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Ulm

19.05.2018

Anspruch und Belohnung im Theater

Letzter Auftritt im bunten Fummel: Hans-Günther Dotzauer in „Carmina Burana“.
Bild: Jochen Klenk

Ulms Operndirektor verabschiedet sich mit drei Stücken von seinem Publikum. Das reagiert zuerst etwas verschreckt, dann aber euphorisch. Zu Recht.

Schmerz statt Freude, Anspruch statt bloßer Unterhaltung: Operndirektor Matthias Kaiser, dessen Zeit am Theater Ulm nach zwölf Jahren im Sommer endet, verabschiedet sich vom Publikum mit einer sperrigen, bei der Premiere am Ende aber heftig beklatschten Produktion. Der gut zweistündige szenische Abend umfasst drei Stücke: Auf Arnold Schönbergs „Die glückliche Hand“, ein 1913 vollendetes Frühwerk der atonalen Musik, folgt eine nicht minder fordernde Uraufführung, Gerhard Stäblers „Dahinströmen, singend“. Die zweite Hälfte gehört einem der populärsten Werke des 20. Jahrhunderts: Carl Orffs „Carmina Burana“.

Der Weg dorthin ist kein leichter, denn „Die glückliche Hand“ ist nur ein Reigen aus rätselhaften Bildern über den inneren Zwist eines Mannes beziehungsweise Künstlers. Regisseur Kaiser lehnt sich an expressionistische Stummfilme an – Solist Tomas Kaluzny, der auf einer Wendeltreppe auf und ab schreitet, wirkt wie eine Mischung aus Nosferatu und Quasimodo (Bühne: Marianne Hollenstein; Kostüme: Angela C. Schuett). Das von Hendrik Haas geleitete, auf der Bühne postierte Orchester agiert dazu vorsichtig, fast lauernd. Noch freier, performativer danach „Dahinströmen, singend“ über die Totenklage des Orpheus: Die Instrumente erzeugen ein kaum geordnetes Klangmeer, der Chor scheint zu murmeln und stößt Kss- und Pff-Laute aus, Maria Rosendorfskys Sopranpartie erinnert an Geistergeheul. Die Tänzer (Beatrice Panero und Daniel Perin) hinterlassen dazu blutrote Spuren auf ausgelegten Papierbahnen. Der Pausenapplaus: etwas verschreckt.

Die zweite Hälfte belohnt das Publikum. Nicht nur wegen der eingängigen Musik der „Carmina Burana“, die von Orchester, Chor und Solisten – darunter Hans-Günther Dotzauer, der nach 32 Spielzeiten in Ulm in Rente geht – ausdrucksstark und mit Gespür für Dynamik interpretiert wird. Denn die Inszenierung erzählt nicht nur vom wechselvollen Spiel des Lebens, sondern von der Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Die fröhlichen Ballbesucher aus den wilden 20ern verwandeln sich nach und nach in grau-braune Spießbürger. Und das finale „O Fortuna“ geht in einen von Gerhard Stäbler komponierten 90-sekündigen Schmerzensschrei über, der vom eisernen Vorhang erstickt wird. Ein starkes Ende. Danach feiert das Publikum den scheidenden Operndirektor und all die anderen, die das Haus im Sommer verlassen. Auf den Schrecken folgt die Dankbarkeit. 

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