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Ulm

05.10.2015

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Zwei, die sich wenig zu sagen haben: Vicky (Christel Mayr, rechts) und ihre Tochter Chaya (Julia Baukus) in „Die gläserne Wand“. Das Stück hatte zum Auftakt der „Kulturwoche Israel“ Premiere im Podium.
Bild: Ilja Mess

Bei der „Kulturwoche Israel“ im Podium eröffnet „Die gläserne Wand“ einen neuen Blick auf das deutsch-israelische Verhältnis – genau wie das Gastspiel „Love Hurts“.

Im Hintergrund des 2011 in Tel Aviv aufgeführten Stücks steht eine Frage von historischem Gewicht: Können, ja dürfen Juden nach dem Holocaust jemals wieder in Deutschland leben? Der jüdische Weltkongress beantwortete diese Frage 1948 mit einem Nein. Viele junge Israelis sehen das heute anders, sie strömen nach Berlin und genießen dort die liberale Atmosphäre – und die im Vergleich zu Israel günstigen Lebenshaltungskosten. An letzteren, genauer gesagt dem Preis eines Schokopuddings bei Aldi, entzündete sich 2014 eine etwas skurrile Debatte. Der junge Israeli Naor Narkis hatte diesen bei Facebook gepostet, verbunden mit dem Aufruf: „Wir wandern nach Berlin aus.“ Eine Aktion, die manchen von Narkis’ Landsleuten fast als Verrat betrachtet wurde.

Es ist kein einfaches Terrain, auf dem sich „Die gläserne Wand“ bewegt. Das Schauspiel dreht sich um Chaya (Julia Baukus), die in Berlin ihr Glück als Tänzerin versucht. Angenehmer Nebeneffekt: Sie ist auch weit weg von Mutter Vicky (Christel Mayr), die, immer noch beherrscht durch ihren Vater, einem Holocaust-Überlebenden, der Tochter stets die Liebe verweigert hat. Doch dann kommt Vicky nach Berlin, im Gepäck die Urne mit der Asche des mittlerweile verstorbenen Opas. Dessen letzter Wunsch war es, in seine Heimatstadt zurückzukehren. Für Vicky eine schwere Prüfung, sogar die Lebensmittel bringt sie aus Israel mit: „Ich habe nicht vor, einen Schekel bei diesen Schweinen auszugeben.“

Aus dieser Konstellation ergibt sich eine interessante Auseinandersetzung zwischen den Generationen, vor allem, als auch noch Chayas Bruder Netzach (Christian Streit) anreist, und eine mit der Vergangenheit, als die Familie vom Gedenkstättenleiter Josef (Maximilian Wigger-Suttner) Überraschendes über den vermeintlich freudlosen Großvater und Vater erfährt. Ein facettenreiches und kurzweiliges Stück über das komplizierte Verhältnis von Deutschen und Israelis heute – und ein rundum überzeugender Auftritt vor allem von Julia Baukus, für die es ihre erste Rolle als Ensemblemitglied in Ulm ist.

Auch „Love Hurts“, das erste Gastspiel der Kulturwoche, handelt von den Beziehungen zwischen Deutschen und Israelis. Die Co-Produktion des Badischen Staatstheaters Karlsruhe mit dem Teatron Bei Lessin Tel Aviv zeigt, wie die Vergangenheit die Liebe schwierig macht. Dargestellt wird dies von sechs Schauspielern, je drei aus Deutschland und Israel, in auf wahren Lebensgeschichten beruhenden Szenen. Da ist die junge Mutter, die nach der Geburt ihres Kindes nach Deutschland zurückkehrt, dort aber vergeblich auf den Vater wartet: Der schafft es nicht, in einen deutschen Zug zu steigen. Da ist der israelische Musiker, der für seine Klassiklandschaft lebt und alles tut, um Deutscher zu werden – und eine Deutsche zu erobern. Da ist aber auch das junge Paar, das füreinander in Leidenschaft entflammt ist, wobei die israelische Frau ein Problem hat: „Wenn ich mich daran erinnere, dass du Deutscher bist, vergesse ich, dass ich dich liebe.“ Der israelisch-deutschen Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. Doch „Love Hurts“ baut eine Brücke über den Abgrund von Schuld und Sühne: „Nicht vergessen – lieben.“

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