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10.09.2010

Auf den Spuren des Rehs

Jetzt haben sie es schwarz auf weiß: Marianne und Matthias Fugger sind mit den bekannten Fuggern verwandt. Foto: Brücken
Bild: Brücken

Neu-Ulm Wenn sie sich vorstellen, liegt vielen Leuten sofort eine Frage auf der Zunge: "Fugger? Die Fugger?" Früher hatten Matthias und Marianne Fugger aus Neu-Ulm darauf nur eine kryptische Antwort parat: "Ja, schon, irgendwie, aber ..." Seit 2001 können sie mit Bestimmtheit sagen, dass sie mit dem schwäbischen Adelsgeschlecht verwandt sind. "Jetzt haben wir Belege." Über zehn Jahre hat das Ehepaar zusammen mit Markus Fugger, dem Vetter von Matthias, Ahnenforschung betrieben - nun haben sie es schwarz auf weiß: Ihre Vorfahren sind die Fugger.

Mit Reichtum und herrschaftlichen Schlössern hat das Ehepaar aus Neu-Ulm aber nicht viel am Hut. Die sind allesamt im Besitz der Fugger von der Lilie. Marianne und Matthias hingegen sind Fugger vom Reh - die zweite, wesentlich unbekanntere Linie des Geschlechts. "Dabei sind wir die ältere Linie, wir hatten unser Wappen schon elf Jahre früher, 1462", sagt Marianne Fugger. Der Stammvater Andreas Fugger hatte sogar - ebenso wie später Jakob - den Namenszusatz "der Reiche". Ein äußert ungeschickter Schachzug seines Sohnes Lukas sorgte aber dafür, dass es mit dem Reichtum schnell vorbei war: Er verlieh fast das gesamte Familienkapital an Maximilian I., als Pfand bekam er die belgische Stadt Leuven.

Mit dem Vermögen war auf einmal auch der Ruf futsch

Doch zurückerhalten hat er weder sein Geld noch die Stadt - da half alles Prozessieren nichts. "Und da war das Vermögen futsch", sagt Marianne Fugger. Von da an verloren die Fugger vom Reh an Bedeutung, galten regelrecht als Nestbeschmutzer. Einige Familienmitglieder wandten sich nach dem Bankrott ab. "Das passiert zwar heute auch in vielen Familien, aber damals ging es halt noch mehr um die Ehre."

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Zwischenzeitlich glaubten Historiker sogar, dass die Reh-Linie ausgestorben sei. "Das zog sich lange Zeit wie ein roter Faden durch die Literatur." Dabei erwies sich die Annahme, dass es nur in Augsburg Fugger vom Reh gab, schlichtweg als falsch. Im Laufe ihrer Forschung fand Marianne Fugger heraus, dass ein Vorfahre ihres Mannes schon im 15. Jahrhundert nach Breslau ausgewandert war. Erst der Großvater von Matthias Fugger kam nach Sachsen zurück und ließ sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Erbach nieder. Bis zu dieser Erkenntnis war es allerdings ein beschwerlicher Weg. "Wir mussten natürlich auch in Polen forschen", sagt Marianne Fugger. Sie machten sich auf die Suche nach Geburtsurkunden und Taufeintragungen. Nach Jahren und zig Anfragen in polnischen Archiven hatten sie schließlich genug Informationen zusammen.

Seit 2007 ist das alles inklusive Stammbäumen sogar in einem Buch nachzulesen, das Marianne und Markus Fugger veröffentlicht haben. "Das haben wir vor allem für die Familie und unsere Nachfahren gemacht." Denn so ein Buch habe Bestand, die einzelnen Dokumente hingegen könnten verloren gehen oder vernichtet werden. "Zum Beispiel falls wieder ein Oder-Hochwasser kommt", sagt Matthias Fugger.

Eines hat das Buch auf jeden Fall schon bewirkt: Es hat Familienmitglieder, die sich längst aus den Augen verloren hatten, wieder zusammengebracht. Rund zwei Dutzend von ihnen treffen sich an diesem Wochenende in Graben im Landkreis Augsburg - von dort kommt der einstige Stammvater beider Linien, Hans Fugger. Das Treffen hat Marianne Fugger organisiert - und besonders freut sie sich darüber, dass ihnen unter anderem Angela Fürstin Fugger zu Glött einen Besuch abstattet. Die nämlich gehört zur Lilie, zu den Reichen.

Doch Berührungsängste gibt es längst nicht mehr. Zwar mussten die Fugger aus Neu-Ulm erst mal nachweisen, dass es verwandtschaftliche Bande gibt. "Aber jetzt sind wir angenommen." Auch wenn sie nicht in einem Schloss, sondern nur in einer schicken Viereinhalbzimmerwohnung im Wiley residieren. "Ich möchte gar nicht in einem Schloss wohnen", sagt Marianne Fugger, die die Kleiderkammer des Roten Kreuzes leitet. Das sei zwar irgendwie toll, aber doch auch mit viel Arbeit verbunden, um es zu erhalten. "Uns geht es gut, was will man mehr?", sagt ihr Mann Matthias, der in einer Werbeagentur in Vöhringen arbeitet.

Das Buch stellt außerdem einen wichtigen Beitrag zur Fuggerforschung dar. "Wir sind natürlich keine Wissenschaftler, sondern nur Familienforscher", sagt Marianne Fugger. Dass sie inzwischen aber sogar in "Die Fugger im Bild", einem Buch, das die Bayerische Staatsbibliothek herausgegeben hat, als Quelle genannt werden, sei doch eine Ehre. Trotzdem gebe es noch immer offene Fragen zur Familiengeschichte - etwa ob gewisse Fugger aus Kärnten auch von der Reh-Linie abstammen. Dazu habe man bereits Material gesammelt, Ergebnisse gibt es aber noch nicht. Und zum Buch ist schon ein Ergänzungsband in Planung: 50 Seiten neue Erkenntnisse und sogar Bilder.

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