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Ulm

17.01.2020

Angeklagt: Der Geldeinsammler der Senioren-Abzocker

Senioren sind oft im Fokus von Betrügerbanden. Besonders beliebt ist die Masche der falschen Polizisten, mit denen die Täter hohe Geldsummen und teure Wertsachen von den alten Menschen ergaunern, in dem sie ihnen Angst vor Einbrechern machen.
Bild: Alexander Kaya (Symbolbild)

Plus Ab Freitag steht ein 25-Jähriger vor dem Landgerichts Ulm. Er soll Teil einer Betrügerbande sein und fast 400.000 Euro von alten Menschen erbeutet haben.

Ulm Seit etwa einem Jahr treiben hierzulande vermehrt so genannte falsche Polizisten ihr Unwesen und bringen alte Menschen um ihr Erspartes. Ein Mitglied einer solchen Bande muss sich ab Freitag vor der ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Ulm verantworten. Der 25-Jährige soll als so genannter Abholer einer internationalen Bande tätig gewesen sein und allein im vergangenen Jahr im Ulmer und Göppinger Raum fast 400.000 Euro von März bis Ende Juni 2019 bei insgesamt zwölf Einsätzen ergaunert haben soll. Mehrere Geschädigte werden an drei Verhandlungstagen in den Zeugenstand im Ulmer Schwurgerichtssaal treten, um ihre Erlebnisse zu schildern.

Laut Staatsanwaltschaft soll die Bande, bei der der Angeklagte tätig war, nach dem Modus operandi der falschen Polizisten im ganzen süddeutschen Raum im vergangenen Jahr Senioren nach der immer gleichen Masche heimgesucht haben. Bei dieser Form des Betrugs werden bevorzugt ältere Menschen, deren Telefonnummern wohl ausgespäht worden waren, in großer Zahl von Mitgliedern der Bande angerufen, die sich als Polizeibeamte ausgeben und vor unmittelbar bevorstehenden Überfällen oder Einbrüchen warnen. Im höflichen Ton und perfekten Deutsch werden die Angerufenen aufgefordert, ihre Wertsachen zu ihrem Schutz an angebliche Polizeikollegen auszuhändigen. Erklären sich die Angerufenen hierzu bereit, werden sie von so genannten „Abholern“ aufgesucht, die die Wertsachen gegen Quittung in Empfang nehmen und im Anschluss daran bei ihren Hintermännern abliefern.

Ein solcher Abholer soll der jetzt Angeklagte gewesen sein, sagt die Staatsanwaltschaft nach intensiven Ermittlungen. Seine mutmaßlichen Opfer sollen zwischen 58 und 92 Jahren alt gewesen sein. Rechtlich wird dem 25-jährigen Beschuldigten banden- und gewerbsmäßiger Betrug in Tateinheit mit Amtsanmaßung vorgeworfen.

Angeklagt: Der Geldeinsammler der Senioren-Abzocker

25-Jähriger soll Geld und Wertsachen von Senioren abgeholt haben

Erst kürzlich hat der Leiter der Kriminalpolizeiinspektion 4 in Ulm die perfiden Tricks der Betrüger am Telefon in einem Interview offen gelegt und berichtet, wie die Opfer noch Wochen nach der Tat litten. Bis zu 80 Anrufe pro Tag allein in den Regionen Ulm und Ehingen registriert die Polizei, die von September bis Dezember 2019 eine Gesamtausbeute von rund 650.000 Euro ermittelte. Die Ulmer Kripo hat mittlerweile eine Ermittlungsgruppe aus 13 Beamten eingesetzt, die sich Tag und Nacht mit den Trickbetrüger beschäftigt. Einen möglichen Erfolg hatten sie jetzt möglicherweise mit dem Angeklagten, der laut Staatsanwaltschaft allein insgesamt 394.663 Euro für die Bande erbeutete. Geld, das vornehmlich Senioren dem Mann im guten Glauben anvertraut haben sollen.

Wie der Ulmer Fahnder Thomas Friedrich in einem Interview gegenüber der Südwest Presse kürzlich sagte, blieben rund 50 Prozent der erfolgreichen Taten im Dunkeln. „Viele Opfer schämen sich ganz extrem und gehen nicht zur Polizei.“ Dabei arbeiteten die Täter in der Regel derart trickreich und geschickt, dass selbst jüngere Menschen in die Irre geführt würden. So werde auf dem Telefon der Opfer oftmals die Notrufnummer 110 als Anrufer angezeigt – in aller Regel zusammen mit der Ortsvorwahl des Angerufenen. „Dies ist aber ein deutliches Zeichen, das da etwas nicht stimmen kann“, sagt der Fahnder.

Ein weit verbreiteter Trick: Der Anrufer erzählt, in der Nähe des Wohnorts des Senioren sei eine Einbrecherbande festgenommen worden, bei den Tätern seien Notizen gefunden wurden, die Name und Adresse des Angerufenen beinhalten. Im weiteren Verlauf des Gespräches wird dann der Eindruck erzeugt, dass die Wertsachen in der Wohnung nicht mehr sicher seien. Der Bewohner soll sein Bargeld und sämtliche Wertsachen in ein Behältnis packen und vor die Tür stellen, wo sie von der Polizei abgeholt und an einem sicheren Ort deponiert würden. Die einzig richtige Reaktion auf solche Anrufe: Sofort auflegen und die Polizei informieren.

Betrügerbanden agieren über mehrere Server weltweit

Wie bereis auf der Jahrespressekonferenz der Ulmer Polizei bekannt gegeben wurde, handelt es sich bei den Tätern nahezu ausschließlich um türkische Staatsangehörige, die in zweiter oder dritten Generation in Deutschland aufgewachsen sind und perfekt Deutsch, ja sogar schwäbisch sprechen. Die Anrufe erfolgen über mehrere Server weltweit, getarnt als Call-Center in der Türkei. Genauere Telefonrückverfolungen haben zudem ergeben, dass die meisten Anrufe aus dem Raum Antalya stammen.

Auch im Landkreis Neu-Ulm sind solche Betrüger emsig am Wert. So wurden vor Kurzem an einem einzigen Tag im Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektionen Neu-Ulm, Weißenhorn, Illertissen, Günzburg, Burgau Memmingen und Kempten 38 Fälle angezeigt. Doch in keinem davon hatten die Täter Erfolg. Sie bissen auf Granit bei den Senioren, die sofort die Polizei verständigten.

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