Newsticker

Corona-Zahlen in Deutschland: Rund 11.000 Neuinfektionen gemeldet
  1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Blick in die Hölle von Auschwitz

Ulm/Neu-Ulm

28.01.2015

Blick in die Hölle von Auschwitz

Nach jüdischem Brauch legten die Besucher in Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus Steine auf das Denkmal im Neu-Ulmer Friedhof.
Bild: Andreas Brücken

Bei Gedenkfeiern in der Region wurde an die Opfer des Zweiten Weltkriegs erinnert. Im Stadthaus gab es bewegende Einblicke in das Leben eines Ulmers.

Vor 70 Jahren wurden die Überlebenden aus den Vernichtungslagern Auschwitz-Birkenau und den beiden anderen Konzentrationslagern Auschwitz befreit. In ganz Deutschland wird daher am 27. Januar an dieses Ereignis und an die Opfer des Zweiten Weltkriegs erinnert. Überall in der Region fanden daher Gedenkfeiern statt – so auch in Ulm und Neu-Ulm:

Ulm: Das Schicksal des Ulmers Ernst D., von dem Silvester Lechner, der frühere Leiter des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg, zum 27. Januar im Stadthaus berichtete, ist kein Zeugnis von heroisch-mutigem Widerstand. Es ist ein Zeugnis menschlicher Gefühle und schlichten Entsetzens über das unfassbare Grauen der Konzentrationslager. Dass er nicht wegschauen konnte, kostete Ernst D. das Leben.

D. war 30 Jahre alt, als er im Juni 1943 von seiner Ulmer Firma nach Auschwitz geschickt wurde. Diese hatte von der SS den Auftrag bekommen, die Abwasseranlagen in „Auschwitz Stadt und Lager“ neu zu planen. Der junge Bauingenieur muss ein Mann gewesen sein, den man heute als „smart“ bezeichnen würde – gut aussehend, sportlich, eloquent, musikalisch. Er war Parteimitglied, verheiratet, Vater von drei kleinen Kindern – ein zukunftsorientiertes Leben der NS-Zeit. Als D. in Auschwitz ankam, war die Luft erfüllt vom Gestank verbrennender Leichen. In den Abwasserkanälen schwammen Leichenteile.

D. reagierte mit seiner Seele. Sein Kopf scheint die Kontrolle verloren zu haben. Er setzte sich unabgemeldet in einen Zug und floh aus Auschwitz. Gleich nach der Ankunft in Ulm erzählte er, obwohl er vereidigt gewesen war, in höchster Erregung – so wird später von Dritten der Spruchkammer berichtet – den Sekretärinnen der Firma, was er gesehen hatte. Dass „täglich 2000 bis 3000 Leichen verbrannt werden“. Von Ermordungen spricht er – und drückt sein Entsetzen nicht nur in der Firma, sondern auch in der nahe gelegenen Bäckerei Erz und im Lebensmittelgeschäft Gaissmaier aus. D. meldete sich krank und verweigerte die Rückkehr an „seinen Arbeitsplatz“ in Auschwitz, woraufhin ihm die Firma brieflich mitteilte, dass man ihn wegen Arbeitsverweigerung anklagen würde. Die Ausbezahlung seines Gehalts wurde eingestellt. Ernst D. ging zu einem Ulmer Facharzt für Innere Krankheiten, der ihn an die „Nervenklinik Tübingen“ überwies. Am nächsten Tag kehrte D. mit einem Arbeitsunfähigkeitszeugnis und der Diagnose „Multiple Sklerose“ nach Ulm zurück – wo er am Folgetag von der Gestapo abgeholt wurde. Wochen der Untersuchungshaft hatten Depressionen zur Folge. Am 10. November 1943 erhielt D. im Ulmer Krankenhaus in Anwesenheit seiner Frau einen Brief, dass er nach Dachau „überführt“ werde. Im Konzentrationslager Dachau starb der Mann am 25. Januar 1944. Seine Ehefrau erfuhr durch einen Anruf am 27. Januar von seinem „plötzlichen Tod“. Der junge Mann, den das schlichte Entsetzen gepackt hatte, war zu einem unkalkulierbaren Sicherheitsrisiko geworden. Seine Asche wurde auf dem Ulmer Friedhof bestattet. Für D. soll in Ulm bald ein „Stolperstein“ gesetzt werden. (köd)

Neu-Ulm: Bei einer bewegenden Feier vor dem Gedenkstein für ermordete jüdische Bürger haben Schüler des Lessing-Gymnasiums an alle Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Oberbürgermeister Gerold Noerenberg erklärte vor den rund 60 Gästen, dass das Interesse der Jugend für dieses Thema zu wecken sei: „Für die Entwicklung der jungen Menschen ist es wichtig, auch über die dunklen Augenblicke der Geschichte unseres Volkes eine sachliche Aufklärung zu erhalten.“ Der Chor der Mitarbeiter des Heilpädagogischen Zentrums Donau-Iller gestaltete den musikalischen Rahmen der Veranstaltung. (anbr)

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren