Theater

27.06.2015

Apokalypse schlau

Eine Hochzeitsfeier wird zum Totentanz

Das Recherchestück „Melencolia II“ philosophiert in poetischen und grellen Szenen über den Weltuntergang

Wenn heute Abend die Welt unterginge, würden Sie es wissen wollen? Und wenn Sie es denn wissen wollen: Was würden Sie tun? Würden Sie diese letzten Stunden mit Freunden bei einem Glas Rotwein genießen, dem unausweichlichen Ende intensive Momente abtrotzen, oder würden Sie in Panik geraten? Wem würden Sie was sagen wollen? Und: Was wäre Ihre letzte Handlung auf dieser Welt?

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Philosophisch beginnt Barbara Fraziers Recherchestück „Melencolia II“ im Podium des Theaters Ulm. Das Projekt lehnt sich an Albrecht Dürers rätselhaften Kupferstich „Melencolia I“ und an Lars von Triers Endzeitfilm „Melancholia“ an, der von einer depressiven jungen Frau erzählt, die sich das Weltende durch eine Kollision der Erde mit einem anderen Planeten vorstellt. Das Publikum entscheidet selbst und jeder für sich persönlich über den eigenen weiteren Weg an diesem Abend: Wer von einem kommenden Weltende nichts wissen wollte, folgt einer Wegweiserin im Untergeschoss des Theaters. Wer wissen will, was kommt, folgt einer anderen auf die Terrasse am Foyer. Hier spielt die stärkste Szene des Abends: Während eine junge Braut mit einem Fernrohr in den Abendhimmel schaut, philosophiert der 85-jährige Karl Frank mit Zitaten aus dem Alten Testament und dem Neuen Testament über das frühe Wissen des Ostens zum Lauf der Planeten. Über die Gesetzmäßigkeiten des ewigen und unbeeinflussbaren Kreislaufs, der eines Tages auch vom heutigen Menschen nichts lassen wird, der Musik, Sprache und Religionen löschen wird. Denn jegliches Ding hat seine Zeit.

Schweigen ist angesagt auf diesem ganz individualisierten Weg des Besuchers. Jeder ist allein mit seinen Gedanken und inneren Bildern. Jeder trifft seine Entscheidung allein. Jeder ist allein, obwohl andere ihn umgeben. Eine Hochzeitsfeier im Podium hat scheinbar zunächst mit den Weltende-Visionen nichts zu tun. Eine Hochzeitsfeier prall voll Zukunft, auf der der selige Bräutigam seiner Braut das Haus in Südfrankreich schenkt, wo beide schon glückliche Urlaube verbrachten. Und doch: Die von der überdrehten und leicht alkoholisierten Gästeschar gespielte „Reise nach Jerusalem“ lässt an eine mittelalterliche „Totentanz“-Darstellung denken. Das Glück, das aus den Augen des Paares strahlt, weicht angesichts von Vorzeichen, die auf eine Apokalypse deuten.

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Hier bricht Lars von Trier sich in zeitlupengleichen Alptraumbildern Bahn: Aufeinander folgende Bräute verfallen in Melancholie; sie werden zu innerlich leeren, einzeln in einem All der Depressionen vagabundierenden unnahbar kalten Wesen. Eine Braut nach der anderen wird ermordet, sie wird ersetzt durch immer weniger passende Paarkonstellationen, bis schließlich Daniel Klarer als grell am Flügel kreischende und auf die Tasten eindreschende Braut die Szenerie pervertiert. Leben und Liebe löschen sich in diesen Bildern einer allumfassenden Leere selbst aus.

Die Menschen „haben Angst vor dem Sterben, deshalb halten sie ihre Erbärmlichkeit in einer Milliarde digitaler Fotos fest“. Ein starker Satz. Das Selfie als Spiegel der Bedeutungslosigkeit.

Wieder am 28. Juni sowie am 1., 8., und 11. Juli.

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