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Weißenhorn

05.01.2021

Bahnhofstraße in Weißenhorn: So entstand die Prachtmeile

Eine alte Ansichtskarte aus dem Fundus des Weißenhorner Heimatmuseums (oberes Bild) zeigt die Bahnhofstraße in Richtung Osten.
Bild: Manhalter

Plus Mit der Bahnhofstraße wurde in Weißenhorn nach dem Anschluss an die Illertalbahn ein repräsentatives Eingangsportal geschaffen. Fotos davon schmückten viele Ansichtskarten.

Wohl schon immer inspirierten die Hauptstädte zur Nachahmung. Nicht von ungefähr wurde das schwäbische Günzburg im 18. Jahrhundert als Klein-Wien bezeichnet. Der Glanz und die Pracht der Metropolen sollten auch in der fernen – hier ganz und gar nicht despektierlich gemeinten – Provinz bemerkbar sein, ihren Widerhall spüren.

Nun befand im habsburgischen Wien der aufklärerisch gesinnte Herrscher Joseph II., dass sich die Umwallungen der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt vorzüglich zur Anlage von Promenaden und Spazierwegen eigneten. Um ehrlich zu sein: Die Fortifikationen hatten schon seit Längerem ihren Zweck überlebt. Josephs Nachfolger Franz Joseph sollte den alten Mauern dann vollends den Garaus machen, indem er auf denselben einen breiten Boulevard anlegte.

Was die Kaiser an der Donau können, schaffen wir auch an der Roth

Was die Kaiser an der Donau können, schaffen wir auch an der Roth, mögen sich die Stadtplaner des einst vorderösterreichischen Weißenhorn gedacht haben, als sie am Ende das alten Reiches die äußere Stadtmauer sowie den Graben mit Bäumen bepflanzten und hieraus einen Raum zum Promenieren erschufen.

Der Name des Weges, wie er heute noch genannt wird, war also Programm. Um das gesamte ovale Stadtareal zog sich die Strecke und es kann mit einiger Gewissheit angenommen werden, dass die Bürgerinnen und Bürger das ihnen gebotene Vergnügen gerne annahmen.

In den 1860er-Jahren schließlich erging der Beschluss, den Spazierweg im Norden und Osten verkehrstauglich zu erweitern und gleichzeitig eine beiderseitige Bebauung zu forcieren. Da fügte es sich doch günstig, dass wenig später die Anbindung an die Illertalbahn durch eine Stichstrecke von Senden nach Weißenhorn die politische Agenda zu beherrschen begann. Ein Bahnhof musste her. Warum also nicht die nördliche Promenade nach Westen erweitern und gleichzeitig der Stadt ein repräsentatives Eingangsportal schaffen? 1877 begann der Ausbau der Bahnhofstraße mit Errichtung des Stationsgebäudes, der Bahnhofsrestauration sowie zweier „Kopfbauten“ am oberen Tor.

Bahnhofstraße Weißenhorn: Alleebäume sollten Reisende auf dem Weg in die Stadt begleiten

Von Alleebäumen gesäumte Gehwege sollten den Reisenden fortan auf seinem Weg in die Stadt begleiten. Zwar passierte jener zunächst das Untere Tor, jedoch war es in erster Linie das obere Pendant, welches als Eingangsportal in das Städtchen vorgesehen war. Allmählich begannen sich Weißenhorner Geschäftsleute, Gewerbetreibende aber auch wohlhabende Handwerker, entlang der neuen Prachtmeile niederzulassen.

Ein heute noch beeindruckendes Zeugnis jener fruchtbaren Jahre ist die Stilvielfalt der architektonisch so unterschiedlichen Gebäude. Historismus und Gründerzeit beherrschten die Baumaßnahmen. Hier ein zierliches Türmchen, dort ein monumentales Eingangsportal, dazu Zierrat, nicht selten das neu gegründete Deutsche Reich preisend. Die Neos stehen in der Bahnhofstraße Spalier: Neo-Renaissance, Neo-Barock. Dennoch wirkt das Ensemble nicht uneinheitlich, auch heute nicht, obwohl schon so manche Bausünde in die einstige Geschlossenheit Eingang gefunden hat.

Prächtige Gebäude säumen noch heute die Bahnhofstraße.
Bild: Ralph Manhalter

Dass die Weißenhorner stolz auf ihre Bahnhofstraße waren, zeigen zahlreiche Ansichtskarten, die in jenen Jahren fleißig gedruckt und verschickt wurden. Die Villen Kircher und Zimmermann zierten so manchen Gruß in die weite Welt. Obwohl die Bomben des Zweiten Weltkriegs im Gegensatz zum Bahnhofsbereich die Straße verschonten, drohte in den Nachkriegsjahren ein schleichender Niedergang des einstigen Vorzeigeboulevards.

Die Einstellung des Personenverkehrs auf der Zugstrecke im Jahr 1966 ließ die Straße plötzlich im Nirwana enden. Der Bahnhof verwaiste und auch die Restauration fiel 1986 zu allgemeinem Bedauern der Spitzhacke zum Opfer. Das Schicksal schien besiegelt und schon begann hier und da der Putz zu bröckeln, als sich allmählich ein Bewusstsein für das eigene historische Erbe manifestierte.

Ab der Jahrtausendwende waren verstärkt Renovierungsarbeiten zu vermelden, der Bahnhofstraße schien es gelungen zu sein, wieder in den Fokus der Interessen zu rücken. Somit kann auch in diesem Zusammenhang die Wiedereröffnung der Eisenbahnverbindung im Jahr 2013 als ein Glücksfall für das Eingangsportal Weißenhorns gewertet werden.

Einen Vergleich mit der österreichischen Hauptstadt Wien braucht die Fuggerstadt hier nicht zu scheuen.

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