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Foto: Ben Birchall, dpa (Symbolbild)
Foto: Ben Birchall, dpa (Symbolbild)

Verunreinigungen inklusive: Ein Patient wird mit dem von AstraZeneca produzierten Corona-Impfstoff geimpft.

Ulm
27.05.2021

Verunreinigungen im AstraZeneca-Impfstoff: War die Zulassung voreilig?

Von Oliver Helmstädter

Plus Der AstraZeneca-Impfstoff gerät nach einer Ulmer Studie weiter in Misskredit. Der Virologe Alexander Kekulé sagt, der Impfstoff hätte so nicht zugelassen werden dürfen.

Das Telefon des Ulmer Professors Dr. Stefan Kochanek, dem Leiter der Abteilung für Gentherapie an der Universität Ulm, steht an diesem Mittwoch nicht still. Denn was er und sein Team herausgefunden haben, betrifft Millionen von Menschen, die mit dem Impfstoff des schwedisch-britischen Konzerns AstraZeneca geimpft wurden: Es wurden massive Verunreinigungen im Impfstoff festgestellt.

Im Interview mit unserer Zeitung empfiehlt der Ulmer dem Konzern, das Herstellungsverfahren ("Aufreinigung") zu verbessern. Das würde vermutlich auch die Wirksamkeit erhöhen. Die Herstellungsfirma habe er vorab über seine Erkenntnisse informiert. "Ich gehe mit Sicherheit davon aus, dass die dabei sind, ihr Aufreinigungsverfahren zu verbessern." Also nicht erwünschte Inhaltsstoffe im Produktionsprozess wieder zu entfernen.

Der Forscher aus Ulm bekam selbst AstraZeneca gespritzt

Kochanek leitet die Abteilung für Gentherapie an der Uni Ulm und hat persönlich auch das umstrittene Vakzin gespritzt bekommen. Wie etliche andere Impflinge, habe auch er nach der Änderung der Empfehlung der Ständigen Impfkommission ein anderes Vakzin als Zweitimpfung erhalten. Angst vor schlimmen Nebenwirkungen habe er persönlich aber nicht. Dennoch ließ es ihm und seinem Team keine Ruhe, dass es im Zusammenhang mit AstraZeneca zu ernsten Zwischenfällen kam. Die gab es auch in der Region: In Ulm starb im März eine 48-jährige Frau, die wenige Tage zuvor im Ulmer Impfzentrum in der Friedrichsau mit AstraZeneca geimpft wurde.

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Zumal Kochanek selbst durch seine Forschung an Adenoviren ganz nah am Thema sei. Denn bei dem Vakzin „Vaxzevria“ des britisch-schwedischen Pharmakonzerns AstraZeneca handelt es sich um einen sogenannten Vektorimpfstoff. Als Vektor dient ein für Menschen ungefährliches Adenovirus - das Spezialgebiet von Kochanek. "So haben wir den Impfstoff biochemisch untersucht und festgestellt, dass dort was drin sind, was dort da eigentlich nichts zu suchen hat. Zumindest nicht in diesem Umfang." Von negativen Langzeitfolgen für Geimpfte geht Kochanek nicht aus. "Wir sind hier alle relativ entspannt." Aus biochemischen Gründen seien eher zeitnahe Nebenwirkungen zu erwarten.

Alexander Kekulé: Die EMA hätte Zulassung nicht erteilen dürfen

"Ich würde eher denken, dass diese Verunreinigungen mit den Hirnvenenthrombosen nichts zu tun haben", sagt der Professor. Letztendlich stehe es außer Zweifel, dass der Impfstoff gut funktioniert. Doch ganz auszuschließen sei es auch nicht, dass die Verunreinigungen eine Schuld tragen. "Es gibt eine Restunsicherheit." Deswegen werde er weiter an dieser Thematik forschen.

Der Virologe aus Halle (Saale) und Publizist Alexander Kekulé sagte in seinem Podcast nach der Vorabveröffentlichung der Studie, dass in den Impfdosen mitunter mehr Verunreinigungen zu finden seien als Wirkstoff. Wenn er bei der Zulassung des Impfstoffs etwas zu sagen gehabt hätte, hätte er gegen eine Zulassung gestimmt. „Das Produkt enthält nicht stabil, was auf der Packung steht.“ Eigentlich hätten die Forscher von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) aufgefordert werden müssen, erst mal „ihre Hausaufgaben zu machen“. Die EMA habe jetzt ein Problem.

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Die Qualitätssicherung sei bei derart neuartigen Impfstoffen ("Biologicals") grundsätzlich Neuland. Die "verteilte Produktion", also die Zulieferung der Inhaltsstoffe aus verschiedenen Ländern, sei zudem möglicherweise ein Problem.

1000 Verunreinigungen im Impfstoff von AstraZeneca gefunden

Über 1000 Verunreinigungen haben die Ulmer entdeckt. Aber nur eine gilt laut den Forschern als richtig bedenklich: das Hitzeschock-Protein HSP90. Und das sei, "man möchte es kaum glauben", so Kekulé, praktisch doppelt so viel vorhanden wie das Virus. Das hätte vor der Verimpfung festgestellt werden müssen. Es sei erschreckend, dass die Europäische Arzneimittelbehörde das nicht festgestellt habe. Aber ebenso wie Kochanek hält es Kekulé für unwahrscheinlich, dass Hirnvenenthrombosen durch diese Verunreinigungen ausgelöst wurden. "Die EMA hätte das sicher gern gewusst", sagt Kochanek.

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Doch so weit wie sein Kollege wolle er sich nicht aus dem Fenster lehnen. Denn so ganz ließe sich nie vermeiden, dass Komponenten der "Produktionszelle" in Impfstoffen landen. Doch das Analyseverfahren, das das Unternehmen AstraZeneca für seinen Impfstoff verwendet habe, sei ganz offensichtlich ungeeignet.

Wie Kochanek sagt, werde an der Universität Ulm seit etwa einem Jahr an einem Corona-Impfstoff gearbeitet. "Wir sind natürlich nicht so schnell wie Firmen, die ein paar 100 Leute darauf ansetzen." Doch nun werde ein Großkonzern von der Forschung aus Ulm profitieren. Kochanek betont dennoch: "Der AstraZenca-Impfstoff wirkt gut." Das habe die ganz breite Verwendung in Großbritannien bewiesen. Das Risiko einer Covid-Erkrankung sei nach wie vor größer als das Risiko durch den Impfstoff.

In einer früheren Version des Artikels war zu lesen, dass der Impfstoff intravenös verabreicht wurde. Dies wurde korrigiert.

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