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Kino

23.08.2011

Bilder aus dem Kopf eines Außenseiters

Ein Strauß zieht eine Kutsche über eine weite, leere Landschaft: Die Lieblingsszene von Marianne Hollenstein aus dem Film „Glauser“ wurde, wie die meisten anderen, in Potsdam gedreht.
Bild: Foto: Marianne Hollenstein

Bühnenbildnerin Marianne Hollenstein gestaltete den Film „Glauser“ mit, der in Locarno begeistert aufgenommen wurde

Ulm Ein Jahr Vorbereitungsarbeiten und zehn Tage Dreh: Die Arbeit als Art Director für den Film „Glauser“ des Schweizer Regisseurs Christoph Kühn hatte die in Ulm lebende Schweizer Bühnenbildnerin und Malerin Marianne Hollenstein im vergangenen Jahr in ihren Bann gezogen; welche Wege der Film gehen würde, ahnte sie bis vor Kurzem allerdings nicht – bis zur Ankündigung, der im Juni fertiggestellte Film werde bei den Internationalen Filmfestspielen in Locarno am 9. August seine Premiere erleben.

Film soll auch bei der Berlinale und in Cannes gezeigt werden

Nach ihrer Rückkehr aus Locarno sprüht Hollenstein im Gespräch mit der NUZ noch immer vor Freude: „Glauser“ wurde im Großen Kino mit begeistertem Applaus aufgenommen und soll im Herbst zuerst in Zürich im Kino anlaufen; dann, so ist geplant, soll der Film im Februar bei der Berlinale und im Frühjahr bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt werden. Dass „Glauser“ auch in Ulm laufen soll, ist für Hollenstein Ehrensache.

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Regisseur Kühn produzierte „Glauser“ als Annäherung an Seele, Denken und Sein des Schweizer Außenseiters Friedrich Glauser, des Mannes, der als Vater der Kriminalliteratur gilt und nach dem der deutsche „Glauser-Preis“ benannt ist. „Se la follia diventa letteratura“, titelte eine Tessiner Zeitung am Tag nach der Premiere von Locarno, „Wenn der Wahnsinn Literatur wird“. Glausers kurzes Leben war schmerzhaft, ihm blieb wohl nur die Flucht in die Welt der Worte, um sich das Dasein erträglich zu machen. 1896 geboren, verlor Glauser als Vierjähriger die geliebte Mutter; der Konflikt des sensiblen Kindes mit dem harten Vater eskalierte während seiner Jugend; Schulden, Drogensucht, Beschaffungskriminalität und die vom Vater betriebene Entmündigung folgten.

Vom Vater an die Fremdenlegion verschachert, immer wieder lange Phasen in der Psychiatrie oder im Gefängnis verbringend, schuf sich der belesene und politisch interessierte Friedrich Glauser die positive Vaterfigur des Wachtmeisters Studer. Die Liebe seines Lebens sollte nicht in eine Heirat münden dürfen: Als Glauser endlich alle Papiere hatte, um seine Lebensgefährtin, die Deutsche Berthe Bendel, heiraten zu können, vereitelte der Tod alle Pläne: Am Vorabend der Hochzeit fiel Glauser ins Koma und starb 42-jährig am übernächsten Tag.

„Für diesen Film“, sagt Hollenstein, „war es optimal, ganz reduziert zu arbeiten.“ „Hoffentlich klappt das!“, habe sie oft bei ihren Ideen gedacht, wenn es darum ging, surreale Bilder aus Glausers Kopf umzusetzen, Fantasien während der Psychoanalyse. Ihre eigene liebste Szene aus dem Film ist jene, bei der ein Strauß eine geschmückte Kutsche über ein weites Feld zieht. Danach fährt ein gleich geschmückter Totenwagen – Erinnerung an Glausers Mutter – in die Unendlichkeit. Die Arbeit mit dem trainierten Strauß faszinierte die Künstlerin.

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