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Neu-Ulm

29.09.2019

Bürgerverein Neu-Ulm: Wohltäter der Stadt gerät selbst in Not

Der Bürgerverein Neu-Ulm hat im Laufe der Jahrzehnte viel für die Stadt getan – zum Beispiel war er die treibende Kraft hinter den Stadtfesten im Vorwerk Illerkanal (hier ein Bild von 1994). Doch heute geht es dem Verein nicht mehr gut.
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Der Bürgerverein Neu-Ulm hat im Laufe der Jahrzehnte viel für die Stadt getan – zum Beispiel war er die treibende Kraft hinter den Stadtfesten im Vorwerk Illerkanal (hier ein Bild von 1994). Doch heute geht es dem Verein nicht mehr gut.
Bild: Gerrit-R. Ranft

Der Bürgerverein Neu-Ulm setzte sich jahrzehntelang für die Stadtentwicklung ein und kümmerte sich um Hilfsbedürftige. Doch heute steckt er in der Krise.

Zwischen April und September 2019 hat Neu-Ulm mit großem Aufwand sein Jubiläum „150 Jahre Stadterhebung“ gefeiert. Die Neu-Ulmer Zeitung, die heuer 70 wird, hat in all den Monaten ein paar Blicke in die Vergangenheit der Kommune getan, in ihre Gegenwart und – so weit möglich – in die Zukunft. Heute: der Bürgerverein.

Der Bürgerverein Neu-Ulm liegt im Koma. Nach Neu-Ulms ältestem Verein, der 1839 gegründeten Singgesellschaft, heute Sängergesellschaft, steht der 1842 ins Leben gerufene Bürgerverein vom Alter her immer noch an zweiter Stelle. Doch es geht ihm gar nicht gut. Öffentliche Veranstaltungen, die den Verein einst ausgezeichneten, finden nicht mehr statt. Intern laufen Gerüchte, Mitglieder hätten schon mal die Selbstauflösung vorgeschlagen. Der noch bestehende Vorstand zeigt sich außerstande, Verbindliches zur nächsten Zukunft der Vereinigung zu sagen.

Von der Obrigkeit damals misstrauisch beobachtet

Während es den Sängern Neu-Ulms vor 180 Jahren um die Pflege von Gesang und Geselligkeit ging, setzte sich der Bürgerverein für die Entwicklung einer Stadtgesellschaft ein, kümmerte sich gleichzeitig um Hilfsbedürftige in der Stadt. „Neu-Ulm zählte am Gründungstag 2. Februar 1842“, hält Willi Freyeisen als Autor der Chronik zu 150 Jahre Bürgerverein im Jahr 1992 fest, „600 Einwohner, von denen 120 Bürgerrecht besaßen“. Dass bürgerliche Vereinigungen im frühen 19. Jahrhundert noch die Ausnahme waren und von der Obrigkeit misstrauisch beobachtet wurden, spürte auch die Bürgergesellschaft, aus der 1873 der Bürgerverein hervorging.

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In der Bürgergesellschaft waren Honoratioren der Stadt Neu-Ulm vertreten

Die Vereinsgründung wurde erst im zweiten Anlauf von der königlichen Kreisregierung in Augsburg genehmigt. Zugleich wurde das „ Polizei Bureau in Neu-Ulm“ angewiesen, den „Verein streng zu beobachten, dass die genehmigten Statuten genau eingehalten werden“. Mitglied konnte nur werden, „dem ein guter Leumund zur Seite steht“. Dass es sich bei der Bürgergesellschaft durchaus um einen Zusammenschluss von Honoratioren der Stadtgesellschaft handelte, zeigt der Blick in die Liste der Vorstände. Bis 1974 erscheinen dort ausschließlich Handwerksmeister wie Maurer, Schornsteinfeger, Bäcker und Schmiede, unterbrochen nur von einem Landwirt und einem Kaufmann. Diese Tradition erlischt 1974 und deutet damit den Umbruch im Handwerk an. Jetzt steht ein Sparkassenangestellter an der Spitze, gefolgt von einem Sparkassendirektor. Heute führt den Verein ein Neu-Ulmer Stadtrat. Die Mitgliederzahlen stiegen und fielen von 115 im Jahr 1910 über 73 im Jahr 1918 auf 55 im Jahr 1951 und 201 in 1969. Als Spitzenjahr erwies sich 1982 mit 560 Mitgliedern. Heute dürfte die Zahl bei knapp 200 liegen.

