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Zeitgeschichte

11.12.2015

Als der Jazz an die Donau kam

Porträt eines unbekannten Saxofonisten: Dieser Musiker, wahrscheinlich ein US-Soldat, spielte ebenfalls in der „Gaslaterne“.

Ein Kalender erinnert an die Ulmer „Gaslaterne“, wo in den 50ern und 60ern deutsche und amerikanische Musiker jammten

Lange, bevor die Politik die Folgen des Zweiten Weltkriegs verdaut hatte, hat die Kultur eine Aufbruchsstimmung erzeugt. Der Jazz, den amerikanische Soldaten nach Ulm brachten, leistete dazu einen wichtigen Beitrag. Daran erinnert nun der Kalender „Jazz in der Gaslaterne“, den der Wohnbau-Unternehmer und Mäzen Günter Steinle für das Jahr 2016 jetzt herausgebracht hat. Der Musikfreund setzt damit dem Kultlokal ein Denkmal und erinnert an die Jazzmusiker der damaligen Zeit.

1955 kamen Ulmer Jazzer wie Elmar Poss, Robert A. Schaller und Jo Müller auf die Idee, eine Jazzkneipe zu gründen – eben die „Gaslaterne“ in der Kohlgasse, ein Wirt war schnell gefunden. Im umfangreichen Text zu den Kalenderbildern schildern Steinle und Co-Autor Heinz Koch vom Theater Neu-Ulm, die Geburt des (Neu-)Ulmer Jazz. Auf der Spurensuche scheiterten die Rechercheure allerdings daran, Näheres über den Verbleib des Wirtes zu erfahren, nur dass er mit Nachnamen Reitmaier oder so ähnlich hieß. Diesen Unbekannten hat Steinle im Kalender besonders hervorgehoben. Sein Kopfporträt ziert das Cover: Das Bild eines in sich gekehrten Mannes, der wohl in seinem Lokal mit geschlossenen Augen träumerisch ein inniges Jazzkonzert verfolgt.

Der begleitende Text zum Kalender geht bei der Schilderung der 50er Jahre über den Ulmer Horizont hinaus, lässt die Zeit des beginnenden Wirtschaftswunders amüsant wieder aufleben, kehrt aber immer wieder zurück zum Gaslaternen-Jazz, wo sich schnell ein örtlicher Star herauskristallisierte: Harald Eckstein. Die verbliebenen Zeitzeugen schwärmen noch heute von diesem Musiker und Womanizer am Klavier, der in den 60er Jahren dann mit seinem Sextett eine bundesweite Karriere startete. Andere Ulmer Größen der damaligen Zeit blieben zuhause und ernährten sich redlich, wie Vibrafonist Werner Brendel, Schlagzeuger Peter Dick und Bassist „Lupus“ Wolf, um nur einige zu nennen.

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Von ihren Auftritten existieren eindrucksvolle Schwarzweiß-Fotos, die der Ulmer Hans Joachim Kruse geschossen hat. Diese Schätze hat Steinle mit hohem Zeitaufwand gehoben. Der 74-Jährige war als Schüler nicht nur Zeitzeuge des Jazzaufbruchs Ulm, sondern mischte als Pianist und Schlagzeuger auch selbst mit. Seine Eltern überließen ihm 1957 den Keller in ihrem Söflinger Haus, den er in den „Club 79“ (die Zahl steht für die Hausnummer) verwandelte, wo Jazzmusiker mit jammten.

Ein Denkmal setzt Steinle mit diesem Kalender auch den vielen unbekannten US-Jazzmusikern, die als GIs in der Gaslaterne Gastspiele gaben. Ein Kalenderfoto zeugt davon, mit welcher Inbrunst ein namenloser Saxofonist aus den Staaten in der Jazzkneipe zu Werke ging.

Die spannende Geschichte des Ulmer Jazz soll 2017 in einem weiteren Kalender weitererzählt werden.

Der Kalender 2016 mit dem Titel „Jazz in der Gaslaterne“ kostet 15 Euro, die der „Günter Steinle Fondation“ zugutekommen. Diese unterstützt internationale und regionale Kulturprojekte. Der Kalender ist in Ulmer und Neu-Ulmer Buchläden erhältlich oder im Internet unter 40-jahre-steinle.de.

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