Newsticker

Städte- und Gemeindebund fordert Ausweitung der Maskenpflicht in Deutschland
  1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Braut abgeschoben: Jürgen Fetzer kämpft für seine Liebe

Pfaffenhofen

03.05.2019

Braut abgeschoben: Jürgen Fetzer kämpft für seine Liebe

Jürgen Fetzer muss seit ein paar Wochen alleine auf seiner Hollywoodschaukel sitzen. Denn seine Verlobte wurde kurz vor der geplanten Hochzeit nach Armenien abgeschoben. Noch weiß er nicht, wann er sie wiedersieht.
Bild: Alexander Kaya

Plus Der Wunschtermin stand bereits: Die armenische Verlobte von Jürgen Fetzer aus Pfaffenhofen wurde kurz vor der Hochzeit in ihr Heimatland abgeschoben.

Jürgen Fetzer ist immer noch völlig schockiert – obwohl er vor Kurzem noch "richtig glücklich" war, wie er selbst sagt. Doch dann änderte sich alles: Seine Verlobte wurde in ihr Heimatland Armenien abgeschoben. Und das kurz vor der geplanten Hochzeit, sagt der Pfaffenhofer. "Das ist das Härteste, was ich bisher erlebt habe."

Ein Rückblick: Jürgen Fetzers Verlobte kam vor etwa viereinhalb Jahren mit ihren Eltern, ihrer Schwester und ihrer Tochter nach Deutschland. Sie sind geflohen, weil sie sich in ihrer Heimat durch die dortige Mafia bedroht gefühlt haben, so erzählt es der 67-Jährige. Die damals gestellten Asylanträge wurden zwar abgelehnt, doch es habe zahlreiche Verlängerungen gegeben. Er selbst sei gut sechs Mal mit seiner 46-jährigen Verlobten jeweils im zweiwöchigen Rhythmus bei der Ausländerbehörde am Landratsamt Neu-Ulm gewesen. Und dort haben die beiden vor einigen Monaten auch angekündigt, heiraten zu wollen. Die Verlängerung sei bis 1. April gelaufen, eine Woche später sollte die Hochzeit stattfinden.

Asylantrag abgelehnt: Duldung endet am Tag der Abschiebung

Diese Verlängerung sei lediglich eine Duldung, sagt Karin Beth, Geschäftsbereichsleiterin für Kommunales, Ausländer und Soziales am Landratsamt. "Die Duldung ist eine Bescheinigung, dass jemand bis zu seiner Abschiebung im Land sein darf", sagt Beth. Sie gelte nur bis zum Tag der Abschiebung – egal ob man erst einen Tag vorher in der Behörde war. Eine Ausnahme sei eine Hochzeit, doch diese müsse unmittelbar bevorstehen, es reiche nicht, eine Trauung zu planen, so Beth. "Der Wille, eine Ehe einzugehen, ist bei vielen Leuten da, nur reicht dies ohne Unterlagen nicht." Man wisse nie, wie lange das dann noch dauere. Im vorliegenden Fall haben laut Beth noch mehrere Papiere gefehlt. Gleichzeitig sei die Ablehnung des Asylantrags der Verlobten seit Juni 2018 rechtskräftig, die Behörde sei gesetzlich verpflichtet, sie abzuschieben.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Das haben Fetzer und seine Verlobte anders aufgefasst, für sie war die geplante Hochzeit ein fester Termin. "Es sah alles gut aus, wir waren glücklich und haben uns auf unsere Hochzeit gefreut", erzählt Fetzer im Gespräch mit unserer Redaktion. Doch dann kam der Tag, an dem sich alles änderte. Seine Verlobte habe am Abend des 24. März ihre Tochter besucht und bei dieser übernachtet, weil Fetzer mit Freunden ein Fußballspiel anschauen wollte. Die 46-Jährige war in der Unterkunft gemeldet, in der auch ihre Mutter und die Tochter leben.

Doch seit das Paar verlobt ist, hat es gemeinsam im Haus des Pfaffenhofers gewohnt. "Meine Verlobte fragt sich heute noch, warum sie dort bloß übernachtet hat", sagt Fetzer. Doch dies lasse sich nun nicht mehr rückgängig machen. Früh am nächsten Morgen seien sechs Polizisten vor der Tür gestanden und haben die 46-Jährige mitgenommen. Fetzer kann nicht nachvollziehen, dass die Polizei mit sechs Mann anrückt, was ziemlich einschüchternd für seine Verlobte gewesen sei. Stundenlang sei sie bei der Polizei gesessen, ohne auch nur etwas zu trinken zu bekommen. Am Nachmittag sei seine Verlobte nach München und von dort aus mit dem Flugzeug nach Armenien gebracht worden. Und stand morgens um vier Uhr am Flughafen.

