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Gedenkkonzert

06.03.2015

Auf den Untergang folgt die Hoffnung

Trauermusik als Erinnerung an die Katastrophe: Oliver Scheffels (rechts) dirigierte beim Gedenkkonzert Petruschor und Collegium Musicum Ulm.
Bild: Florian L. Arnold

Der Petruschor und das Collegium Musicum Ulm erinnern im Scharff-Haus an die Bombardierung Neu-Ulms vor 70 Jahren. Ebenso bewegend: die Briefe einer Zeitzeugin

Im Frühjahr 1945 standen das Kriegsende und die erhoffte Friedenszeit unmittelbar bevor. Momente der Hoffnung. Doch die Stadt Neu-Ulm erlebte in den ersten Märztagen die heftigsten Bombardierungen. Am 1. und 4. März fielen Bomben auf die Stadt und löschten 296 Leben aus – 43 davon Kinder. 80 Prozent des Gebäudebestands wurden vernichtet. Zur Erinnerung an den 70. Jahrestag dieses Ereignisses hatten sich Kulturamtsleiterin Mareike Kuch und der Kantor der Petruskirche, Oliver Scheffels, zusammengetan und ein Gedenkkonzert initiiert.

Kein leichtes Unterfangen gewiss. Denn für die Zeitzeugen ist dies ein ungemindert schmerzliches Kapitel. Für die nachfolgenden Generationen ist es dagegen ein stellenweise kaum fassliches Kapitel, insbesondere für Jugendliche, die niemals aus eigenem Erleben Tod, Entbehrung, Zerstörung erleben mussten. Und so entkam manchem ein auch ein Gott-sei-Dank über die zurückliegenden 70 Jahre Friedenszeit, als während der konzertanten Aufführung von Richard Strauss’ „Metamorphosen“ Fotos des zerstörten Neu-Ulm projiziert wurden. Dass es sich bei diesen Trümmerlandschaften aus geborstenem Metall und gespaltenem Mauerwerk um Neu-Ulm handelt, war oftmals nur am Münsterturm im Hintergrund erkennbar. Und wie um das Grauen dieser Zeit in Töne zu fassen, schrieb der schon 80-jährige Strauss sein emotional dichtes, ergreifend trauriges Werk für 23 Streicher – ein Vielklang aus Klageliedern für Soloinstrumente, unter Scheffels Leitung vom erweiterten Collegium Musicum Ulm mit großem Ausdruck umgesetzt.

Bürgermeister Albert Obert gab dem Entsetzen Worte: „Das ist nicht in Worte zu fassen – ein Auftrag an uns alle zu respektvollem und friedlichem Zusammenleben“. Von seiner Mutter erfuhr Obert, dass er im Babykorb so manche Bombennacht im Luftschutzkeller zubrachte. Obert las aus den Briefen der Neu-Ulmerin Pauline Zeilmeyer, die an ihren im Krieg kämpfenden Sohn nach den März-Bombardierungen schrieb: „Neu-Ulm ist eine tote Stadt. (…) Wir sind keine Menschen mehr. Soeben fährt wieder ein Wagen mit acht Särgen am Haus vorbei“. Aus ganz ähnlichem Erleben schrieb der Dresdner Kreuzkantor Rudolf Mauersberger seine ergreifende Kantate „Wie liegt die Stadt so wüst“ – er komponierte es unter dem Eindruck des zerstörten Dresden und schuf doch ein musikalisches Echo einer Zeit, in der es vielen Städten ähnlich erging.

Doch zum Gedenken an den Untergang gehört eben auch das Gedenken ans Ende des Kriegs und die Friedenszeit danach. Das kam mit der Kantate „Man singet mit Freuden vom Sieg“ von Johann Sebastian Bach denkbar passend zum Ausdruck. Singstimmen, Streicher sowie Trompeten und Pauken, dazu ein Holzbläsersatz aus Oboen und Fagott agierten im weiträumig angelegten Eingangschor der Kantate mit musikalischer Kraft und Ausdruck. Bachs Klangpracht setzte den Optimismus ans Ende des Gedenkkonzerts, dem mehr Besucher zu wünschen gewesen wären.

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