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Landkreis/Burtenbach

13.06.2017

Ausgegrenzt aus der Welt der Hörenden

Über die Gebärdensprache unterhalten sich Gehörlose. Beim Gang zum Arzt oder zur Stadtverwaltung benötigen sie einen Dolmetscher – diese sind in Schwaben jedoch selten.
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Über die Gebärdensprache unterhalten sich Gehörlose. Beim Gang zum Arzt oder zur Stadtverwaltung benötigen sie einen Dolmetscher – diese sind in Schwaben jedoch selten.
Bild: Dan Race/Fotolia.com

Der Gehörlosenverein Günzburg/Neu-Ulm feiert am Wochenende Jubiläum und will dabei auf Probleme aufmerksam machen – eines betrifft die geringe Zahl an Dolmetschern.

„Wir sind ganz normale Menschen“, stellt Peter Schweizer, der Vorsitzende des Gehörlosenvereins Günzburg/Neu-Ulm, fest. Aber in der alltäglichen Auseinandersetzung mit einer lauten Welt stoßen er und seine Leidensgenossen immer wieder auf Missachtung oder gar Ablehnung. Wer gehörlos ist, hat keine Teilhabe an der Kommunikation der Hörenden, er ist immer ausgeschlossen. Lippenlesen, erklären Peter Schweizer und sein Kollege Andreas Senger, funktioniert nur im Dialog. Der Gesprächspartner muss zudem langsam und deutlich sprechen und klar formulieren. Trotzdem ist es für Gehörlose anstrengend, sich so mit Hörenden zu unterhalten. Entspannt und gesellig austauschen geht nur mit ihresgleichen. Deshalb ist für sie ein intensives Vereinsleben sozial unabdingbar. Dass es das seit 25 Jahren in Günzburg und Neu-Ulm gibt, wird nun gefeiert.

Denn in Burtenbach (Landkreis Günzburg) steht am Wochenende das Fest zum 25-jährigen Bestehen des Gehörlosenvereins an. Dank der Veranstaltungen, die Peter Schweizer und seine Vorstandskollegen organisieren, erhalten Gehörlose ein Stückchen Normalität, können sowohl ein gesellschaftliches Leben pflegen als auch Informations- und Weiterbildungsangebote nutzen. Ohne Gebärdendolmetscher können sie Vorträgen nicht folgen, ohne Untertitel Filme nicht verstehen.

Es ist zu kurz gedacht, den Gehörlosen einfach die schriftliche Version eines Vortrags in die Hände zu drücken. „Wir haben eine andere Sprache, einen eigenen Wortschatz und eine eigene Grammatik. Einen komplizierten Text müsste uns der Gebärdendolmetscher übersetzen.“ Doch in der Regel ist kein Geld da, um etwa Volkshochschulveranstaltungen synchron zu übersetzen.

Mit seinem Verein kann er nur bedingt Ausgleich schaffen, durch Fahrten, Ausflüge, Bildungsreisen, bei denen ein Dolmetscher dabei ist. Am liebsten ist ihnen jedoch, wenn sie in der gemischten Gruppe reisen können, Hörende und Gehörlose, so können auch Hemmschwellen abgebaut werden. Oft haben, stellen Schweizer und Senger fest, Hörende Berührungsängste, trauen sich nicht, mit ihnen in Kontakt zu treten. So gehört auch der Abbau von Vorurteilen und Peinlichkeiten mit zum Vereinsziel. Gerade zum Jubiläum wollen die Gehörlosen in die Offensive gehen, öffentlich Präsenz zeigen, und die Hörenden einladen, sich mit der stillen Welt auseinanderzusetzen.

Sie zeigen, was Gehörlose bewerkstelligen können. In einer eigenen Ausstellung, der „Deafmesse“, werden Kunsthandwerk und Dienstleistungen gezeigt. Dabei, erklärt Senger, geht es zum einen darum, die Leistungsfähigkeit gehörloser Menschen aufzuzeigen. Und zum anderem um eine umfassende Info über moderne Hilfsmittel, die Gehörlosen zur Verfügung stehen, um ihren Alltag mit Arbeit und Freizeit möglichst selbstständig bewältigen zu können. Überdies wollen sie auch auf die spezifischen Bedingungen in Bayern hinweisen. Ihre Situation ist im Freistaat kritischer als in den meisten anderen Bundesländern.

Obwohl nach langen Jahren des Kampfes die Gebärdensprache 2002 in Deutschland endlich als offizielle Sprache anerkannt worden ist, lehnte die Politik in Bayern wiederholt ab, die Gebärdensprache als Schulfach einzuführen.

Im Bezirk Schwaben gibt es nur 13 Gebärdendolmetscher. Die Zahl derer, die für Amts-, Arzt- oder andere offizielle Besuche einen Dolmetscher benötigen, kann nur geschätzt werden, schließlich handelt es sich um keine meldepflichtige Krankheit, oft übernehmen hörende Angehörige die Aufgabe.

Der Verein hat 50 Mitglieder, man geht von 4000 Gehörlosen in Bayern und 80000 deutschlandweit aus. Den Dolmetschermangel spüren die Vereinsmitglieder immer wieder sehr deutlich. „Wir müssen unsere Veranstaltungen über ein Jahr im Voraus genau planen, um rechtzeitig einen Dolmetscher verpflichten zu können. Es ist völlig unmöglich, auf die Schnelle jemanden zu finden.“ Auch deshalb hoffen die Gehörlosen, mit ihrer öffentlichen Aktion zum Jubiläum am 17. Juni Hörende auf sich aufmerksam machen zu können.

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