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Walther Collection

07.06.2013

Archiv der Zerrbilder

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3 Bilder
Eine Expertin erklärt: Tamar Garb kuratierte 2011 auch eine Ausstellung über südafrikanische Fotografie am Londoner Victoria & Albert Museum.

Ausstellung „Distanz und Begehren“ schlägt Brücke vom 19. Jahrhundert in die Gegenwart

Burlafingen Alfred Martin Duggan-Cronin hatte eine monumentale Mission: Mit seiner Kamera wollte der irischstämmige Südafrikaner die seiner Meinung nach untergehenden Traditionen und Lebensweisen der Urbevölkerung seiner Heimat für die Zukunft bewahren. Es entstanden Tausende Aufnahmen, von denen zahlreiche in den elf Bänden seines zwischen 1928 bis 1954 erschienenen Mammutwerk „The Bantu Tribes of South Africa“ auftauchen. Zu sehen sind Menschen fernab jeglicher westlicher Zivilisation, die vor ursprünglichen Hütten stehen, seltsamen Bräuchen nachgehen oder halbnackt vor der Kamera posieren. Was die Bilder nicht erzählen, ist ihre Entstehungsgeschichte. Denn Duggan-Cronins ethnografisch motivierte Aufnahmen sind inszeniert, der Fotograf und sein Assistent reisten mit der Kostümkiste durch die Landschaften Südafrikas. Was die Bilder zeigen, ist eine koloniale Vorstellung einer indigenen Kultur.

Kolonialer Blick auf afrikanische Kultur

Duggan-Cronins (ästhetisch dennoch faszinierende) Arbeiten sind einer der Angelpunkte von „Distanz und Begehren“, der neuen Ausstellung der Walther Collection, die gleichzeitig das Ende des Afrika-Zyklus auf dem Burlafinger Kunstareal darstellt. Widmeten sich die ersten beiden Präsentationen dem Porträt und der Landschaft in der Fotografie der Gegenwart, geht die aktuelle, von der Londoner Kunsthistorikerin Tamar Garb kuratierte Schau zurück in die Vergangenheit und erlaubt dem Besucher „Begegnungen mit dem afrikanischen Archiv“.

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Neben den Bantu-Fotografien Duggan-Cronins, die im Schwarzen Haus in Dialog mit Studioporträts selbstbewusster, urbaner und europäisch orientierter Afrikaner aus der Zeit um 1900 aus dem „Black Photo Album“ von Santu Mofokeng treten, steht für das Konzept des Archivs vor allem eine Vielzahl von Alben, Kleinfotos und Postkarten, die in den Räumen des Grünen Hauses gezeigt werden. Sammler Artur Walther hat diese überwiegend erst in den vergangenen zwei Jahren erworben. Sie bilden ein Panoptikum afrikanischer Kultur, wie Europäer sich diese in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorstellten. Zu sehen sind spärlich bekleidete Kinder, stolze Häuptlinge oder auch Zulukrieger, fotografiert zu einer Zeit, als kein Zulu mehr mit Speer und Schild in den Krieg zog. Wer die Menschen darauf sind, ist fast immer unbekannt, häufig auch die Fotografen. Die Fotos dienten als Abbildung von Rassen-Stereotypen und stillten das Bedürfnis nach Exotik: Beliebt waren Aufnahmen nackter oder zumindest barbusiger Afrikanerinnen, die der Kuratorin zufolge schlicht Pornografie waren. „Man könnte unbegrenzt viele solcher Bilder zeigen“, sagt Garb. Die Ausstellung beschränkt sich auf wenige.

Das Schwarze und das Grüne Haus dienen auch bei „Distanz und Begehren“ als Prolog für die Galerie im Weißen Kubus. Dort sind Arbeiten zeitgenössischer Künstler zu sehen, die sich auf ganz verschiedene Weise mit dem zuvor gezeigten, europäisch-kolonialen Blick auf die Afrikaner und ihre Kultur beschäftigen.

Bekannte Arbeiten in neuem Kontext

Einige der Exponate wurden schon in der ersten Walther-Ausstellung „Momente des Selbst“ gezeigt – doch in dem neuen Kontext erlauben sie ganz neue Einsichten. „Das Historische spukt durch die zeitgenössischen Arbeiten“, sagt Kuratorin Garb. Etwa durch die Serie „Real Beauty“ der Südafrikanerin Jodie Bieber, die 2012 auch im Stadthaus ausstellte, auf denen drei Frauen selbstbewusst ihre gar nicht modelmäßigen Körper in Unterwäsche präsentieren – auch eine Replik auf die genannten erotischen Bilder. Zwelethu Mthethewa zeigt junge Mitglieder der christlichen Zulu-Gemeinde Shembe in zeremonieller Kleidung, die unter anderem aus Schottenröcken und Fußballstutzen besteht – laut Garb ein Beispiel für eine afrikanisch-westliche Hybridkultur.

Utopisch dagegen die Arbeiten Andrew Putters, darunter ein Video, das die Ehefrau eines niederländischen Kommandante ein Wiegenlied in der Sprache der Khoikhoi singen lässt. Eine sanfte, sehr bewegende Arbeit.

„Distanz und Begehren“ ist ein ambitioniertes Projekt, das seit zwei Jahren in Arbeit war und mit drei Vorabausstellungen in New York vorbereitet wurde. Man merkt der Ausstellung den Aufwand an: Der Spagat zwischen Historie und Gegenwart gelingt. Die Begegnung mit dem afrikanischen Archiv eröffnet neue Perspektiven auf die Geschichte des Kontinents, gibt Einblicke in fremde Bildwelten – und ist eine Aufforderung, die eigenen Stereotypen vom schwarzen Kontinent neu zu hinterfragen.

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