Memmingen Der 39 Jahre alte Samir H., dem zurzeit vor dem Landgericht Memmingen der Prozess gemacht wird, wandert für mindestens sieben, höchstens für siebeneinhalb Jahre ins Gefängnis. Aber nicht, wie angeklagt, wegen versuchten Mordes an einem Unterfahlheimer Autohändler, sondern wegen einer Vielzahl von Delikten, die der Kurierfahrer innerhalb weniger Tage im Februar und März 2011 begangen hat. Die Schwurgerichtskammer und die weiteren Verfahrensbeteiligten handelten eine Strafobergrenze aus, wenn der Angeklagte ein Geständnis ablegt. Auf freien Fuß wird er aber wohl erst 2022 kommen: Bis Mai 2015 muss er noch die Reststrafen früherer Verurteilungen absitzen.
Wie angekündigt, hat die Kammer unter Vorsitz von Brigitte Grenzstein am zweiten Prozesstag den rechtlichen Hinweis gegeben, dass eine Verurteilung wegen versuchten Mordes mangels Nachweis nicht infrage komme. Ausschlaggebend für diese Einschätzung waren die Gutachten eines Waffenexperten des bayerischen Landeskriminalamts (LKA) und von Landgerichtsarzt Dr. Horst Bock. Beide widerlegten anhand objektiver Spuren wie Pulverreste an Kleidungsstücken oder die Lage des Schusskanals die Aussage des Autohändlers, wonach Samir H. auf ihn aus drei bis vier Metern Entfernung mit einer 9-Millimeter-Pistole gefeuert habe. Die Gutachter untermauerten die Angaben H.s, wonach es ein Handgemenge gegeben habe, in dessen Verlauf die Waffe losgegangen sei.
Verurteilt, abgeschoben und nach vier Tagen wieder zurück
Samir H. war, wie berichtet, wegen Autodiebstahls und -schieberei zu zwei Gefängnisstrafen zu je viereinhalb Jahren verurteilt worden. Beide saß er nur zum Teil ab, der letzte Gefängnisaufenthalt führte zur Abschiebung in seine Heimat Bosnien. Nur vier Tage danach tauchte er aber schon wieder in Ulm auf, angeblich, um seine Söhne zu sehen, die bei seiner Ex-Frau leben. Nach Lage der Dinge trieb ihn aber nicht nur Vaterliebe an. Kurz nach seiner Rückkehr stattete er einem 38 Jahre alten Autohändler in Unterfahlheim einen Besuch ab. Mit dem hatte er eine Rechnung offen: Der Händler war maßgeblich daran beteiligt, dass er 2009 zum zweiten Mal ins Gefängnis kam. Samir H. hatte dem Mann zwei Autos gestohlen. Als der Händler die Wagen im Ulmer Donautal entdeckte, gelang es der Polizei, H. festzunehmen.
Um bequemer nach Unterfahlheim zu kommen, klaute der äußerst gerissene Autodieb mit seinem Schlüsseltausch-Trick einen Audi an der Neu-Ulmer Industriestraße. Offenbar suchte Samir H. nicht nur das Gespräch mit dem Autohändler, wie er zunächst behauptete, sondern wollte Geld für den knastbedingten Verdienstausfall beim Autoklau. Um sein Opfer zu überrumpeln, lauerte er ihm am Rosenmontag in dessen Werkstatt auf. Es kam zu dem Handgemenge. Anschließend ging die Reise in einem Audi Q7, in dem der Autohändler über 30000 Euro deponiert hatte, zur Rastanlage Leipheim, wo der Händler ausstieg, um Zigaretten zu kaufen. Als er nicht wiederkam, fuhr H. nach Ulm, wobei er Sperren der Polizei umging. Im Blautalcenter wurde er noch am selben Tag geschnappt.