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14.03.2009

Auffälligen Kindern so früh wie möglich helfen

Ulm Mehr als 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland gelten als psychisch auffällig. Etwa sieben Prozent sind behandlungsbedürftig - weil sie beispielsweise Ess- und Schlafstörungen haben oder Ängste, mit denen sie allein nicht mehr fertig werden. Tatsächlich behandelt wird aber nicht einmal die Hälfte der bedürftigen Kinder und Jugendlichen. Einen Schritt, um diese Versorgungslücke zu schließen, hat jetzt die Ulmer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie gemacht. Die Gebäude und Hilfsangebote am Safranberg wurden für zwei Millionen Euro erweitert. Mit einem Symposium wurden gestern die Räumlichkeiten eröffnet.

"Voriges Jahr waren wir zu 105 Prozent ausgelastet", sagte Ärztlicher Direktor Prof. Dr. Jörg Fegert über die begrenzten Kapazitäten. "In Notzeiten haben Kinder unterm Billardtisch geschlafen." Mit der Erweiterung verfügt die Ulmer Uniklinik jetzt über die größte Institutsambulanz in Baden-Württemberg. Auch ein Mutter-Kind-Appartment wurde geschaffen. Dort können junge Frauen mit psychischen Störungen zusammen mit ihren Kindern aufgenommen werden. Eine teilstationäre Behandlung ist inzwischen auch am Abend möglich.

Die betroffenen Jugendlichen in ihrem gewohnten Umfeld abholen, das werde immer wichtiger, sagte Staatssekretär Dr. Klaus Theo Schröder. Aufsuchende Hilfen hätten einen besonderen Stellenwert. Doch der Personalaufwand in der Psychiatrie ist hoch. Zusätzliche Angebote können nur mit zusätzlichen Stellen umgesetzt werden. "Wir wollen und können nicht länger zusehen, wie jungen Menschen mit psychischen Erkrankungen erforderliche Hilfen vorenthalten oder viel zu spät zugänglich gemacht werden", sagte Regina Schmidt-Zadel, 1. Vorsitzende der Aktion psychisch Kranke e.V.

Nach Prognosen von Experten wird die Zahl der verhaltensauffälligen Kinder und Jugendlichen bis 2020 nochmals um gut die Hälfte zunehmen. Als eine Ursache dafür sieht Professor Fegert den Geburtenrückgang. Je weniger eine normale Kindheit stattfinde, weil Kinder nicht mehr mit Gleichaltrigen aufwachsen, desto größer sei die Gefahr, dass es zu psychischen Störungen komme. "Die Antwort darauf kann nur eine veränderte Familienpolitik sein."

Betroffen zeigte sich Fegert über das Massaker von Winnenden. Das Symposium wurde mit einer Schweigeminute eröffnet, die Feier am Abend abgesagt. Zugleich warnte Fegert davor, psychisch Kranke jetzt verstärkt in eine Ecke zu stellen und als gefährlich abzustempeln. Depression - unter der auch der Amokschütze Tim K. litt - sei eine sehr häufige Erkrankung. Ein Amoklauf komme hingegen extrem selten vor. Es sei wichtig, sich in den Schulen auch um die stillen, unauffälligen Jugendlichen zu kümmern und nicht nur das Augenmerk auf die Auffälligen zu legen.

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