Newsticker

Pflicht-Corona-Tests: Einreisende aus Risikogebieten müssen sich ab Samstag testen lassen
  1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Corona: Ärzte berichten von ihrem Alltag in der Krise

Landkreis Neu-Ulm

24.04.2020

Corona: Ärzte berichten von ihrem Alltag in der Krise

Auch in der Illertisser Arztpraxis Biesenberger, Kohlmann, Buchholz prägt Plexiglas das Bild. Am Empfang sitzen die medizinische Fachangestellte Alina Moll (links) und Ärztin Jessica Kohlmann (rechts).
Bild: Alexander Kaya

Plus In Praxen und Apotheken gelten in Corona-Zeiten noch höhere Hygienestandards als ohnehin schon. Der Alltag hat sich sehr verändert, Mediziner gehen ungewöhnliche Wege.

Das Telefon in der Arztpraxis klingelt – wie so oft in den vergangenen Wochen. Seit Corona die Welt in Atem hält, kommen weniger Menschen in die Praxis, sie rufen stattdessen eher an. Und das ist erst mal auch so gewollt. Ein unscheinbarer Zettel hängt an der Eingangstür zur Illertisser Arztpraxis Biesenberger, Kohlmann, Buchholz: Wegen der Corona-Pandemie darf niemand einfach so die Räume betreten, alle müssen sich zuvor telefonisch anmelden. Der Alltag in der Praxis ist anders, sagt Ärztin Jessica Kohlmann. Und nicht nur da: Auch die Apotheken werden mehr und mehr zur alternativen Anlaufstelle – bei Franziska Utzinger in Nersingen steht das Telefon kaum still. Eine Ärztin und eine Apothekerin erzählen.

Ärzte sitzen mit Mundschutz hinter Plexiglas

In der Praxis in Illertissen bietet sich schon am Empfang ein ungewohntes Bild. Wo sonst Arzthelferinnen hinter dem Tresen warten, sitzen jetzt die Ärzte selber – hinter Plexiglasscheiben und mit Mundschutz und Handschuhen ausgestattet. Niemand soll sich unnötig lange in der Praxis aufhalten: Von der Beratung bis zu den sofort fertig gemachten Rezepten oder Überweisungen geht alles schneller. Weil so viele Menschen, die anrufen, unsicher sind, sitzt nun immer einer der vier Ärzte der Praxis am Telefon. Dieses Modell hat sich laut Kohlmann bewährt.

Wegen Corona wird das Telefon häufiger zur Beratung genutzt

Denn der Arzt am Telefon kann die Symptome des Patienten schneller einschätzen als die Sprechstundenhilfe. „Wir lassen uns alle Details zur Krankheit erzählen und fragen gezielt nach, dann entscheiden wir, wie es weitergeht“, sagt Kohlmann. Reicht es, wenn der Patient einfach im Bett bleibt und eine Erkältung auskuriert? Oder ist die Lage so, dass der Anrufer in jedem Fall persönlich vorbeikommen muss? Teilweise bitten die Ärzte die Patienten, bestimmte Merkmale im Auge zu behalten und sich regelmäßig wieder in der Praxis zu melden. Patienten können zudem telefonisch krankgeschrieben werden, wenn sie einen Infekt haben, Corona aber gleichzeitig ausgeschlossen werden kann. Doch nicht nur das Telefon wird nun häufiger genutzt.

Corona: Ärzte berichten von ihrem Alltag in der Krise

In Illertissen gibt es eine Videosprechstunde

In der Illertisser Gemeinschaftspraxis steht den Patienten auch eine Videosprechstunde zur Verfügung: Es ist mittlerweile üblich, privat oder beruflich per Videotelefonie zu sprechen. In Illertissen können Patienten einen Termin für eine digitale Sprechstunde ausmachen, dann bekommen sie per Mail einen Link mit einer Pin zugeschickt. Alles ganz einfach: Link wählen, Pin eingeben, in die Kamera gucken – und schon sitzt einem der Arzt gegenüber.

"Der Alltag ist völlig anders"

„Der Alltag ist völlig anders als noch vor ein paar Wochen“, sagt Kohlmann, und die Vorgaben für die Ärzte änderten sich auch sehr oft. Es müsse mehr organisiert werden und die Beratung am Telefon habe stark zugenommen – weil jeder sich telefonisch anmelden soll und die Menschen nicht mehr so gerne in die Praxis kommen. „Die Leute haben teilweise Angst, sich im Wartezimmer etwas einzufangen“, sagt Jessica Kohlmann. Dabei gelten in den Praxen höchste Hygienestandards – auch vor Corona. Derzeit wartet jeder Patient in einem anderen Zimmer – um das gewährleisten zu können, ist die Anmeldung nötig.

Krankheiten lösen sich trotz Corona nicht in Luft auf

Mittlerweile kommen wieder etwas mehr Patienten in die Praxis. Kohlmann betont: „Jeder bekommt am selben Tag einen Termin.“ Und die Ärztin appelliert an alle, bei Unwohlsein einen Arzt aufzusuchen oder zumindest anzurufen. Schließlich lösten sich Krankheiten trotz Corona nicht einfach in Luft auf. Auch Impfungen und Vorsorge-Untersuchungen bei kleinen Kindern sollten weiterhin gemacht werden.

Viele Leute haben Angst, in die Apotheke zu gehen

Dem stimmt Apothekerin Franziska Utzinger zu. In den vergangenen Wochen seien viele Leute in die Apotheke gekommen, weil sie Angst hatten, sich beim Arzt mit Covid-19 anzustecken. „Wir können zwar auch beraten und einiges abdecken, aber wir ersetzen keinen Arzt“, betont sie.

Utzinger ist Sprecherin der Apotheker in den Landkreisen Neu-Ulm und Unterallgäu und betreibt Apotheken in Nersingen, Pfuhl und Burlafingen. Das Geschäft laufe gut, und als Vorbereitung auf die Maskenpflicht ab Montag nehme jeder zweite Kunde neben Medikamenten gegen Allergien oder anderes einen Mundschutz mit.

Teilweise dubiose Angebote

„Was vor drei Wochen das Desinfektionsmittel war, ist jetzt die Maske“, sagt Utzinger und lacht. In ihren Apotheken können Kunden etwa von Schneidern des Nersinger Brautmodenladens genähte Masken kaufen. Generell klingeln auch bei ihr die Telefone öfter – ein Mix aus Kunden, die nach Masken fragen, und Menschen, die solche verkaufen wollen. „Da sind teilweise auch dubiose Angebote dabei“, sagt die Apothekerin.

Apotheken und Ärzte arbeiten enger zusammen

Utzinger und Kohlmann loben die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apotheken. Man versuche, Älteren und Kranken mehrere Besuche zu ersparen. Rezepte werden deswegen zurzeit entweder gesammelt vom Arzt zur Apotheke gebracht oder die Apotheker holen sie ab. Die Medikamente werden wiederum per Lieferdienst zu den Patienten gefahren. „So müssen die Älteren oder chronisch Kranken weniger raus“, sagt Utzinger. „Das wird positiv angenommen, die Liefernachfrage hat sich mindestens verdoppelt.“ Gut finden beide, dass die besonderen Leistungen anteilig bezahlt werden: die telefonische und audiovisuelle Beratung sowie der Lieferservice.

Lesen Sie auch:

Spenden statt Ticket-Rückerstattung: Hilfsaktion für das Theater Ulm

Medizinstudenten aus Ulm kümmern sich um Menschen ohne Krankenversicherung

Erstmals seit Mitte März keine neuen Corona-Fälle im Landkreis

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren