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Ulm

13.10.2013

Am Altar ins Netz gegangen

Eine andere Perspektive: Das Netz trägt über dem Altar in der Pauluskirche in Ulm. Dort findet noch bis Ende des Monats das Jugendkirchenfestival („Jukival“) statt.
Bild: Dagmar Hub

Jugendkirchenfestival in der Pauluskirche lockt junge Leute mit ungewöhnlichem Angebot.

Der derzeitige Anblick der Pauluskirche muss für die asiatische Touristin so irritierend gewesen sein, dass sie beim Betreten der denkmalgeschützten ehemaligen Garnisonskirche gleich wieder umdrehte: Vor dem Altarraum spannt sich ein 200 Quadratmeter großes begehbares Netz, durch das die Figur Christi durchscheint. Im Netz räkeln sich ein paar Schülerinnen, ein Stück weiter klettern einige Mädchen in ausgelassener Stimmung.

Arvo Koha, Diakon und Jugendreferent beim Evangelischen Jugendwerk, beobachtet das Geschehen. „Es gibt viele Jugendliche, die waren noch nie in einem Kirchenraum“, sagt er. Ihnen will er Zugang zur Kirche verschaffen – auch durch das ganz andere Erlebnis, wie es das erste Jugendkirchenfestival – in Ulm „Jukival“ genannt – schafft. Die Achtklässlerinnen eines Ulmer Gymnasiums, die mit ihrer Religionslehrerin einen Werkstatttag beim Jukival erleben, nehmen die Möglichkeit, sich im großen Kirchenraum frei und kreativ zu beschäftigen, ungezwungen wahr. Franzi und einige andere Mädchen hängen mit dem Stuttgarter Künstler Egmont Pflanzer Selbstgebasteltes unter die Kirchendecke. Es geht ums Thema „Jeder ist ein Star“, um den Wert jedes Einzelnen, um die eigene Identität und deren notwendige Bindungen an andere. Wer verbindet sich mit wem, und warum gibt es nicht nur positive Verbindungen, sondern auch solche, die nur die Abneigung prägt?

Das begehbare Netz im Kirchenraum hat da Symbolkraft. Dennoch ließ Arvo Koha nicht alles zu. „Mit einer Flasche Cola auf dem Altar hätte ich Probleme“, sagt er. Und natürlich lasse er Streit, aggressive, fremdenfeindliche oder nekrophile Musik nicht zu. Sähe er die Gefahr einer Beschädigung der Kirche, würde er sofort eingreifen. „Trotzdem muss ich auch lernen, mich zurückzunehmen“, sagt er. „Ich versuche, zu akzeptieren, auch wenn mir manche Jugendkultur vielleicht nicht gefällt.“

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Was er mit dem Jugendkirchenfestival erreichen möchte: „Ich möchte den Jugendlichen ein positives Erlebnis im Kirchenraum geben. Nicht nur still sitzen und zuhören, sondern selbst etwas gestalten. Die Pauluskirche verändert während des Projekts täglich ihr Gesicht.“

Die Ulmer Pauluskirche ist Gemeindekirche, sie ist aber auch Vesperkirche und Konzertkirche. Vieles ist möglich durch die Offenheit der Gemeinde für eine solche Nutzung ihrer Kirche. „Es gibt aber auch Leute, die kommen während der vier Wochen des Jugendkirchenfestivals nicht in die Pauluskirche, weil sie die Veränderung nicht mögen“, weiß Koha. „Ich wünsch mir auch den Austausch mit Menschen, die das Jugendkirchenfestival vielleicht kritischer sehen. Und ich wünsche mir, dass das Jukival bei seiner nächsten Auflage vielleicht Grenzen überschreiten kann – ökumenische oder landeskirchliche nach Bayern beispielsweise.“

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