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Ulm

11.09.2019

Auf den Ulmer Schachteln war es eng

„200 Jahre Auswanderung von Deutschen in den Kaukasus“ heißt die Ausstellung, die im Schwörhaus zu sehen ist.
Bild: Dagmar Hub

Referent zum Thema Auswanderung aus Russland lässt das Publikum im Schwörhaus Volkslieder singen.

Eine vom Bundesinnenministerium geförderte Wanderausstellung der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, die bis zum 31. Oktober im Haus der Stadtgeschichte zu sehen ist, beleuchtet 200 Jahre Geschichte und Kultur deutscher Auswanderer in den Kaukasus.

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Viele dieser Auswanderer kamen aus dem Süden Deutschlands, aus Bayern, Württemberg und Baden sowie aus der Pfalz, dem Elsass und Hessen, wie die Ausstellung zeigt. Abenteurer waren sie nicht, sondern Landwirte mit Erfahrung im Umgang mit Wein- und Obstbau oder Handwerker – und ein gewisses Vermögen musste mitbringen, wer sich in Russland ansiedeln musste. Umgekehrt versprach Zar Alexander I. Steuerfreiheit für 30 Jahre.

Der russische Zar

Ein echter Pullfaktor – doch auch Pushfaktoren gab es für die Auswanderung: Der verheerende Ausbruch des Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa im April 1815 hatte gravierende Auswirkungen auf das Wetter in Europa: Aufgrund der in die Atmosphäre geschleuderten etwa 150 Kubikkilometer Staub und Asche gab es in Europa im Folgejahr, dem „Jahr ohne Sommer“, insgesamt nur 19 Tage ohne Regen oder Schnee. Missernten und katastophale Überschwemmungen führten in West- und Südeuropa sowie in Nordamerika zu Hungersnöten. Zudem hatte der Pietist Johann Albrecht Bengel den Beginn des Tausendjährigen Reiches als Zeit des Friedens auf Erden auf den 18. Juni 1836 festgesetzt. Weil der russische Zar Alexander I. – Sohn einer württembergischen Prinzessin – selbst frommer Pietist war, galt er den Auswanderern dieser strengen religiösen Strömung (die sich von der Landeskirche abgespaltet hatte) als Heilsbringer, zumal Alexander den Siedlern Privilegien und Ländereien in den kaum bewohnten Landstrichen Russlands versprach.

Auf den Ulmer Schachteln war es eng

Am Ende des Abends ließ Referent das Publikum der Ausstellungseröffnung deutsche Volkslieder singen

Über Norddeutschland und Finnland führte ein Weg ins gelobte Russland, über die ab Ulm schiffbare Donau ein anderer. Monate, manchmal Jahre dauerte die Reise. Die Ausstellung berichtet von der Enge auf den Ulmer Schachteln, über Krankheiten und Todesfälle – und über das Leben derer, die am Ziel zwischen der Wolga und dem Schwarzen Meer ankamen und insgesamt 3536 Orte gründeten, meist streng nach Glaubensrichtungen getrennt und oft benannt nach Orten der Herkunft der Siedler oder nach Angehörigen von Herrscherfamilien. So wie Katharinenfeld in Georgien, gegründet 1818. Der Name bezieht sich auf die Schwester von Zar Alexander I. Der größte Arbeitgeber in Katharinenfeld war bald eine Weinbaugenossenschaft – die Siedler hatten Rebstöcke aus der Heimat mitgebracht, die dort hervorragend gediehen.

Nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 wurden viele Russlanddeutsche nach Sibirien oder Zentralasien deportiert oder zur Zwangsarbeit verpflichtet. Viele Russlanddeutsche kehrten in den vergangenen Jahrzehnten nach Deutschland zurück, andere blieben. Wie wichtig volkstümlich-deutsche Kultur für die Russlanddeutschen beispielsweise in Almaty ist, wie sie aber auch unter den Rückkehrern gepflegt wird, zeigte Referent Jakob Fischer. Zunächst demonstrierte er in Filmen Oktoberfestatmosphäre mit Jugendlichen in bunten Dirndln und Lederhosen in Kasachstan, zum Ende des Abends ließ er das Publikum der Ausstellungseröffnung deutsche Volkslieder singen, um ihm die Schönheit dieser Lieder nahe zu bringen.

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