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Ulmer Zelt

04.06.2019

Christoph Sieber im Ulmer Zelt: Zweifeln lernen vom Meister

Einer der letzten Großmeister des Kabaretts: Christoph Sieber.
Bild: Andreas Brücken

Kabarettist Christoph Sieber ist bei seinem Auftritt im ausverkauften Ulmer Zelt unglaublich komisch, manchmal bitterböse und immer treffsicher. Das kommt an – und wie.

Die Welt im Autoland Deutschland ist aus den Fugen. Man darf nicht mehr einfach so mit dem SUV durch die Innenstadt düsen, die Ameisen sind nicht mehr so fleißig wie früher und Kapitalismuskritik, Identitätskrisen und Ketzerei hagelt es an allen Ecken und Enden. Ist unser Wohlstandsparadies am Ende? Das kann nicht ein – immerhin sind wir „die Guten“, findet jedenfalls Christoph Sieber. Und zeigt mit seinem Programm „Mensch bleiben“ im ausverkauften Ulmer Zelt virtuos, wie gutes Kabarett geht, bei dem der Deutsche am Ende mit Lachmuskelkater und schlechten Gewissen von dannen zieht. Sieber wäre nicht Sieber, brächte er es nicht zuwege, neben einer satten Prise Sarkasmus auch Licht ins Dunkel der Ungewissheiten zu bringen.

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Eigentlich mag der in Balingen geborene 49-Jährige seine Landsleute. Der Deutsche ist laut Sieber ein „Rastafari, gefangen im Körper des laubblasenden Korinthenkackers“. Ein gemütlicher Typ, der aber lieber „Recht behalten als im Recht sein“ möchte und der „Würde durch Hartz IV ersetzt“ hat. So heftig ist dieser Typus Mensch in seinen Arbeitstrott eingesponnen, dass er alles outsorcen muß: „Dienstag kommt der Dieter und schläft mit meiner Frau; ich selber komme ja nicht mehr dazu“. In der Freizeit entspannt der Deutsche „bis zum Burnout“. Die zugespitzten, treffsicheren und niemals platten Texte des Kabarettisten halten dem Zeitgeist nicht nur den Spiegel vor, sondern beziehen schonungslos Stellung: Man müsse endlich anfangen, nicht länger „die Armen, sondern Armut zu bekämpfen“. In der Republik der gesicherten Unsicherheiten macht Sieber kaum etwas so viel Angst wie die harten Nie-Zweifler in Talkrunden, deren Selbstgewissheit Ausdruck des Irrsinns ist: „Die hören auf keine Frage weil sie schon längst alle Antworten haben! Was wir brauchen, sind Zweifel. Im Zweifel: Für den Zweifel!“

Christoph Sieber im Ulmer Zelt: Zweifeln lernen vom Meister

Christoph Sieber zeichnet ein geistiges Bild der Bundesrepublik

Sieber macht es sich nicht einfach. Er hackt nicht auf Politikern oder anderen Berufsgruppen herum, sondern versucht ein geistiges Bild der Republik zu zeichnen. Mitunter mit geradezu schmerzhaftem Wahrheitsgehalt. Ein Volk, das sich von Apps manipulieren lässt („Ich hab heute mein Trinkziel noch nicht erreicht“), das Panikmachern in den „sozialen“ Medien auf den Leim geht und längst nicht mehr spürt, dass alle Solidarität verloren ist – da wird für Sieber „Würde“ zum Konjunktiv. „Die Zukunft von früher ist die Gegenwart von heute, die keiner will. Da reden Leute über Zukunft, die selber keine mehr haben!“.

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Sieber nimmt aber auch sich und seinesgleichen aus der Kabarettistenzunft nicht aus: „Die Unwahrheit sagen und dafür gemocht werden – das wäre toll.“ Aber er ist eben nicht auf den einfachen Schenkelklopfer aus – auch wenn es an Beifallsstürmen im Ulmer Zelt nicht mangelt. Nach mehr als zwei Stunden „Mensch bleiben“ hat man passgenau eine witzig formulierte und aufgeführte, gleichwohl bedrückende Innenansicht dieses Landes serviert bekommen. Aber Sieber lässt das Publikum nicht in bedrückter Stimmung heimgehen. Mit einer umwerfend komischen Reminiszenz an die eigene Kindheit, gespielt in aberwitzigem Tempo, kitzelt er Lachtränen hervor. Mit höchstem Wort- und Spielwitz sowie einmaliger Präsenz hat Sieber plattes Comedytum weit hinter sich gelassen. Na gut, „Im Kabarett sitzen heißt noch nicht, dass man Widerstand leistet“. Aber Sieber hat seinem Publikum witzig und elegant Begriffe wie Moral und Haltung ins Gedächtnis gerufen. Seine Pointen basieren nicht auf Gehässigkeit, sondern auf dem Anliegen, ein paar Dinge wieder gerade zu rücken. Tosender Applaus für einen der letzten Großmeister des Kabaretts.

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