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Aufheim

01.10.2019

Bassist Hellmut Hattler ist zurück im Leben

Mit dem Viersaiter fühlt sich Hellmut Hattler wohl: In seinem Haus in Aufheim schreibt er Songs für seine verschiedenen Band-Projekte.
Bild: Alexander Kaya

Plus Im Sommer 2017 wird bei Hellmut Hattler eine lebensbedrohliche Krankheit diagnostiziert. Der Musiker kämpft – und beginnt eine der kreativsten Phasen seiner Karriere.

Aus der Küche von Hellmut Hattler und Siyou duftet es süß. Jetzt, im Herbst, werden die Trauben auf der Pergola in Aufheim reif, so viele, dass Siyou ’n’ Hell, wie sich die Sängerin und der Bassist als Duo nennen, Marmelade aus den Früchten einkochen. Auch bei Künstlern geht es daheim häuslich zu. Inmitten dieses Idylls sitzt Hattler selbst, ganz so, wie man ihn kennt, mit Kinnbart, Mütze und dunkler Brille. Und ist froh, dass er noch am Leben ist.

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2017 erfährt Hellmut Hattler: Er leidet an Leukämie

Vor gar nicht langer Zeit hätte er darauf keine Wetten abgeschlossen, denn der Musiker, der mit den Jazzrockern Kraan auch international Beachtung fand und später mit der Hip-Jazz-Formation Tab Two große Erfolge feierte, ist dem Tod nur knapp entronnen. Es ist Juli 2017, als Hattler wegen einer Lungenentzündung, wie er glaubt, im Krankenhaus untersucht wird. Doch die Diagnose ist weit schlimmer: akute myeloische Leukämie – Blutkrebs, ohne Behandlung tödlich. Hattler bekommt eine Chemotherapie, als die nicht anschlägt wie erhofft, noch eine zweite. Dann der Anruf aus der Klinik: Die Werte seien immer noch nicht gut genug, eine Stammzelltransplantation sei so nicht möglich. Da könne man nichts machen. Hellmut Hattler muss sich aufs Sterben vorbereiten, so glaubt er.

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Trotzdem sitzt er jetzt, mehr als zwei Jahre später, da, in seinem Wohnzimmer, umgeben von Bassgitarren, Erinnerungen an seine Musikerkarriere und dem Duft der Traubenmarmelade, dünner als früher und noch immer etwas schwächlich, aber voller Zuversicht. Denn was dann passiert, ist bizarr. Hattler geht wenige Tage später erneut ins Krankenhaus – und wird dort mit freudigen Glückwünschen empfangen. Der Krebs sei erfolgreich zurückgedrängt, die Ärztin am Telefon habe falsche Werte gehabt. Kurz darauf ist ein Stammzellspender gefunden. Der Musiker kann wieder aus dem Grab steigen.

Schon im Krankenhaus in Ulm schreibt er die ersten Songs

Wenn Hellmut Hattler heute aus dieser Zeit erzählt, schüttelt er manchmal ungläubig den Kopf, als ob er er selbst gar nicht fassen könnte, wie ihm geschehen ist. Aber die Geschichten von der Krankheit und der Heilung sind immer auch Geschichten von der Musik. Denn noch im Krankenzimmer beginnt er wieder Songs zu schreiben, zusammen mit Siyou, die zwischenzeitlich sogar ein eigenes Bett dort bekommt. Sogar nach der Transplantation, als sein Immunsystem am Boden ist, darf er seinen Bass bei sich haben, zweimal täglich muss das Instrument desinfiziert werden. „Es sind schöne Stücke in dieser Zeit entstanden“, berichtet der inzwischen 67-Jährige. Etwa „Science of Love“, das Titelstück zu Siyous Solo-Album, oder auch einige der Songs auf dem neuesten Werk seiner Formation Hattler, „Vinyl Cuts #3“. Ausgerechnet in der wohl größten Krise seines Lebens beginnt für den gebürtigen Ulmer eine der kreativsten Phasen seiner Karriere. Vielleicht auch, weil er nicht weiß, wie viel Zeit ihm noch bleibt. Dass sein kurz vor der Krebsdiagnose erschienenes Album „Bassball II“ bereits eine Art musikalisches Vermächtnis war, fühlt sich plötzlich wie ein schlechtes Omen an.

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So glücklich er über seine Genesung ist: Auch jetzt, im Frühherbst 2019, ist Hattler noch vorsichtig. Es gehe ihm gut, aber er sei noch nicht endgültig über den Berg. Aber die Gegenwart, die will er voll auskosten. Er habe sich als Mensch verändert, nicht nur, weil er nach der Stammzellentransplantation jetzt sogar eine andere Blutgruppe hat. Die Konzerte seien intensiver geworden, seine Wahrnehmung der Musik auch. Tatsächlich, und da muss Hattler über sich selbst den Kopf schütteln, verstehe er, der so gar nicht empfänglich ist für Esoterisches, die Idee hinter dem Wort „Achtsamkeit“. Aber er sagt auch ganz unpathetisch: „Ich spiele ein bisschen cooler, nicht mehr ganz so hormonell.“ Und lacht.

Mit der Formation Hattler spielt er am 2. Oktober im Roxy Ulm

Hellmut Hattler ist derzeit wieder auf allen Bühnen unterwegs, mit allen Formationen: Mit den alten Haudegen von Kraan spielte er auf der Wilhelmsburg, mit Siyou ’n’ Hell im Neu-Ulmer Museumshof, mit der Gruppe Hattler, mit der er Soul, Clubsound, Pop und Jazz verbindet, spielt er im Roxy. „Ich hoffe, dass ein paar Leute kommen“, sagt er. Eine weitere Kraan-Live-Platte bereitet er auch vor. Hattler macht fast alles selbst, von der Hotelbuchung bis zur Gagenverhandlung. Als unabhängiger Künstler müsse er selbst dafür sorgen, dass Geld hereinkommt. Es läuft wieder. Und Hattler findet es derzeit „richtig klasse“, Musiker zu sein. Man könnte glauben, dass schon wieder alles beim Alten ist. Doch er will nicht euphorisch werden. „Die Anfragen für Konzerte gehen bis November 2020. Aber versprechen kann ich nichts.“

Mit seiner Band Hattler tritt Hellmut Hattler am Mittwoch, 2. Oktober, um 20 Uhr in der Roxy-Cafébar auf. Karten gibt es an der Abendkasse.

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