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Ulm

10.09.2019

Barocke Klänge für ein Denkmal aus Beton

Handverlesene Stimmen, Reinheit im Klang: Die Gaechinger Cantorey zeigte sich in Ulm als Vokalensemble der Spitzenklasse.
Bild: Dagmar Hub

Zum Abschluss des Tags des offenen Denkmals in Ulm brilliert die Gaechinger Cantorey in der Pauluskirche. Der Auftritt ist Teil einer Konzertreihe mit Geschichte.

Eine Perle zum Abschluss des bundesweiten Tages des offenen Denkmals, dessen Fokus in diesem Jahr auf Ulm lag: Mit einem Konzert der Reihe „Grundton D“ dankte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz für Ulms Engagement, und auch Ulm profitiert vom Benefizkonzert der Gaechinger Cantorey unter ihrem Dirigenten Hans-Christoph Rademann in der Pauluskirche. Denn das 1910 von Theodor Fischer erbaute Beton-Gotteshaus muss im Inneren restauriert werden, und der Erlös des Konzerts wird von der Kooperation aus Stiftung Denkmalschutz und Deutschlandfunk für diese Arbeiten gespendet.

1990 gestartet, halfen die „Grundton D“-Konzerte mit ihrem Erlös zunächst dem Erhalt bedrohter Baudenkmale in den neuen Bundesländern, seit 2011 auch solchen im Westen. Eigentlich sollte die Reihe 2018 aufgrund von Sparmaßnahmen des Deutschlandfunks 2019 eingestellt werden, doch im Sinn eines neuen Konzepts wurde Ulm am Sonntagabend auch zum Auftakt einer neuen Ära der Benefizkonzert-Reihe, verkündete Steffen Skudelny, Vorstand der Stiftung, vor Konzertbeginn.

Der Chor wurde 1954 von Helmuth Rilling gegründet

Fast ausverkauft war das Konzert der Gaechinger Cantorey, des Ensembles der Internationalen Bachakademie Stuttgart; 1954 hatte Helmuth Rilling den Chor gegründet, der damals noch ganz un-barock „Gächinger Kantorei“ hieß. Weil sich das Ensemble aber inzwischen unter Hans-Christoph Rademann dem Klangideal des Barock verschrieben hat, passte sich der Name der historischen Schreibweise an. Fünf Motetten von Johann Sebastian Bach ließen die europäischen Spitzenmusiker in der Pauluskirche erklingen – und präzisere und klarere Tongebung und Differenziertheit, als sie die Gaechinger Cantorey beherrscht, ist schwerlich zu finden.

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Auch bei den vier doppelchörigen Motetten, technisch von höchster Schwierigkeit, blieben die Reinheit des Tons und ein deutliches Textverständnis erhalten – ergeben die handverlesenen Stimmen doch niemals ein Klanggemenge; jeder Ton schwebt respektiert im Raum. So erklangen „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“, „Komm, Jesu, komm’“, „Fürchte dich nicht“ und „Singet dem Herrn ein neues Lied“ in wunderschöner Klarheit. Lautmalerisch betont, wenn es um den Trotz gegen des Todes Rachen geht, wurde die fünfstimmige Motette „Jesu meine Freude“ zum Höhepunkt des Konzerts.

Beate Röllecke spielt in Ulm auf einer Truhenorgel

An der Truhenorgel der Internationalen Bachakademie, einem Nachbau einer 2013 in Seerhausen entdeckten, schwer beschädigten originalen Kasten-Orgel aus der Werkstatt des Bach-Zeitgenossen Gottfried Silbermann, gastierte die Konzert-Cembalistin Beate Röllecke, der es gelang, die Orgel gegenüber dem Ensemble an keiner Stelle dominant werden zu lassen; drei solo gespielte Orgelstücke – eine frühbarocke Toccata von Michelangelo Rossi, ein Orgelwerk des toskanischen Jesuiten Domenico Zipoli aus dem Hochbarock und eine frühbarocke Komposition des Venezianers Giovanni Picchi – gerieten zu musikalischen Leckerbissen, belohnt vom Publikum mit Sonderapplaus.

Nach gut zwei Stunden erhob sich das Publikum zum Ende des Tages des offenen Denkmals, um der Gaechinger Cantorey stehend zu danken.

Die Aufnahme aus der Pauluskirche wird am 1. Dezember als Konzertdokument der Woche vom Deutschlandfunk ausgestrahlt.

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