Abschiebungen dürfen nicht mehr angekündigt werden

"Sie haben bei all unseren Terminen in der Ausländerbehörde keine Silbe gesagt, was ich unmöglich fand", sagt Fetzer. Mittlerweile wisse er, dass die Mitarbeiter Abschiebungen gesetzlich nicht mehr ankündigen dürfen. Dennoch stört er sich massiv daran, dass seine Verlobte derart knapp vor ihrer Hochzeit des Landes verwiesen wurde.

Kerstin Lutz vom Standesamt Pfaffenhofen bestätigt, dass der 8. April vom Brautpaar als Wunschtermin angemeldet worden sei. Doch für eine Eheschließung haben noch Unterlagen gefehlt, es hatte Probleme mit einer Apostille gegeben, das ist eine international anerkannte Beglaubigung für Urkunden. Alle Unterlagen müssen dem Standesamt vorgelegt werden, das Amt schickt sie wiederum an das Oberlandesgericht (OLG) nach München und das Gericht erstellt eine Befreiung vom Ehefähigkeitszeugnis, das besagt, dass derjenige noch nicht verheiratet ist. Dieses brauche jeder Ausländer für eine Hochzeit mit einem Deutschen. Einige Länder stellen es für ihre Bürger aus, Armenien sei nicht darunter, in dem Fall prüft das OLG die Dokumente. Wenn die Befreiung vom Gericht kommt, dürfen die Verlobten heiraten.

Am Tag der Abschiebung haben Fetzer und seine Verlobte noch versucht, diese mit einem Eilantrag vor Gericht zu verhindern. In solchen Fällen erkundigt sich das zuständige Gericht beim Standesamt. Ist der Termin für die Hochzeit verbindlich? Sind alle Unterlagen, auch das Ehefähigkeitszeugnis, vor Ort? Wenn diese Fragen nicht mit Ja beantwortet werden können, steht eine Eheschließung nach den geltenden Maßstäben nicht unmittelbar bevor. Lutz sagt, dass alle Stellen schnell gearbeitet haben, doch alleine die Postlaufzeiten nach Armenien dauerten. Generell sei die Vorbereitung für eine Hochzeit zwischen einem Deutschen und einem Ausländer sehr aufwendig. "Das kann sich je nach Land auch auf Jahre hinziehen, bis alles da ist", sagt Lutz.

Pfaffenhofer kritisiert Abschiebung seiner Verlobten

Jürgen Fetzer versteht trotz all dem nicht, warum man seiner Verlobten nicht wenigstens noch etwas Aufschub geben konnte. Die Unterlagen seien schließlich schon einmal beim OLG gewesen und wegen eines kleinen Fehlers einer armenischen Behörde wieder zurückgekommen. "Das zeigt doch, dass wir intensiv planen und nicht nur den Willen haben." Er beantrage nicht aus Spaß zahlreiche Unterlagen für eine Hochzeit. Der 67-Jährige kritisiert die Abschiebung generell. Seine Verlobte sei Lehrerin, sie spreche fast perfekt deutsch und sie wolle unbedingt arbeiten und sich hier einbringen. Fetzer betont, dass sie nicht hätte arbeiten müssen, denn er habe genug Geld. "Ich verstehe einfach nicht, warum integrationswillige Leute abgeschoben werden, obwohl wir doch beispielsweise dringend Lehrer brauchen."

Durch die vollzogene Abschiebung hat Fetzer nun einiges zu tun und sich genauer eingelesen. "Wir lassen uns davon nicht abhalten, wir heiraten auf jeden Fall", sagt der 67-Jährige energisch. Mittlerweile sei die Apostille da und alles wurde an das OLG geschickt. Dort wird entschieden, ob das Paar heiraten darf. "Es gibt also Hoffnung, dass alles noch gut wird", sagt Fetzer. Er will nun eine Verkürzung der derzeit 30-monatigen Wiedereinreisesperre für seine Verlobte beim Landratsamt beantragen. Wenn die Behörde die Sperre verkürzt oder ganz aufhebt, kann seine Verlobte in der deutschen Botschaft in Armenien ein Visum zur Eheschließung beantragen.

Fetzer hofft, dass alles schnell geht. "Meine Verlobte hat immer noch Panik und ist total durch den Wind. Sie ist damals ja nicht aus Spaß geflohen." Auch er leide unter der Situation. "Ich habe eine Leere in mir und bin nur noch ein Schatten meiner selbst", sagt der 67-Jährige. Er könne auch nicht mehr richtig schlafen, sehe ständig auf die Uhr. So, als ob er die Sekunden zählt, bis er seine Liebe wieder in die Arme schließen darf.

Lesen Sie hier einen Kommentar zu der Geschichte:

Abschiebung: Bürokratie sticht Menschlichkeit

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren