinde in Weißenhorn aufzubauen. Diese ist Mitglied bei „Foursquare“, dem Dachverband der evangelischen Freikirchen. Pastor werden könne prinzipiell jeder, erklärt Denk. Anwärter müssten aber Qualitätsmerkmale erfüllen. Dazu gehörten Bibelschule, Seelsorge-Ausbildungen und ein studienähnlicher Abschluss.

Nach und nach stieß die neue Kirche in der Fuggerstadt auf immer größeres Interesse. Schließlich musste Denk seinen gut bezahlten Job als Controller auf wenige Tage in der Woche reduzieren, um seinen Pflichten als ehrenamtlicher Pastor nachkommen zu können. Gerade in diesen Tagen gibt es viel zu tun, denn in Krumbach entstehen weitere Gemeinderäume: Laminat verlegen, Toiletten putzen, Predigten schreiben – „ich sehe mich als Mann für alles“. Einem „klassischen Geistlichen“ ähnele er optisch ohnehin nicht, vermutet Denk. Es bereite ihm Freude, das Klischee „zu sprengen“. Der Vorteil von Glatze und Ziegenbart: „Ich komme auch bei Menschen gut an, die eher am Rande der Gesellschaft stehen.“

In der Fuggerstadt suchten viele Bürger Hilfe, die Nachfrage nach Seelsorge sei groß. Gerade Jugendliche kämen mit ihren Problemen zu ihm, die einen berichteten von Aggressionen und Liebeskummer, andere von Mobbing oder sogar Missbrauch. „Der Bedarf an einem offenen Ohr ist auf jeden Fall da“, sagt Denk. An manchen Tagen klingele das Telefon zehn bis zwölf mal. Das „krasseste Erlebnis“ als Seelsorger verdankte er einem akut selbstmordgefährdeten Bekannten. „Bloß nicht auflegen“, lautete die Devise. Und: Gleichzeitig den Notruf wählen. Denn bei schweren Depressionen helfe nur eine psychologische Behandlung. „Allein seelsorgerisch kann man da nichts machen.“

Kontakte zu den Geistlichen anderer Kirchen gebe es, sagt Denk, etwa zum katholischen Stadtpfarrer Bernhard Mooser. „Er weiß, dass ich ihm seine Schäfchen nicht abspenstig mache.“ Manch anderer hege jedoch Vorurteile gegenüber von Freikirchen und bezeichne die Christus-Gemeinde als Sekte. „Das sind wir definitiv nicht“, so der Pastor. Davon könne sich jeder überzeugen, der in der Hauptstraße vorbei schaue. Es gehe um Gemeinschaft, Gebete und gute Gespräche bei einem Tässchen Kaffee: „Bei uns steht das Miteinander im Vordergrund, wir missionieren nicht.“ Auch fixe Rituale gebe es nicht, was die Besucher schätzten. Für den Pastor ist Humor wichtig: „Jesus und seine Jünger hatten sicher auch Spaß.“ So begann Denk kürzlich eine Predigt in Anspielung auf seine Größe mit den Worten: „Gott hat einen bunten Zoo – und euch hat er einen Elefanten geschickt.“ Sein Credo als Pastor lautet: „Nicht hoch trabend daher reden, sondern sagen, was Sache ist.“

Bei Bedarf bringt er die frohe Botschaft auch handfest unters Volk – in Krumbach will er künftig Jugendliche in Kampfsport unterrichten. Dabei könnten sich die Teilnehmer auspowern, Gemeinschaft erleben und lernen, sich zu verteidigen. „Ich bin halt ein Pastor, der sich prügelt“, sagt Denk mit seinem warmen Lächeln.

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