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Weißenhorn

26.02.2014

Bürger fordern: Öfen aus im Eschach

Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 99244 Tonnen Müll in der Anlage im Eschach angeliefert, verbrannt wurden 98191 Tonnen. Geht es nach den Gegnern der Anlage, sollen die Öfen nur noch bis zum Jahr 2021 laufen. Dann gelten die Ab dann gelten die staatlichen Zuschüsse für den Bau als abgeschrieben
Bild: Alexander Kaya

In der Fuggerstadt formiert sich Widerstand gegen den Weiterbetrieb des Kraftwerks

von Katrin Fischer

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Weißenhorn Seit über 25 Jahren kämpft die Bürgerinitiative in Weißenhorn gegen die Müllverbrennungsanlage im Eschach. Am Montagabend trafen sich die Mitstreiter erneut zum Krisengespräch, mit dabei waren viele Interessenten. Zusammen schlug man eine neue Richtung ein – über die Grenzen der Müllverbrennungsanlage hinaus.

Vier Minuten vor 19 Uhr sitzen nur vereinzelt Menschen im Raum. Sie nippen an ihren Getränken, oder schlagen ihre Blöcke auf. Noch könnte man befürchten, die Bürgerinitiative (BI) habe über die Jahre hinweg an Schwung verloren. Doch dann füllt sich der Raum ganz plötzlich. Bis die Besucher im Gasthaus Rose in Grafertshofen sogar auf die Suche nach Stühlen gehen müssen. „Toll, dass so viele neue Gesichter da sind”, freut sich Jürgen Bischof von der BI. Mit Freude fordert er die knapp 30 Anwesenden zu einer Vorstellungsrunde auf.

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Die meisten Neulinge geben an, die Arbeit der BI schon länger zu verfolgen. Jetzt wollen sie rausfinden, ob die Mitglieder ähnliche Ängste und Interessen haben. Teilnehmerinnen, die ein bisschen aus der Reihe tanzen, sind zwei Angestellte der Müllverbrennungsanlage. Sie wollen wissen, wie gefährdet sie an ihrem Arbeitsplatz sind. Und – wie gefährdet ihr Arbeitsplatz vielleicht ist.

Jürgen Bischof beginnt mit dem Rückblick – zuerst die guten Nachrichten. Der jüngste Erfolg der BI: sie haben „den Deckel” auf die jährliche Abfallverarbeitung gesetzt. Man habe sich in der Mitte getroffen. Die Anlage dürfe jährlich nur 105000 Tonnen Abfall verbrennen. Möglich wären viel mehr. Auch die Filteranlage sei besser, als sie sein müsste. „Das verdanken wir dem Druck der Weißenhorner”, betont Herbert Richter.

Dann die nicht so guten Nachrichten – die Schadstoffwerte. Bischofs Hochrechnungen zeigen: Jährlich gerieten rund zwei Kilogramm Schwermetalle in die Umwelt. Die Fakten, hochgerechnet in Zahlen für das Jahr, klingen zunächst erdrückend. Doch dann stellt Bischof die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte gegenüber. Und, wie er „ehrlicherweise” zugibt, liegen die Emissionen der Anlage weit darunter. Die Anlage dürfe weit mehr als das Hundertfache an Schwermetallen ausstoßen. Trotzdem: darum gehe es nicht. Entscheidend sei laut Bischof erstens, dass auch geringe Mengen an Schadstoffen – wie der Name schon sagt – Schaden zufügen und, wie eine Studie der Universität Stuttgart zeige, Lebensjahre kosten. Der zweite wichtige Punkt bezieht sich auf die Zukunft. Der Bürgerinitiative sind erste Überlegungen zu Ohren gekommen, die vorsehen, einen Teil der Filter wieder auszubauen. Das verbessere die Wirtschaftlichkeit.

Die aktuellsten Entwicklungen rund um die Anlage drehen sich um eine Erweiterung, den Anschluss an ein Fernwärmenetz und die Frage, ob sie 2021 aufgegeben wird. So sei es 1999 geplant worden. Das ist das Ziel der Bürgerinitiative: ein Weißenhorn ohne Müllverbrennungsanlage. Ein Anwesender muss es nochmals betonen, denn das hatten die Diskussionen bisher kaum berücksichtigt. Verhaltenes Nicken. Man rechnet nicht damit, dass die Anlage abgeschaltet wird. Sie sichert Arbeitsplätze und ist im Plus. Trotzdem bestehe diese große Forderung nach wie vor.

Aber im Einzelnen müsse man klar machen, dass auch bei Bestehen der Anlage bestimmte Dinge berücksichtigt werden müssten. Und das möglichst vor Ende März. Denn dann beschließt der Umweltausschuss des Kreistags voraussichtlich seine Empfehlung für die Zukunft der Müllverbrennung in Weißenhorn. Grundlage dafür ist ein Wirtschaftsgutachten.

Alles Nötige ist gesagt, Bischof setzt an, um die Vorschläge der anwesenden Bürger aufzunehmen. Punkt eins lautet: die Öffentlichkeit will Einblick in das Wirtschaftsgutachten. Weiterhin fordert die BI alle Entscheidungsträger dazu auf, den Beschluss nicht überstürzt zu fassen. Man solle sich mehr Zeit lassen, um das Für und Wider abzuwägen. Außerdem befürchten die Weißenhorner, dass die Anlage bald wirtschaftlicher betrieben werden muss. Ein Abbau der Filteranlage würde dem entgegenkommen – aber der Umwelt schaden. Für einen Besucher noch ein Grund mehr, von Bürgerseite wieder eine Messstation zu betreiben. Ganzjährig lägen die Kosten dafür bei rund 50000 Euro, das sei für die BI zu teuer. Punktuelle Messungen, vor allem an windschwachen Tagen, könne man aber ins Programm aufnehmen.

Ingenieur Gerhard Reisinger aus Illertissen bringt einen weiteren Aspekt in die Diskussion ein: Klar würde man Schadstoffe in der Luft messen können. Aber diese kämen nicht nur von der Anlage. Autobahn und heimische Heizungen seien ebenfalls Faktoren. „Die Müllverbrennung ist nur einer von vielen Emittenten in unserer Region”, erklärt Reisinger. Er schlägt daher vor, die BI neu auszurichten und den Blick auf alle Umweltverschmutzungen zu richten – auch in den heimischen Haushalten. Könnte man die Fernwärme der Anlage nutzen, wären Ölheizungen überflüssig. Nicht jeder Zuhörer ist sofort überzeugt. Ein solches Netz mache in Weißenhorn keinen Sinn. „Man müsste jahrelang die ganze Stadt aufbuddeln”, sagt ein Bürger. Trotzdem herrscht einheitlich Zustimmung. Die Energiewende fordere neue Perspektiven.

Das Ergebnis des Abends ist ein Papier, das Ängste und Forderungen der Bürgerinitiative auflistet. Das soll an den Landrat und die Kreisräte gehen – mit der Bitte um Stellungnahme. Die Bürger sollen alles im Internet nachlesen können. Das Fazit von Seiten der Anlagenmitarbeiterinnen: „Wir haben den Raum mit gemischten Gefühlen betreten. Aber alle Anwesenden brachten faire Argumente.”

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