Bürgerverein schenkte der Stadt den ersten Brunnen

Nicht nur um Einzelpersonen oder Familien hat der Verein sich gesorgt. Immer wieder hat er auch freiwillige Leistungen im Interesse der Allgemeinheit erbracht. Der Stadt, in der heute an allen Ecken und Enden das Wasser fließt, auf dem Heiner-Metzger-Platz gar als eine Art Wasserfall, hat er im Jubiläumsjahr 1967 für 2593 Mark den allerersten städtischen Brunnen geschenkt. Er ist in die Festungsmauer im Glacis eingebaut, direkt neben den Tischtennisplätzen. Dort fließt aber heute kein Wasser mehr. Geschmückt ist der Brunnen mit dem von zwei Putten (Donau und Iller) gehaltenen Stadtwappen. Für einen weiteren Brunnen zeichnet der Verein zumindest ansatzweise verantwortlich. Edwin Scharffs „Männer im Boot“, die heute auf hohem Sockel den Rathausplatz auszeichnen, hat der Verein 1980 für 20000 Mark als Fragment erworben und als Geschenk an die Stadt zunächst am Edwin-Scharff-Haus aufgestellt.

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Der Wohltätigkeitsverein, der sich den Bedürftigen in der Stadt verschrieben hatte, war mit den Jahren zum Wohltäter der Stadt selbst geworden. Allein in dem Vierteljahrhundert zwischen den Vereinsjubiläen 125 und 150 Jahre wurden rund 50000 Mark (umgerechnet 25565 Euro) gespendet, unter anderem an die Stadt und an die Kartei der Not, das Leserhilfswerk unserer Zeitung. Jahrzehnte hindurch war der Bürgerverein zudem die treibende Kraft hinter den Volksfesten im Vorwerk Illerkanal.

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In eine Krise geriet der Verein 1964, als der 78 Jahre alte Mathias Stetter altershalber nach 27 Jahren den Vorsitz niederlegte und zunächst kein Nachfolger bereitstand. Dann warf sich Schmiedemeister August Welte in die Bresche und rettete den Verein. Zugleich verordnete Welte ihm mit einem 25 Punkte umfassenden „Regierungsprogramm“ eine Rosskur. Weltes vor 55 Jahren zusammengetragene Ideen lesen sich heute wie die Vision von einer neuen Stadt. Neben Vorschlägen zur Stadtverschönerung wurden Forderungen vorgelegt, darunter ein Hallenbad, ein Kulturzentrum (das spätere Edwin-Scharff-Haus), Um- oder Neubau des Krankenhauses, Schaffung von Kinderspielplätzen und Buswartehäuschen, Verbesserung des Schulwesens, schließlich die Anschaffung eines Goldenen Buchs für die Stadt.

Die Posse um die "Bayernspritze" von Magirus

In letzter Sekunde rettete der Bürgerverein auch noch die von der Stadt ausgesonderte „Bayernspritze“, ein 1922 von Magirus gebautes Feuerwehrfahrzeug. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts hatte es in städtischen Diensten gestanden, war dann auf einem Lagerplatz am Wasserturm abgestellt worden, wo vor sich hin rostete. In Weltes Werkstatt wurde es von freiwilligen Helfern, auch Feuerwehrleuten und mit Iveco-Hilfe restauriert und wieder fahrbereit gemacht. In einer heute nicht mehr recht aufzuhellenden Mitgliederversammlung wurde die Bayernspitze vor einem Dutzend Jahren an einen Oldtimerklub in Göppingen verschenkt. Dies Geschehen rief nun allerdings die Stadtverwaltung auf den Plan. In zwei Zivilprozessen erreichte sie die Rückgabe der Bayernspritze, weil das städtische Eigentumsrecht an ihr nie erloschen war. Heute besetzt das 97 Jahre alte Gerät einen Ehrenplatz im „Magirus-Iveco-Museum“ am Baumgartenweg.

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