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Vöhringen

23.10.2017

Büffeln bis zum Nachmittag

Unterricht auch am Nachmittag: Was bis vor einigen Jahren noch die Ausnahme war, ist für die Kinder einer gebundenen Ganztagsklasse Alltag. Viermal die Woche haben die Schüler dort Nachmittagsunterricht.
Bild: Daniel Bockwoldt/dpa

Die Vöhringer Realschule bietet seit diesem Schuljahr eine gebundene Ganztagsklasse an – als einzige im Landkreis Neu-Ulm.

Unterricht am Nachmittag – und das viermal in der Woche. Für 25 Schüler der Realschule in Vöhringen ist das seit September Alltag. Denn die Kinder besuchen seit diesem Schuljahr eine gebundene Ganztagsklasse. Die Vöhringer Einrichtung ist damit die einzige Realschule im Landkreis Neu-Ulm, die dieses Angebot anbietet – und das offensichtlich mit Erfolg: „Die Eltern“, sagt stellvertretender Rektor Winfried Aschenbrenner, „haben uns vor Schulbeginn die Türen eingerannt.“ 33 Schüler seien anfangs angemeldet gewesen, einigen habe man sogar absagen müssen.

Eines der Merkmale des gebundenen Ganztags ist der Nachmittagsunterricht an vier Tagen. In Vöhringen sei die Nachfrage nach dieser Form der Betreuung über die Jahre gestiegen. Weil viele Eltern berufstätig sind und es immer mehr Alleinerziehende gebe, sagt Aschenbrenner. In diesem Schuljahr hat der stellvertretende Rektor gemeinsam mit seinen Kollegen deshalb den Schritt gewagt und die Schule für den gebundenen Ganztag geöffnet.

In einer fünften Klasse büffeln die Kinder nicht nur am Morgen, sondern auch am Nachmittag. Freitags ist um 12.05 Uhr Schluss. Der Unterricht sei so strukturiert, dass die Buben und Mädchen zwischendurch genügend Pausen und Erholungsphasen haben. Auch ein Mittagessen muss den Schülern angeboten werden. Aschenbrenner zeigt einen ausgeklügelten Plan mit unterschiedlichen Mahlzeiten und Menüs – vegetarisch oder mit Fleisch.

Anders als ihre Mitschüler in den normalen 5. Klassen bekommen die Ganztagsschüler eine Stunde mehr Unterricht in den Hauptfächern Mathe, Deutsch und Englisch. Der Lehrplan sei dagegen derselbe. „Die Kinder haben also mehr Zeit, den Stoff zu lernen“, sagt Aschenbrenner. Ihr Schultag ist insgesamt entzerrter. Das mache sich auch im Unterricht bemerkbar, der mit Übungseinheiten am Nachmittag „aufgelockerter und nicht so geballt“ sei. Während einer betreuten Lernzeit können die Schüler außerdem ihre Hausaufgaben machen. Der Vorteil: „Wenn sie am Nachmittag nach Hause kommen, sind alle schriftlichen Aufgaben erledigt.“ Nach Schulschluss um 15.30 Uhr bleibe genug Zeit für Hobbys.

Im Gegensatz zu Grund-, Mittel- und Förderschulen im Kreis Neu-Ulm, an denen das gebundene Ganztagsangebot in den vergangenen Jahren stetig ausgebaut wurde, hinken Realschulen und Gymnasien derzeit aber noch hinterher. Im Landkreis ist das Lessing-Gymnasium in Neu-Ulm das einzige seiner Art, das gebundene Ganztagsklassen (in den Jahrgangsstufen 5 bis 7) hat. Bei den Realschulen gibt es das Angebot nur in Vöhringen (Jahrgangsstufen 5 und 6). „Unser Ziel ist es definitiv, den gebundenen Ganztag weiter auszubauen“, sagt Heiko Schleifer, Fachbereichsleiter für Schule am Landratsamt. Denn die Nachfrage im ganzen Landkreis steige. „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird immer wichtiger“ – und das auch in eher ländlich geprägten Regionen wie dem Landkreis-Süden.

Weitaus größer ist das Angebot an offenen Ganztagsklassen, die es mittlerweile an allen Realschulen und Gymnasien gibt. Dort werden die Schüler am Nachmittag in loseren Gruppen betreut. Der Unterricht findet wie gewohnt überwiegend am Vormittag statt. Eltern haben die Möglichkeit, ihr Kind an ausgewählten Tagen zum Nachmittagsangebot anzumelden, etwa von Montag bis Mittwoch. Auch hier werden Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung angeboten.

Müsste Lehrer Winfried Aschenbrenner eine Empfehlung für eines der beiden Modelle aussprechen, würde er sich klar für die gebundene Ganztagsklasse entscheiden. „Die Schüler bleiben den ganzen Tag in einem Klassenverbund. Das ist ein großer Vorteil.“

Die Lernzeiten, in denen die Kinder ihre Hausaufgaben machen, werden zudem von Lehrern begleitet – im Gegensatz zum offenen Ganztag, wo die Aufsicht auch von anderen Pädagogen übernommen werden kann. „Die Lehrer wissen, welche Aufgaben die Schüler erledigen müssen“, sagt Aschenbrenner. Die Schüler wiederum können nachfragen, wenn sie etwas nicht verstehen.

Das gebundene Ganztagsangebot auch auf die 7. und 8. Klassen auszuweiten, sei in Vöhringen aber nicht vorgesehen. „Je älter die Kinder werden, desto geringer ist die Nachfrage.“ Denn ab einem gewissen Alter können sich die Kinder zu Hause selbst organisieren. Eine Betreuung am Nachmittag sei dann meist nicht mehr nötig.

An den Realschulen spricht zudem die Schulorganisation ab der siebten Jahrgangsstufe gegen das Modell gebundene Ganztagsklasse. Denn dann können die Schüler zwischen vier unterschiedlichen Zweigen wählen. „Das zu koordinieren, wäre bei nur einer Ganztagsklasse unmöglich“, sagt Aschenbrenner. Den gebundenen Ganztag als das Schulmodell schlechthin zu bezeichnen, davon hält der stellvertretende Rektor nichts. „Eltern und Schüler sollten immer die Wahl haben, welche Schulform für sie am besten ist.“

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