Newsticker
Söder: Müssen auf Dauer über "Sonderoptionen" für Geimpfte reden
  1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Big Brother fährt mit

Ulm

07.05.2014

Big Brother fährt mit

Facebook, Twitter und Online-Kontakt zum Hersteller: Mercedes, Audi, BMW, VW und Co. setzen schon jetzt auf Internetnutzung an Bord.
Bild: dpa

Risiken der totalen Überwachung hoch technisierter Autos: Wie der Ulmer Professor Frank Kargl den Datenschutz im Straßenverkehr erforscht

Ulm Das Auto der Zukunft kommuniziert – mit anderen Fahrzeugen, mit Anbietern von Navigationssoftware, Werkstätten, Versicherungen und Verkehrsinfrastruktur wie Ampeln oder Straßenschildern. Der zunehmende Datenaustausch bringt viele Vorteile mit sich: Vernetzte Fahrzeuge können sich zum Beispiel untereinander vor Staus und Unfallschwerpunkten warnen, wodurch der Verkehrsfluss verbessert und die Umwelt geschont wird.

Vom kontinuierlichen Datenfluss profitieren allerdings auch Kriminelle, die Autos orten und schlimmstenfalls manipulieren können. Auch staatliche Stellen haben womöglich ein Interesse daran, Fahrzeuge zu überwachen. An der Universität Ulm suchen Informatiker nach Wegen, um die Datendiebe im Verkehr zu stoppen.

„Je mehr ein vernetztes Fahrzeug kann, desto mehr Daten landen möglicherweise bei Dritten“, sagt Professor Frank Kargl, Leiter des Instituts für Verteilte Systeme an der Uni Ulm. Der Informatiker forscht seit vielen Jahren zum Datenschutz und zu Aspekten der Privatheit („Privacy“) in der „Car-to-Car“ Kommunikation.

Er bezeichnet das Auto als sehr persönlichen Gegenstand, denn ein typisches privates Auto wird nur von einer oder maximal zwei Personen genutzt. Der Datenfluss lässt also zahlreiche Rückschlüsse auf den Halter zu. Ortet eine Diebesbande ein Fahrzeug zum Beispiel in Italien, kann sich eine illegale Stippvisite in der Wohnung des Besitzers lohnen. Gefahr droht auch durch Manipulationen: Verbrecher könnten sich mit einem Laptop an den Straßenrand stellen und vorbeifahrende Autos zu verheerenden Aktionen verleiten – vor allem in Hinblick auf Fahrerassistenzsysteme und das autonome Fahren eine beängstigende Vorstellung.

Weniger bedrohlich aber trotzdem unangenehm: In den Vereinigten Staaten werden teilweise Daten, die Fahrzeughersteller, Leasingfirmen oder Versicherungen über Bordcomputer erhoben und gegen Nutzer verwendet. Könnte der Motorschaden in der Garantiezeit nicht vielleicht auf den ruppigen Fahrstil des Halters zurückzuführen sein?

Die totale Überwachung des Straßenverkehrs durch Kriminelle, den Staat oder Unternehmen muss aber nicht sein: „Mit einem gewissen Aufwand kann man zahlreiche vorteilhafte Dienste anbieten und die Privatsphäre trotzdem schützen“, sagt Kargl. Dazu gelte es zunächst, das System zu verstehen und zu überlegen, mit welchen Technologien zum Schutz der Privatsphäre ein Kommunikationsprotokoll so umgebaut werden kann, dass es weiterhin seinen Zweck erfüllt und trotzdem keine unnötigen Daten preisgibt.

In einem Fachbeitrag beschäftigen sich die Wissenschaftler um Kargl mit Datenschutz und Privatheit in der Elektromobilität. Ein wichtiges Thema: Schließlich sollen laut Bundesregierung bis 2020 rund eine Million E-Autos über deutsche Straßen rollen. Die Ausgangslage: Der Fahrer muss sich an der Stromsäule eines Anbieters identifizieren, bevor er das Elektromobil aufladen kann. Dann werden Standort und Stromverbrauch an seinen Mobilitätsoperator, also etwa die heimischen Stadtwerke, gesendet und mit der Stromrechnung beglichen. Das wirft laut Kargl jedoch Datenschutzprobleme auf: So baute er mit seinen Kollegen das bisher übliche Protokoll bei voller Funktionalität um. Dank geeigneter („kryptografischer“) Mechanismen bleibt dem Anbieter nun verborgen, wer an seiner Stromsäule auflädt. Der Mobilitätsoperator erfährt hingegen, wie viel getankt wurde, nicht aber wo, erklärt Kargl. Die Bezahlung laufe dann datenschutzfreundlich über eine zusätzliche Instanz. Sollte es zu Unregelmäßigkeiten kommen, könne jedoch der Klarname des Nutzers kontrolliert offen gelegt werden.

Motor bleibt aus, wenn die Raten nicht gezahlt werden

Frank Kargl und seinen Mitarbeitern wird die Arbeit sicher so schnell nicht ausgehen: Das Internet im Auto wird in naher Zukunft zur Standardausstattung gehören.

Und gerade aus den USA kommen immer neue Nachrichten, die aufhorchen lassen: Leasinganbieter beginnen zum Beispiel damit, Fahrzeuge per Funk stillzulegen, wenn die Raten nicht pünktlich gezahlt werden.

Sind das nun technologische Fortschritte oder droht der absolute Kontrollverlust? „Insgesamt will die Automobilindustrie ihren Kunden gute Dienste anbieten und nicht Big Brother im Automobil sein“, sagt Professor Kargl. In jedem Fall sei das Interesse an Datenschutz an der Uni Ulm ungebrochen. Vorlesungen und Seminare zu dem Thema seien immer voll. (az/heo)

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren