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Cyberkriminalität

26.09.2014

Cyberkriminalität: Der Polizei laufen die Internet-Spezialisten davon

Das Verbrechen hat sich längst im Internet ausgebreitet. Die Mittel der Polizei sind dagegen begrenzt.
Bild: Oliver Berg, dpa

Er sollte in der Region gegen Betrug, Datendiebstahl und Kinderpornografie im Netz kämpfen – aber dann wollte der Informatiker doch nicht Ermittler werden. Kein Einzelfall.

Verbrechern, die im Internet Kinderpornografie und Hasspropaganda verbreiten, Kontodaten ausspähen und Bankkonten plündern, wollte die Neu-Ulmer Polizei künftig mithilfe eines Informatikers zu Leibe rücken. Doch der Spezialist ist abgesprungen, wie viele andere in ganz Bayern.

Informatiker mit Polizeigehalt kaum zu ködern

Weil die Maschen der Kriminellen im weltweiten Datennetz immer ausgefeilter werden, hat die Polizei einen harten Kurs angekündigt – doch die konsequente Verfolgung der Täter scheitert teils daran, dass es aufseiten der Ermittler nicht genügend Fachkräfte gibt. Deshalb sollten Computerspezialisten als Seiteneinsteiger verpflichtet und in einer verkürzten Ausbildung zu Polizisten gemacht werden.

Offenbar sind studierte Informatiker mit einem Polizistengehalt kaum zu ködern. Betroffen von der Misere ist auch die jüngst gegründete Spezialeinheit bei der Kriminalpolizei Neu-Ulm, die den Auftrag hat, gegen besonders schwere Fälle von so genannter Cyber-Kriminalität vorzugehen. Ein fünfköpfiges Team sollte bereits Anfang Mai die Arbeit aufnehmen. Neben Beamten, die bereits Erfahrung mit dem Thema Internetkriminalität mitbringen, sollte auch ein „absoluter Spezialist“ mit an Bord sein – ein Informatiker mit einem entsprechenden Studienabschluss. Dieser Spezialist schien auch bereits gefunden.

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An die Urheber der Cyber-Straftaten heranzukommen, ist kompliziert

Doch jetzt bestätigt Christian Owsinski, der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West Informationen unserer Redaktion, wonach dieser Informatiker erst gar nicht zur verkürzten Polizistenausbildung angetreten ist. Wo der fragliche Computerprofi nun arbeitet, ist nicht bekannt. Sicher ist aber, dass solche hoch qualifizierten Fachkräfte in der freien Wirtschaft händeringend gesucht werden und oft das Doppelte oder sogar mehr verdienen.

Ein zweiter Internetpolizist befindet sich laut Owsinski derzeit noch in der Ausbildung. Anzeigen im Bereich der Computerkriminalität werden unterdessen weiter von Polizisten mit entsprechender Zusatzausbildung bearbeitet. Die meisten haben sich laut Owsinski am Fortbildungsinstitut der bayerischen Polizei in Ainring weiterqualifiziert. Die Tricks der Verbrecher werden allerdings immer dreister und technisch immer raffinierter – womit auch die Anforderungen an die Polizisten wachsen. An die Urheber der Cyber-Straftaten heranzukommen ist kompliziert – zumal sie oft vom Ausland aus agieren. Eine bestimmte Art betrügerischer E-Mails, die stets ein reiches Erbe oder einen hohen Geldgewinn verspricht – vorher aber gewisse „Gebühren“ fordert, kommt meist aus Nigeria.

Gegen die Bedrohung aus dem Netz hat die Polizei wenig entgegenzusetzen

Während gegen diese Betrugsversuche am besten gesunder Menschenverstand hilft, werden auch heimische Unternehmen Ziel gefährlicher Ausspähversuche – etwa wenn es ausländische Mitbewerber auf wertvolle Firmengeheimnisse abgesehen haben. So können durch Internetkriminalität sogar Arbeitsplätze vernichtet werden. Der Bedrohung aus dem Netz hat die deutsche Polizei nach Meinung vieler Experten ohnehin zu wenig entgegenzusetzen. Durch die fehlenden Spezialisten verschärft sich die Lage nun noch weiter.

Die Situation bei der Neu-Ulmer Polizei ist beileibe kein Einzelfall, sondern deckt sich mit der Lage in ganz Bayern. Im Januar hatte das bayerische Innenministerium noch angekündigt, die Zahl der Computerspezialisten bei der Polizei auf 50 aufzustocken. Doch wie der Bayerische Rundfunk berichtet, ist nach Aussage der Gewerkschaft der Polizei (GdP) von den etwa 50 ausgebildeten Spezialisten knapp die Hälfte inzwischen zu Wirtschaftsunternehmen weitergezogen, wo sie deutlich besser verdienen. Nach den Erkenntnissen des Senders sind die verbliebenen Informatik-Spezialisten bei der Polizei „überlastet“. Ob dies auch für die Kräfte bei der Neu-Ulmer Kripo gilt, dazu will Sprecher Owsinski sich nicht äußern.

Seit Mai habe die noch unvollständige Truppe rund 150 Fälle bearbeitet. „Die Einheit befindet sich noch in der Aufbau- und Qualifizierungsphase“, sagt der Polizeisprecher. Dass die Gegenseite diese Phase längst hinter sich hat und mit immer neuen Maschen nach Daten und Geld der Bürger greift, das hat die Polizei selbst immer wieder betont.

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