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Ulm/Neu-Ulm

01.08.2019

Baumsterben an Donau und Iller mit dramatischen Folgen

Foto: Alexander Kaya

Plus Die Wälder an den Flüssen in Ulm und Neu-Ulm verändern sich – Schädlinge und Dürresommer machen dem Wald zu schaffen. Die Folgen sind dramatisch.

Die Äste der Esche nahe der Illerspitze in Neu-Ulm sind dürr und kahl. Förster Stefan Gölz gibt dem Baum noch zwei Jahre, vielleicht drei. Dann ist er wohl tot, so wie viele andere im Auewald auf beiden Seiten der Donau. Dabei war er vor einem Jahr zumindest äußerlich noch voll vital. In zehn Jahren könnte es im Ulmer Stadtwald überhaupt keine Eschen mehr geben. Vielleicht dauert es auch länger und ganz will Gölz die Hoffnung nicht aufgeben. Aber die Chancen stehen nicht gut für die Esche. Die Baumart macht mehr als die Hälfte des Bestands im Auewald aus.

Vor 14 Jahren ist Gölz zur Stadt gekommen, als Revierleiter Ulm-Süd. Im gleichen Jahr wurden die ersten Spuren des Eschentriebsterbens entdeckt. Die Krankheit verbreitet sich seit Mitte der 90er Jahre in Europa. Ihr Erreger, ein Pilz mit dem Namen Falsches Weißes Stängelbecherchen, ist aus Asien eingeschleppt worden. In Polen, wo die Krankheit zuerst auftrat, gibt es nahezu keine Eschen mehr. Rund um Ulm habe sich das Eschentriebsterben zunächst verhalten ausgebreitet, berichtet Gölz. Aber: „Vor drei, vier Jahren hat bei mir die Hoffnung auch nachgelassen.“ Experten, sagt der 52-Jährige, erwarten, dass sich gerade einmal ein Zehntausendstel des Eschenbestands halten kann.

Der Boden an Donau und Iller ist staubtrocken

Borkenkäfer, Eichenprozessionsspinner, Ulmensplintkäfer – fast jede Baumart wird von einem anderen Schädling geplagt. Und alle leiden unter dem Klimawandel. „Alle schwätzen von zwei heißen Sommern. Aber es ist der vierte trockene Sommer in Folge, uns fehlt ein kompletter Jahresniederschlag“, sagt Gölz. Die Regenfälle in den letzten Julitagen haben dem Wald geholfen – um die 50 Liter pro Quadratmeter waren es, gut für diese Jahreszeit. Aber: „Von mir aus darf es weiterregnen bis September. Viele Sommer von dem Kaliber halten wir nicht mehr aus“, warnt Gölz.

Selbst der graue Lehm, in dem bei Donaustetten ganze Baumaschinen eingesunken sind, sei staubtrocken, berichtet der Stadtförster. Dabei ist der Grundwasserspiegel in der Region hoch, die Bäume sind vergleichsweise gut mit Wasser versorgt. In andere Gegenden sind die Probleme deutlich größer. „Wir sind hier noch im gelobten Land“, meint Max Wittlinger. Der 54-Jährige ist Leiter des Ulmer Forstamts.

Die Folgen für die Umwelt in Ulm und Neu-Ulm ist enorm

Im Auewald in Ulm und Neu-Ulm stehen fast alle Bereiche unter Schutz: als Flora-Fauna-Habitate oder Schutzwald. Und überall sieht es aus wie an der Illerspitze: Flächenweise fehlen die Eschen. Gölz spricht von „parkartigen Landschaften“, Wittlinger sagt: „Solche Kahlflächen gab es vor fünf, sechs Jahren noch nicht. Wegen des Schutzstatus, den die meisten Bereiche genießen, dürfen die Förster nicht einfach jeden beliebigen Baum pflanzen. In anderen Gebieten wären Baumhasel oder Hickory denkbar. Arten aus Asien und Nordamerika, die auch mit den Klimaveränderungen zurechtkommen.

Die Folgen für die Umwelt sind enorm. Der Wald reinigt die Luft, Alt- und Totholz bietet Käfern und Vögeln Lebensraum. Gölz hat im Auewald kleine, befallene Eschen-Flächen roden lassen, um andere Bäume zu setzen: Spitzahorn, Stieleiche, Winterlinde, Hainbuche, Wildbuche, Wildapfel, Wildbirne, Vogelkirsche, Weide oder Schwarzpappel. Heimische Bäume, die mit den Bedingungen im feuchten Auewald zurechtkommen. Der Förster will verhindern, dass er in ein paar Jahren alle Eschen auf einmal ersetzen muss. Bis der neue Mischwald die Luft wieder reinigen kann, dauere es 30 bis 50 Jahre, die volle Funktion erreiche er in 50 bis 80 Jahren, erklärt Gölz. Und bis der Wald wieder die gleiche ökologische Funktion erfüllt, könnten bis zu 120 Jahre vergehen. „Es ist dramatisch“, sagt Wittlinger.

Auch scheinbar gesunde Bäume müssen nun gefällt werden

500 oder 600 Festmeter Eschenholz aus dem Revier Ulm-Süd sollten pro Jahr verkauft werden, wenn der Wald nachhaltig bewirtschaftet wird. 2018 waren es 1500 Festmeter, 2019 sind schon jetzt 2200 Festmeter und für 2020 rechnet Gölz mit 4000 Festmetern. Zumindest der Preis bleibe stabil, weil viel nach China verkauft wird – und nach Osteuropa. „Die haben gar nichts mehr an Eschen, sagen uns die Zwischenhändler“, berichtet Wittlinger.

Fallen müssen jetzt auch scheinbar gesunde Bäume. Denn die Krankheit schadet nicht nur den Ästen. „Man sieht oben nichts, aber untern sterben die Wurzeln ab“, erklärt Gölz. Waldarbeiter hätten kuchenförmige Fäule gefunden. Wo Straßen und Wege angrenzen, wird sicherheitshalber die Motorsäge angesetzt: am Spielplatz an der Johannes-Palm-Straße in Wiblingen, an der Ulmer Straße bei der Illerbrücke oder am Illerradweg.

Beirren lässt sich Gölz von alledem nicht: „Irgendwas bleibt immer. Die Lage ist zwar ernst, aber hoffnungslos ist sie nicht“, sagt er.

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