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Ulm

14.06.2015

Bandenkrieg – live!

Jagdszenen auf der Wilhelmsburg: Die blondierten Jets – in der Mitte Diesel (Eric Rentmeister) kämpfen gegen die Migranten von den Sharks.
Bild: Jochen Klenk

Und plötzlich ist die „West Side Story“ brandaktuell. Denn nicht nur die Konflikte in der Stadt kommen bei dem Wilhelmsburg-Musical auf die Bühne.

Ein Stück traurige Realität, das der zweiten Produktion des Theatersommers auf der Wilhelmsburg eine verblüffende Aktualität beschert: Doch auch sonst präsentierte sich die „West Side Story“ bei ihrer Premiere vor ausverkauften Rängen überaus gegenwärtig – und sehr unterhaltsam.

Der eigentliche Konflikt hinter dem 1957 uraufgeführten Musical von Leonard Bernstein ist freilich ein historischer: Es geht um die Auseinandersetzung zwischen in den USA geborenen Jugendlichen und Einwanderern aus Puerto Rico in New York. Regisseur und Choreograf Rhys Martin hat – zusammen mit Bühnenbildnerin Britta Lammers und Kostümdesignerin Ulrike Nägele – einen Dreh gefunden, um den Konflikt in die Gegenwart zu holen. Schauplatz ist ein Hinterhof mit Graffitis und Autowracks, wie er so auch in Aleppo oder Bogotá sein könnte. Die Outfits der beiden Gangs könnten gegensätzlicher nicht sein: Auf der einen Seite die puerto-ricanischen „Sharks“, deren knallbunte Kleidung an spanische Zigeuner oder arabische Krieger erinnert, auf der anderen die wasserstoffblonden „Jets“, die mit ihren schwarzen Jacken und Hosen jederzeit bei einem Scooter-Konzert auf der Bühne oder am 1. Mai im schwarzen Block stehen könnten.

Auch die Choreografien, welche die Banden auf dem blanken Beton tanzen, unterscheiden sich erheblich: auf der einen Seite orientalischer Stocktanz, auf der anderen eine Art Jump-Style.

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In dieser „West Side Story“ geht es um mehr als nur Revierkämpfe von jungen Erwachsenen, das zeigt schon der Prolog. Denn mitten im kriminellen Gewimmel des Bühnen-Gettos fährt ein Laster vor, öffnet seine Heckklappe – und entlässt eine Gruppe von muslimischen Flüchtlingen in die vermeintliche Freiheit. Die „Sharks“ – eine Schleuserbande. Die Inszenierung dreht sich nicht nur um Amerika, sondern auch um die Festung Europa, die grundsätzliche Frage, wer wo willkommen ist, und wie und ob man in der Fremde seine eigene Identität bewahren kann.

Doch das ist nur eine Ebene der Ulmer „West Side Story“: Der Rest kostet sowohl die Brutalität der Straße als auch den Liebeskitsch der Romeo-und-Julia-Handlung aus. Dass das gelingt, liegt vor allem an „Maria“ Maria Rosendorfsky und „Tony“ Nikolas Heiber, die die richtige Ausstrahlung haben und gesanglich die anderen Darsteller, auch die übrigen gecasteten Musical-Profis, überragen.

Gerade Rosendorfsky, Sopranistin am Theater Ulm, kann ihr bekanntes Showtalent voll ausspielen. Heiber daneben ist ein einfühlsamer Rebell. Das ist umso bemerkenswerter, als die „Eingeborenen“ in der Inszenierung des Australiers Martin die unsympathischere Bande sind: verzogene Rüpel-Kids ohne Respekt. Die Machos von den „Kanaken“ sind aber auch nicht viel besser.

Über 100 Akteure sind bei der „West Side Story“ beteiligt, Musical-Darsteller, die Ulmer Ballett-Compagnie, Laien – als Tänzer wie als Statisten – und auch noch ein paar Theater-Profis in Sprechrollen, von denen vor allem Renate Steinle als pädagogisch ambitionierter „Doc“ mit Schlaghose und Rasta-Zöpfen gefällt. Und dazu natürlich das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Hendrik Haas, das für die Zuschauer unsichtbar im Inneren der Wilhelmsburg spielt und sowohl die stillen als auch dramatischen Momente der rhythmischen und angejazzten Musik Bernsteins treffend gestaltet.

Erst am Schluss kommen die Musiker auf die Bühne – und holen sich dort den verdienten Applaus ab, zusammen mit den anderen Beteiligten. Für das Traumpaar Rosendorfsky und Heiber gibt es dazu noch Trampeln und Bravo-Rufe. Der Ulmer Theatersommer 2015 hat nach dem Start mit einem umstrittenen „Sommernachtstraum“ die Herzen des Publikums erobert.

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